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"Top Dog": Die Show für alle Felle

Deutschland ist auf den Hund gekommen: Für die TV-Show "Top Dog" Ende Oktober wird der Superhund gesucht. Mit Jury, Farbspray und Rasierapparat. Der stern war beim Casting dabei.

Von Alexander Kühn

Pfui, wie gemein von dem bösen Mann. Kay Radmacher ist bestürzt. Dieser Tierpsychologe hat gerade, und zwar "ziemlich von oben herab", seinen Königspudel als "grenzwertig" bezeichnet. Vielmehr das, was vom Pudel übrig geblieben ist.

Dabei hat Radmacher seinem Kassan doch nur den Hinterleib geschoren und die Beine. Um jede Pfote hüllt sich schützend ein Puschel weißes Restfell, als trage der Hund Stiefelchen, zwei weitere Puschel halten die Nieren warm; der Schwanz ist flauschig wie ein Staubwedel, auf der gegenüberliegenden Seite lugt unter gewaltigem Gewuschel ein dürres Köpfchen hervor. Von vorn sieht Kassan aus wie eine dem Schaumbad entstiegene Riesenratte.

Riesenratten im Pfötchenhotel

Kay Radmacher, 37, ist Friseur. Einmal die Woche rasiert er an seinem Hund herum. An Kassan, sagt er, schätze er besonders die weibliche Seite. Und dass er so sensibel sei. "Wir haben mit einer Menge Vorurteilen zu kämpfen. Ja: Mein Hund sieht gut aus. Aber dafür muss ich mich doch nicht an den Pranger stellen lassen!" Zur Besänftigung wird Herrn Radmacher ein Bier gereicht.

Es ist ein warmer Spätsommersonntag hier in Beelitz, südlich von Potsdam. Bellen und Kläffen von überall her, es riecht schwer nach Tier, das verfliegt auch im Freien nicht; die Notdurft jedoch wird höchst diskret erledigt, man weiß sich zu benehmen. 60 Vierbeiner und deren Zweibeiner haben sich im "Pfötchenhotel" eingefunden, einer Herberge, in der die Haustiere urlaubender Herrchen und Frauchen logieren. Die Tiere nächtigen im Doppelzimmer und können schwimmen gehen oder im Wald joggen. Einen Spielplatz gibt es auch.

Hunde machen sich zum Affen

Der Fernsehsender Vox bittet zum Casting, zur zweiten Auswahlrunde für die neue Show "Top Dog - Deutschland sucht den Superhund", die vom 24. Oktober an zum herbstlichen Programmhöhepunkt werden soll. Ein Format, an dem bereits die Zuschauer in Schweden ihre Freude hatten. Das Ganze ähnelt sehr der Talentlosshow "Deutschland sucht den Superstar", die der große Schwestersender RTL bald zum vierten Mal veranstalten wird. Für Vox machen Menschen nicht nur sich selbst, sondern gleich noch ihre Hunde zum Affen.

Kay Radmacher ist der Küblböck der Hundehalter: androgyn und immer etwas neben der Spur. Und so kommt er, bei aller Grenzwertigkeit seines halb nackten Pudels, eine Runde weiter - einen Hofnarren braucht jede Show, das wissen auch die Juroren, die vor kitschfarbener Kulisse die Auftritte der Kandidaten begutachten: der strenge Tierpsychologe Martin Rütter, Nachmittagsfernsehern bekannt durch das WDR-Magazin "Eine Couch für alle Felle", Diana Eichhorn, Reporterin der Vox-Sendung "hundkatzemaus", und die Luxus-Hundeboutique-Besitzerin Friederike de Jong.

Vierbeiner auf Show getrimmt

453 Hunde waren insgesamt gemeldet worden. In der ersten Runde wurden 60 ausgewählt; wer von ihnen jetzt die zweite Runde übersteht, hat bereits gewonnen: zwei Wochen in einem Trainingscamp. Dort springen die Tiere unter fachkundiger Anleitung durch Reifen und klettern durch Tunnel, posieren für ein Fotoshooting, tanzen und machen Modeschau, Dogwalk sozusagen. Zwei der Hunde werden schließlich im Finale gegeneinander antreten.

