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"Tatort"-Kritik "Deckname Kidon": Wenn der "Bergdoktor" auf Bond macht

Für eine Parodie zu ernst, für einen Agententhriller zu behäbig. Bibi Fellner und Moritz Eisner verstricken sich in die große Weltpolitik - und bleiben doch nur Statisten im Spiel anderer.

Von Jens Wiesner

Die "Tatort"-Kommissare Bibi Fellner (2. v. l.) und Moritz Eisner (1. v. l.) bekommen es mit iranischen Waffenschmugglern und israelischen Geheimagenten zu tun

Die "Tatort"-Kommissare Bibi Fellner (2. v. l.) und Moritz Eisner (1. v. l.) bekommen es mit iranischen Waffenschmugglern und israelischen Geheimagenten zu tun

Und glaubst du schon, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo der Mossad her: Bäm. Bäm. Bäm. Am Ende erledigen zwei Attentäter in Motorradkluft, was die Kommissare Fellner und Eisner nicht dürfen und Recht und Gesetz nicht vermögen. Der fiese Lobbyist Trachtenfels-Lissé ("Im Grunde meiner Seele bin ich ein Landwirt") liegt durchlöchert in seiner Limo. Fast erwartet man, unter der Sturmhaube des Schützen Til Schweigers grinsendes Gesicht zu erblicken. "Hey Kollegen, so macht man das!" Der Racheengel aus Hamburg ist ja selten weit entfernt, wenn das Publikum nach Selbstjustiz giert.

Es wäre ein Ende im Stil des großen "Kottan" gewesen. Selbstreferenziell und völlig gaga. Leider, leider hat sich das Wiener "Tatort"-Team aber dazu entschlossen, die Geschichte um einen toten Diplomaten, israelische Mossad-Agenten und das iranische Atomprogramm als mehr oder weniger ernsten Agententhriller zu erzählen. Und sich dabei mächtig verhoben.

"Homeland" im Kaffeehaus

Ich gebe zu, ich bin bereits mit Vorurteilen in diesen Krimi gestartet. Im Moment scheint es beim alten Täntchen "Tatort" in Mode zu sein, sich von amerikanischen Qualitätsserien inspirieren zu lassen. Fellners und Eisners letzter Fall weckte Erinnerungen an "Breaking Bad", nun las sich die Vorschau, als würden die Ermittler "Homeland" im Kaffeehaus nachspielen. Doch Fellner ist eben keine Carrie Mathison - und Eisner zwar hemdsärmelig, aber alles andere als ein österreichischer Peter Quinn.

Das wird schon in den ersten Minuten klar. Da spielt ein iranischer Botschaftsangehöriger den Prager Fenstersturz nach – mit tödlichen Folgen für ihn und ein ungeschickt geparktes Taxi. Selbstmord? Keine Chance, kombinieren die herbeigerufenen Kommissare. Schließlich hatte der Diplomat Opernkarten für sich und seine heiße Affäre geordert. Zum Glück für Fellner und Eisner treibt sich eben jene Dame vor dem Hotel herum, in dem der Todesfall geschah. Zufall? Egal. Bibi Bond nimmt die Verfolgung auf.

So wirklich mit dem Herzen dabei ist die Majorin aber nicht. Carrie Mathison hätte sich bis zur Selbstaufgabe verausgabt, wäre erst als völlig verschwitztes, keuchendes Wrack wieder zum Stehen gekommen. "Gib dir wenigstens etwas Mühe", möchte man Bibi Fellner dagegen zurufen, während sie der Zeugin im Professor-Hastig-Tempo hinterher "eilt". Als dann auch noch eine Straßenbahn im ungünstigsten Moment auf- und die flüchtige Dame abtaucht, klimpert es zum ersten Mal laut im großen Klischeeschwein der Drehbuchschreiber.

90 Minuten später ist das Schweinderl randvoll gefüllt. Wir haben Männer mit schwarzen Hüten gesehen, reiche Lobbyisten mit Beziehungen nach ganz oben und Geheimdienstler, die ihre Agententricks offenbar in alten "Yps"-Heften nachgelesen haben. Um Eisner auszutricksen, reicht es aber – auch wenn der vorgetäuschte Ohnmachtsanfall des Mossad-Agenten ungefähr so glaubhaft daher kam wie Walter Ulbrichts Beteuerung zum Mauerbau.

Doch lieber Schweiger

All das wäre noch zu verschmerzen gewesen, würde die Geschichte nicht so enervierend behäbig vor sich hinplätschern. Zu keinem Zeitpunkt gelingt es diesem "Tatort", ein wirkliches Gefühl für die Bedrohung zu erzeugen, die vom Scheitern der Mission und der Wiederaufnahme des iranischen Atomprogramms ausgehen würde. Da steht auf der einen Seite der Weltfrieden auf dem Spiel, und mich kümmert es tatsächlich mehr, ob Eisners Tochter irgendwann wieder laufen wird. (Die Szene, in der sie einen langen Nagel in ihren tauben Oberschenkel drückt, ist dann auch Highlight der Folge.)

Noch nicht einmal während der finalen Verfolgungsjagd gelingt es, Spannung aufzubauen – auch wenn uns die Musik etwas anderes weismachen will. Stattdessen setzen die Macher ausgerechnet hier auf absurde Komik (und putzige Igel!). Da ist ein Zug drauf und dran, hochsensible Technik über die Grenze außer Landes zu bringen – und Eisner, der seinen neuen Dienstwagen nicht beschädigen will, stellt sich lieber persönlich auf den Bahnübergang und winkt mit den Armen.

Dann doch lieber Schweiger. Der hätte den Zug gerammt. Krawumm!