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300. Folge "Großstadtrevier": Zwischen Reeperstreet und Millerngate

Die ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier" ist nicht ganz großes Kino, aber dank Jan Fedder ganz großer Kult. Zur 300. Folge spielt die Polizeiserie nicht in Hamburg, sondern im Wilden Westen. stern.de war bei den Dreharbeiten dabei.

Von Tobias Schmitz

Gerade als der gefürchtete Bandit Frank Miller seinen Wurstfinger am Abzug des Revolvers hat, um Sheriff Clint abzuknallen, kommt der noch viel gefürchtetere Laubsauger ins Spiel. Eigentlich sollte Clint jetzt endlich sterben, hat es ja so gewollt der blöde Sack, hat ja nicht hören wollen, Strafe muss schließlich sein. Aber nicht mit dem Laubsauger. Der dröhnt jetzt unüberhörbar in den schönen Showdown rein. Irgendein Mitarbeiter der Stadt Bad Segeberg bekämpft offenbar lieber Blattwerk, statt sich um den reibungslosen Fortgang von Dreharbeiten zu kümmern, für die mal locker deutlich mehr als eine halbe Million Euro verbraten werden.

Ist ja alles da in Bad Segeberg, auf dem Gelände der Karl-May-Spiele, um den Wilden Westen in den kühlen Norden zu verlegen: General Store, Sheriff-Office, Saloon, Chinese Laundry. Nur angemaltes Sperrholz zwar, aber viel besser werden die Buden früher auch nicht gewesen sein. Die ARD dreht die 300. Folge der in Hamburg spielenden Vorabendserie "Großstadtrevier", die offenbar noch immer zum öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsauftrag gehört und selbst durch Drehbücher nah an der Volksverdummung nicht totzukriegen ist.

Einziger Grund, warum "Großstadtrevier" läuft und läuft und läuft: Jan Fedder als Dirk Matthies, der, so die offizielle ARD-Sprachregelung, "die Seele des 14. Kommisariats" verkörpert, mit Peterwagen 14-2 durch schöne Hamburg-Kulissen fährt, hier einer Oma hilft, dort einen jungen Drogendealer zurück auf den Pfad der Tugend leitet, niemals schießt, niemals verletzt.

Herrlich wenig Mienenspiel

Bei alle dem zeigt Fedder norddeutsch-nüchtern so herrlich wenig Mienenspiel, dass man sich manchmal fragt, warum die Produzenten die Dienstmütze nicht einfach einem Hinkelstein aufsetzen. Würde Kosten sparen, wäre aber nicht ganz so amüsant. Für die 300. Sendung, die am 10. Januar ausgestrahlt wird, verlegen die Macher das Großstadtrevier ohne Vorwarnung in den Wilden Westen. Die Stadt, über die Fedder als Sheriff Clint wacht, heißt Kiez City, es gibt - Achtung, Wortspiele jetzt, Englisch sprechende Menschen sind klar im Vorteil - eine Reeperstreet, ein Millerngate und ein "Holyghostfield".

Die Kutsche trägt die Aufschrift "14-2" wie Fedders Streifenwagen, im Saloon gibt es Fischbrötchen und der besoffene Häftling im Büro des Sheriffs ist Karl Dall. Irgendwann wird ihn der Sheriff frei lassen und sagen: "Gestern warst Du ja ganz schön high - nun geh!" High nun! Wie "High Noon"! Kapiert?

"Uns macht das Laune", sagt Fedder, zückt seine kleine Digitalkamera und macht noch ein paar Erinnerungsfotos. Dann, endlich, verstummt der Laubsauger. Alles auf Position, Klappe, bitte sehr: "Ich warne Dich, Clint! Ich knall Dich ab wie einen Hund!", brüllt der gefürchtete Frank Miller mit Revolvergefuchtel und großen, ganz großen Gesten.

Dann feuert er drei Platzpatronen in den per Lastwagen herangekarrten Sand. Clint, ungerührt, steht da wie ein Fels. Er würde nicht mal mit der Wimper zucken, wenn Frank Miller ihn - rein hypothetisch jetzt - mit Marschflugkörpern beschießen würde. Das ist das schöne daran, Jan Fedder zu sein: Tu einfach gar nichts. Blicke einfach nur starr nach vorn. Sieht super aus. Danke, nächste Einstellung.

Wieder Pause. Fedder schnackt kurz mit dem gefürchteten Frank. Tatsächlich handelt es sich um den gefürchteten Schauspieler Claude-Oliver Rudolph, der bösewichttechnisch unterstützt wird vom mindestens ebenso gefürchteten Schauspieler Martin Semmelrogge und dem kein bisschen gefürchteten, sondern ausnehmend netten, höflichen, Erdkundelehrerbart-tragenden Schauspieler Martin May. Ein schönes Bild für Cineasten - erstmals seit 30 Jahren steht mit Fedder, Rudolph, Semmelrogge und May wieder ein Teil der Crew aus Wolfgang Petersens "Das Boot" gemeinsam vor der Kamera.

Semmelrogge setzt, Drehpause, seine Brille mit dicken, getönten Gläsern auf. Er ist alt geworden, sehr alt sogar, was aber gar nichts macht, denn Bösewichte haben nun mal - man schaue sich bloß mal Herrn Rudolph an - fiese Visagen, Falten und einen verschlagenen Blick. Gut so. Spart die Maske. Fedder, noch immer Drehpause, unbewegtes Gesicht, zu Semmelrogge: "Kann das sein, dass Du gestern beim Griechen warst?"

Martin May lernt Reiten

Semmelrogge lacht sein listiges Bankräuberlachen, ein Schnarren eher, jaja, gab wohl Knoblauch gestern. Dann setzt Fedder, Blick auf Semmelrogge und Rudolph, staubtrocken noch einen drauf: "Martin May und ich sind hier die einzigen, die noch nicht im echten Knast waren." Semmelrogge grinst, Rudolph bekommt vom Regisseur den Tipp, als Bösewicht nicht nur zu hinken, sondern vielleicht auch noch zu stottern, was Rudolph später wirklich toll umsetzen wird: "Ich k-k-k-knall Dich ab wie einen H-h-h-hund." Martin May sagt, er habe extra für die Western-Folge Reiten gelernt, sechs Unterrichtsstunden, und 30 Meter Galopp würde er jetzt wohl hinkriegen, auch wenn das Pferd am Set anders funktioniere als sein Schulpferd.

Worauf Semmelrogge sagt, er besitze ja das bronzene Reitabzeichen, aber Segeberg sei gefährlich zu reiten, steile Felsen und so, früher einmal habe es ihn bei den Proben voll auf die Fresse gelegt mit Pferd, aber "toitoitoi", nichts passiert. Dann macht Semmelrogge mit dem Unterleib eine Bewegung, die Geschlechtsverkehr andeuten soll, grinst und schnarrt: "Zum Glück ging alles noch."

Später fällt Semmelrogge ein, er habe neulich auf dem Klo gesessen und da habe er kapiert, dass er den Job jetzt schon 40 Jahre lang mache, "40 Jahre! Mensch! Ne lange Zeit!" Und dann sagt er, er würde gerne mal einen Börsenmakler spielen, oder den "Mephisto". Aber keine Chance. Nicht beim Fernsehen. Die wollen ja immer das gleiche. Von ihm. Und überhaupt. Jan Fedder, etwas abseits, betrachtet die Bilder seiner Digitalkamera. Und lächelt.

Die Jubiläumsfolge von "Großstadtrevier" läuft am 10. Januar um 18.50 Uhr im Ersten

  • Tobias Schmitz