Hund mit "Charisma, Talent, Persönlichkeit

Gesucht wird nicht der perfekte, supergedrillte Hund. Sondern, wie Vox es artgerecht formuliert hat, einer mit "Charisma, Talent, Persönlichkeit", einer, aus dem man noch etwas machen kann. Bei "Deutschland sucht den Superstar" hat schließlich auch nicht der schöne Italiener gewonnen, sondern der bodenständige Bayer. Hund und Halter sollen sich gut verstehen. Für den Siegermenschen gibt's 10.000 Euro, für den Siegerhund ein Titel-Shooting für ein Hundemagazin.

Die Berlinerin Angelika Rink, 56, kam so unvermittelt zum Casting wie ein Rüde zur Kastration. Eine "Frau vom Fernsehen", erzählt sie, habe sie auf der Straße angesprochen, als sie mit ihren Hunden unterwegs war, und gefragt, ob sie drei nicht bei der neuen Sendung mitmachen wollen. Warum eigentlich nicht? Die leutselige Frau Rink ist Hundefriseurin und plädiert für artgerechte Haltung. Sie sagt: "Ein Hund ist ein Hund."

Wohl deswegen hat sie irgendwann angefangen, die Häupter ihrer beiden Pudeldamen mit Lebensmittelfarbe vom Bäcker zum Leuchten zu bringen. Angie strahlt rosé, Beverly pistaziengrün. Die Farben, sagt Frau Rink, wechsle sie ihrer Laune gemäß nach jeder Dusche, also alle zwölf Tage. Shampoo, Pflegepackung, föhnen, bürsten, Farbe aufsprühen. Grün, orange, hellblau.

Die Halsbänder der beiden sind mit Swarovski-Steinen besetzt, ein Hund ist ein Hund. Zur Feier des Tages hat Frau Rink ihren Süßen noch die Krallen lackiert. Bei der Jury kommen die Renovierungsarbeiten nicht gut an. "Hunde anmalen", sagt Martin Rütter, "geht gar nicht." Angie und Beverly sind draußen. Frau Rink sagt später, sie habe es ja vermutet, der Herr Rütter mag einfach keine Pudel.

Zu besichtigen ist beim Casting außerdem ein glatzköpfiger Lackierer mit Piercings in Unterlippe und Nasenwurzel, der sich extra für Vox in einer viereinhalbstündigen Sitzung seine Rottweilerdame auf den Oberschenkel hat tätowieren lassen, dazu den "Top Dog"-Schriftzug, den Geburtstag der Hündin und ein wenig Platz für das, man mag es beiden wünschen, in hoffentlich ferner Zukunft liegende Sterbedatum.

Angereist ist auch eine füllige Dame mit einem fülligen Neufundländer. Und Oskar, ein Schwein, das als Hund aufgewachsen ist, mit Gassigehen und Im-Körbchen-Schlafen; die Muttersau hatte ihn verstoßen. Oskar läuft außer Konkurrenz, er ist das Glücksschwein für seinen Stiefbruder, den Mischling Kalle.

Manche Hunde sehen tatsächlich aus wie Hunde. Gucci beispielsweise. Sein Frauchen ist Designerin und trägt einen gestreiften Blazer; er selbst ist ein Grand Basset Griffon Vendéen, so ein hellbrauner Zottel halt, mit Fell nature. Seine Urgroßmutter, erzählt die Besitzern stolz, ist das derzeitige Model für die Vollkostbrocken von Frolic. Gucci selbst war auch schon mal im Frühstücksfernsehen von Sat 1.

Viel habe er nicht drauf, gibt das Designerfrauchen zu, aber er sei ja auch hier, um sich etwas beibringen zu lassen. Im Moment rast Gucci orientierungslos durchs Studio. Gib Pfötchen, sagt Frauchen, und er gibt. Sag Mama, gurrt sie, und wahrhaftig: Gucci entlässt einen tiefen, zweisilbigen Rülpser in die Tiefe des Raumes. Da steckt Potenzial drin. Die beiden sind eine Runde weiter.

"Top Dog - Deutschland sucht den Superhund"

, die zwölfteilige Hunde-Casting-Show, ist ab dem 24. Oktober jeden Dienstag um 21:10 Uhr auf Vox zu sehen.

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