ARD-Doku "Messners Alpen" Der Berg ruft wieder


Über Silvester zeigt das Erste die dreiteilige Doku "Messners Alpen", die kräftig mit den romantischen Klischees aufräumt. Bergsteiger Reinhold Messner hält sich dabei angenehm im Hintergrund und lässt lieber die Gebirgsbewohner von der Veränderung ihres Lebensraums erzählen.
Von Peer Schader

Es gibt da diesen Witz über den bekanntesten Bergsteiger unserer Zeit, und der geht so: Treffen sich zwei Yetis am Himalaya. Der eine sagt: "Du, ich hab' gerade den Messner gesehen." Da sagt der andere: "Gibt's den etwa wirklich?" - Vielleicht ist das der endgültige Beweis dafür, dass Reinhold Messner sowas wie eine lebende Legende ist. Wenn schon Witze erfunden werden, in denen man die Hauptrolle spielt, hat man es wohl geschafft. Mit dem Spott lässt es sich dann vermutlich ganz gut leben.

Sollte aber tatsächlich noch irgendwo ein Yeti an der Existenz des Südtiroler Extremkletterers zweifeln, so sei ihm hiermit geraten, zum Jahreswechsel mal das Erste einzuschalten. Denn dort taucht der 63-Jährige in der dreiteiligen Dokumentation "Messners Alpen" auf. Und die ist wirklich gelungen, weil sie so ganz auf Schneemenschenwitze und all die anderen Klischees verzichtet, sondern einmal zeigt, was das romantische Alpenidyll, das sich die Städter in den Kopf gesetzt haben, wirklich mit der Realität zu tun hat: nicht viel nämlich.

In drei Touren bereist Messner mit einem Kamerateam des Südwestrundfunks (SWR) die unterschiedlichen Welten, die sich inmitten der Gebirgskette auftun: von Monaco entlang der Westalpen zum Mont Blanc, von Wien nach Südtirol und schließlich zum Tourismusmagneten, dem Matterhorn, das wie eine Filmkulisse aus der Gipfellandschaft herausragt. Natürlich funktioniert diese Reise allein schon wegen der fantastischen Bilder, wenn die Kamera im Hubschrauber über die schneebedeckten Hänge rast oder am Boden voller Sorgfalt einsame Klöster und verlassene Dörfer ins Bild setzt. Aber die Autoren haben mehr gewollt als bloß Postkartenszenen abzufilmen.

Tourismus "massakriert" die Natur

Deshalb ist "Messners Alpen" auch eine Auseinandersetzung mit den Problemen der Region geworden: Immer mehr Menschen verlassen die Alpen, weil es sich dort nicht so komfortabel wohnen und arbeiten lässt, wie man sich das im Jahr 2007 vorstellt. Viele Orte sind bloß noch im Sommer belebt, wenn die Urlauber kommen. Die Dokumentation zeigt das sehr schön, indem sie den westalpinischen Ort Sambuco im Winter besucht hat, als nur ein einsamer Hund über die Straße streunte, und darüber die Bilder aus dem Sommer blendet, die exakt denselben Platz zeigen, nur dass er diesmal voller Rucksacktouristen mit Sonnenbrillen ist. Wirklich wohnen wollen hier nur noch neunzig Menschen. Alle anderen gehen, sobald es kalt wird.

"Messners Alpen" zeigt auch die Schwierigkeiten der Landwirtschaft, die sich immer weiter zurückbildet, weil sie sich kaum noch lohnt, und dass dadurch ganze Regionen verändert werden. Dabei haben Ackerbau und Viehzucht lange Zeit geholfen, den Lebensraum zu bewahren - weil die Bauern statt öder Monokulturen auf Artenvielfalt setzten. Allein vom Tourismus, so heißt es in der Doku, werden die Menschen in den Alpen kaum leben können. Die vielen Skitouristen machen die Landschaft kaputt, und die angebliche Sehnsucht nach Natur wird am Abend im nächsten Saufgelage auf der Hütte ertränkt. Beim Mountainbike-Rennen "Mountain of Hell" rasen wahnsinnige Biker auf 2500 Metern mit ihren Rädern über Felsenlandschaften. Leben im Einklang mit der Natur spielt hier keine Rolle mehr. Wie angenehm ist es, dass Messner trotzdem nicht den Zeigefinger hebt, sondern in kurzen Moderationen ganz nüchtern auf die Problematik hinweist. Argumentierten lässt er lieber die anderen: den Skigebiets-Manager, der an die Arbeitsplätze denkt, und den Volkskundler, der sich maßlos ärgert, wie die Natur für den Tourismus "massakriert" wird.

Es ist eine abwechslungsreiche Tour, die dem SWR mit "Messners Alpen" gelungen ist, weil sie so viele verschiedene Facetten des alpinen Lebensraums anspricht, dass einem als Zuschauer die Klischees vom „Heidi-Land“ plötzlich noch viel absurder vorkommen.

Die Alpen sind kein Kletterpark

Messner steht dabei nicht permanent im Vordergrund, was glücklicherweise verhindert, dass aus den Filmen eine Personality-Show wird. Der Rekord-Bergsteiger mag Namensgeber für die Reihe sein, im Mittelpunkt stehen aber diejenigen, die in den Alpen leben und etwas verändern: Architekten, die Dörfer modernisieren, um weitere Abwanderungen zu vermeiden, und Konstrukteure, die moderne Alternativen zum längsten Tunnel der Welt unterm Gotthard-Pass entwickelt haben - auch wenn dieser sich längst im Bau befindet. Natürlich ist auch vom Klimawandel die Rede, von wegschmelzenden Skigebieten und Wissenschaftlern, die in riskanten Abseilmanövern Daten aus Messgeräten übertragen, die in den Steilwänden angebracht wurden, um Temperaturschwankungen zu messen. Genauso wie von Schafhirten und Bauern, die nicht wissen, ob ihre Kinder ihre traditionsreichen Berufe fortführen werden.

Zum Schluss mahnt Messner dann doch noch einmal, dass die Menschen sich anstrengen müssen, die Alpen als Lebensraum zu bewahren, und sie nicht kurzsichtig dem erzwungenen Urlaubsvergnügen opfern dürfen. Und er warnt vor allzu leichtsinnigen Bergsteigmanövern: "Die Alpen sind kein Kletterpark." So ausgewogen, unterhaltsam und lehrreich ist selbst die ARD in ihren Reportagen nur selten. Einmal im Jahr, wenn die Berge rufen, scheint es aber zu gehen - so wie im Vorjahr für "Die Rockies", die Klaus Bednarz, Gerd Ruge und Fritz Pleitgen für einen Dreiteiler zwischen den Jahren bereisten. Umso ärgerlicher ist es, dass das Erste für "Messners Alpen" nun nur Platz am Nachmittag hat. Es hilft ja nichts: Notfalls muss eben der Festplattenrekorder programmiert werden. Das nächste Mal kriegen wir sowas ja frühestens nach dem nächsten Weihnachtsfest wieder zu sehen.


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