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Alexandra Patsavas: Die Soundtrack-Queen

Alexandra Patsavas, 40, zählt zu den einflussreichsten Musik-Gurus der TV-Branche. Sie treibt unbekannte Indie-Bands über Nacht an die Spitze der Charts. Über den Arbeitsalltag eines sogenannten "Music Supervisors".

Von Silke Roth

Chop Shop. Haben Sie bestimmt schon mal gehört. Das glauben Sie nicht? Doch. Denn hinter diesem Namen verbirgt sich kein neuer Musiktrend aus Kanada und auch keine Fastfoodkette aus China, sondern eine Firma, die Ihr wöchentliches TV-Programm musikalisch untermalt: "Private Practice", "Grey's Anatomy", "O.C. California", "Supernatural", "Without A Trace" - allesamt Serien, die von Chop Shop betreut werden. Alexandra Patsavas ist der Kopf des Ganzen. Seit zehn Jahren ist ihr Label Chop Shop Music Supervision eines der gefragtesten in der Film- und Entertainmentbranche. Spezialgebiet der fünfköpfigen Crew: Prime Time Erfolgsserien mit musikalischem Inhalt zu füllen.

Reine Stimmungsmache(r)

Music Supervisors werden engagiert, um die geeignete Musik für bestimmte TV-Szenen zu finden. Musik, die den Klangteppich für die Handlung ausrollt - und die manchmal mehr ist als nur Hintergrund, weil sie selber Geschichten von Trotz, Begehren oder Trauer erzählt.

Diese Soundtracks leben vom Kopfkino der Serienjunkies. Ihre Macher wissen genau, dass konstruierte Beziehungsdramen durch kalifornische Gitarrenklänge noch theatralischer wirken und Liedermacher à la Feist & Co prima zu unausweichlichen Schicksalsschlägen passen.

Knappe Budgets sind eine Chance für Newcomer

Alexandra Patsavas lebt für ihre Arbeit. Doch der vermeintliche Traumjob ist hart. Woche für Woche gilt es 400 Demotapes anzuhören, Myspace-Seiten zu durchforsten oder Live-Gigs in schäbigen Hinterhöfen zu besuchen. "Natürlich ist permanentes Scouting ein wesentlicher Teil meiner Arbeit, aber mit der musikalischen Schatzsuche ist er nicht getan. Ohne einen strikten Arbeitsplan wäre ich aufgeschmissen. Gut ein Viertel des Tages verbringe ich damit, mich um Rechte und Lizenzen zu kümmern und Nutzungsgebühren auszuhandeln. Das kostet wertvolle Zeit und ist zermürbend, zumal Newcomerbands vom anderen Ende der Welt kommen oder von Lizenzierung noch nie etwas gehört haben", sagt Patsavas offen.

Über die Budgets ihrer Auftraggeber redet sie nicht. Doch zwischen den Zeilen wird klar, dass ihr Interesse an unbekannten Indie-Bands nicht zuletzt auch wirtschaftliche Gründe hat.

Montags gehört, donnerstags auf Sendung

Produktionsfirmen setzen großes Vertrauen in die Musikexpertin. Etwa so groß wie der Berg an Arbeit, der wöchentlich auf die Vierzigjährige wartet. Sechs Sendungen betreut sie momentan, das bedeutet: Szenen sichten, ein halbes Dutzend Songs aussuchen, permanent Musik downloaden, Playlisten erstellen, um selbige wiederum mit Produzenten abzugleichen. Im schlimmsten Fall fängt dann die Arbeit noch mal von vorne an. "Je mehr sich eine Staffel dem Ende nähert, desto enger werden Deadlines. Gut möglich, dass ich einen Song montags höre, der donnerstags bereits auf Sendung geht". Eingängige Songs behält sie im Gedächtnis. Die schwedische Indie-Band für Operationsszenen oder die kanadischen Alternative-Rocker fürs Techtelmechtel mit Strandkulisse.

Wie man gut verhandelt und im entscheidenden Moment den richtigen Ton trifft, trainierte Patsavas früh. Als Teenager entdeckte sie ihr Faible für europäische Vinyl-Importe, während des Studiums organisierte sie Bandauftritte auf dem Campusgelände, und im Abschlussjahr machte sie sich mit einem kleinen Promotionbüro selbstständig. Anfang der 90er Jahre zog sie nach Los Angeles. Es folgten eine Anstellung beim Plattenlabel BMI und rund fünfzig B-Movie-Produktionen für Concorde Films.

Mit "Roswell" ging es los

1998 gründete sie Chop Shop Music Supervision und wurde prompt für die musikalische Einkleidung der Serie Roswell engagiert. Sicherlich gehörte auch ein Quäntchen Glück dazu, dass sie ausgerechnet im Jahr der letzten Roswell-Staffel auf Josh Schwarz stieß. Schwarz holte sie für sein Pilotprojekt The O.C (Dt. "O.C. California") ins Boot. Aus dem Engagement wurden vier Soundtracks plus zwei Best-of-Sampler, die sich weltweit über zwei Millionen Mal verkauften. Seither stehen Serienproduzenten Schlange bei ihr. Die Grammy-Nominierung 2007 für "Grey's Anatomy 2" in der Kategorie "Bestes zusammengestelltes Soundtrackalbum für Film, Fernsehen oder visuelle Medien" war ebenfalls gut fürs Geschäft

Auch Künstler schätzen ihre Arbeit. Schließlich sind einige wenige Songsequenzen zur besten Sendezeit mindestens so viel wert wie das Musikvideo auf MTV oder der Top 40-Platz großer Radiostationen. Bestes Beispiel: Snow Patrols Song "Chasing Cars" (siehe Video), der einen Tag nach der Ausstrahlung von "Grey's Anatomy" zum Top-Download auf iTunes wurde. Phänomenale Serienkarrieren legten auch Death Cab for Cutie ("O.C. California") und The Fray ("Grey's Anatomy") hin.

Die Musik muss für sich selber stehen

Doch wie schafft Patsavas es immer wieder aufs Neue, einen stimmigen Seriensound zu kreieren? Ein Erfolgsrezept hat sie nicht. "Am Besten ist es, wenn Musik zu einer eigenständigen Figur wird. Das müssen Produzent und Drehbuchautor zulassen. Schöne Musik macht zwar aus einer schlechten Szene keine gute, aber sie macht aus guten Szenen großartige."

Über Patsavas Zukunft sollte man sich übrigens keine Sorgen machen. So schnell werden die weinerlichen Teenieserien nicht vom Bildschirm verschwinden. Zur Sicherheit gründete das Organisationstalent Anfang 2007 mit Chop Shop Records ein eigenes Plattenlabel. Gefördert werden, natürlich, unbekannte Indie-Bands. Und wenn sich diese nebenbei als ideale Klangkulissen für Serien-Kunden eignen, umso besser.