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Axel Milberg: Der Profi

Er kann alles: Spießer, Gangster, "Tatort"-Kommissar, Landarzt, Triebtäter. Axel Milberg ist einer der besten und vielseitigsten Schauspieler, die wir haben.

Von Wolfgang Röhl

Außen. Tag. Kaff an der Nordseeküste. Ein Anzugträger um die 50, Bauch auf dem Vormarsch, Haare auf dem Rückzug, die Linke am Kopf, den Kopf schräg nach unten zum Pflaster geneigt. Eine Minute oder zwei steht er da, regungslos. Gerät urplötzlich in Rage: "Du Mistvieh, verschwinde! Lass mich in Ruhe! Geh aus meinem Leben! Du stinkendes Ungeheuer! Du haariges Biest! Dreckige Töle! Aus! Loslassen!"

Aber da ist gar kein Hund, nur ein gegen Windgeräusche mit Kunstfell geschütztes Mikrofon, in das der Wüterich brüllt. Was entsteht, ist eine Tonaufnahme. Der Mann im Anzug, den angeklebte Augenbrauen erstaunlich verändert haben, heißt Axel Milberg, und manche der Zuschauer, die am Eingang der abgesperrten Gasse stehen, wissen, was hier läuft. In Neuharlingersiel drehen sie eine neue Staffel der Fernsehserie "Doktor Martin". Milberg spielt einen exzentrischen Landarzt, der kein Blut sehen kann. Als Running Gag verfolgt ein französischer Terrier den Doc mit unbeirrbarer Zuneigung. Der Köter hat soeben, wie es das Drehbuch will, das Stethoskop des Arztes mit einem Knochen verwechselt.

Mit Liebe zum Detail

Das ZDF strahlte die ersten sechs Folgen, die von der englischen Arztserie "Doc Martin" kongenial ins plattdeutsche Milieu transplantiert wurden, 2007 aus. Trotz ungünstigster Platzierung während des sommerlichen Frauenfußball-WM-Fiebers erreichte sie im Schnitt 3,5 Millionen Zuschauer. Milberg, 52, verheiratet, vier Kinder in einer Patchworkfamilie, liebt die Serie, wie nur ein Schauspieler sein Projekt lieben kann. Einer, der 17 Jahre an den Münchner Kammerspielen war und der sich mit Haut und Haar auf Stoffe einzulassen vermag. Acht neue Folgen dreht er in einem Rutsch, unterbrochen von einer vierwöchigen Ferienpause, kümmert sich dabei sogar um Details der Ausstattung, diskutiert noch am Set mit der Regisseurin Claudia Garde und den Schauspielern, ob man diese oder jene Übersetzung aus dem Englischen nicht anders formulieren müsste. "Dieses Pferd reite ich", sagt er mit einer Stimme, die oft klingt, als hätte er was in der Nase. Der Sender hat sich auf die kostspielige Produktion nur deshalb eingelassen, weil der populäre "Tatort"-Star Milberg für die Hauptrolle zugesagt hatte.

Ein schneidendes "Aaachtung ... wir drehen!", und Milberg ist auf einen Schlag wieder der bockige, verdruckste, misanthropische und dennoch sympathische Halbirre in Weiß, der gerade auf der Polizeiwache die Heilpraktikerin anbrüllt. "Der legt einfach den Schalter um, und - bums - ist er in der Rolle", bewundert ihn der altgediente Produktionsleiter Peter Brodhuhn. "Bewegt sich wie Doktor Martin, guckt so, redet so. Hab ich so extrem noch bei keinem Schauspieler erlebt."

Schauspieler sind Irrlichter

Milberg ist Schauspieler, kein Darsteller. Letzterer stellt in unterschiedlichen Verkleidungen sich selbst dar, wie Hans Albers oder der Albers nicht ganz unähnliche Jan Fedder, als dessen Widerpart Milberg in der Siegfried-Lenz-Verfilmung "Das Feuerschiff" auftrat. Schauspieler sind etwas anderes, nämlich Irrlichter. Milberg hat die Theaterklassiker rauf und runter gespielt, von "Don Carlos" bis "Nathan der Weise", bevor er sich auf Film und Fernsehen kaprizierte. Dort mimte er Clowns und Intriganten, Korrumpierte und Korrumpierer. In den großen Schuhen von Gerd Fröbe ist er als Kindermörder im Remake von "Es geschah am helllichten Tag" tadellos durch den Wald spaziert. Die Rolle ging an die Grenzen dessen, was Schauspieler zu tun bereit sind. Schwitzend vor kranker Geilheit Kinderbilder zu betrachten und sich dann stöhnend den Hosenstall zu öffnen, das ist riskant fürs Image. Viele Zuschauer sind chronisch unfähig, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. "Ich könnte hier in Neuharlingersiel Rezepte mit Doktor Martin unterschreiben", sagt er ernsthaft. Sein Mund kräuselt sich dabei zu einer ironischen Figur, dem Markenzeichen des Axel Milberg. Dem Kommissar Borowski im Kieler "Tatort" verlieh er ein nordisches Kolorit, auf das Fremdenverkehrsämter gern verzichten. Wie er da auf unfassbar tonlose Weise "Ich höre" ins Telefon nölt, ein von der Welt sui generis angepisster, durch nebelverhangene Hafenlandschaften stromernder, stets stinkig und besserwisserisch aufgelegter "Brummelbulle" ("stern tv magazin") - das hat Flair. "Wir haben den Borowski-Charakter jetzt aber etwas aufgehellt", sagt er.

Sein Durchbruch kam mit der Rolle als Spießervater in der Komödie "Nach fünf im Urwald". Inzwischen ist er dick im Geschäft. Zwei "Tatort"-Folgen und acht "Doktor Martin"-Episoden hat er 2008 abgeliefert, im "Tapferen Schneiderlein" der Gebrüder Grimm einen wunderbaren König gegeben. Dazu an vier Krimihörspielen von Mankell mitgearbeitet und eine Ulrike-Meinhof-Biografie auf CD gesprochen. Mit Mankell ist er durch Deutschland getourt, hat aus dessen verunglücktem Schinken "Der Chinese" gelesen und den Schweden nebenbei intensiv beobachtet. "Trägt scheußliche Knitterhemden. Setzt sich meist abseits und will nicht gestört werden." Mankell hat trotzdem zwei neue Kieler "Tatorte" geschrieben.

Irrsinniger Stress am Theater

Warum hat er das Theater hinter sich gelassen, jene dünnen Bretter, ohne die viele Mimen nicht glauben existieren zu können? "Es gibt verrückte Hierarchien an den Bühnen", sagt er, "und irrsinnige Spannungen. Man probt ein Stück sechs, acht Monate lang, totaler Stress." Der rigide Knigge der traditionell schwer linkslastigen Mimenszene nervte auch. "Man darf am Theater keinesfalls im Cabrio vorfahren."

Wieso nicht? "Dann gilt man als konsumfixiert. Man sollte auch nicht seine Frau zu Festivitäten mitbringen. Außer, sie ist am halben Körper tätowiert und gepierct." Milberg ist mit der Münchnerin Judith verheiratet, die vielleicht zu schön und zu elegant ist für so manchen Theaterzausel.

Aber das Schlimmste war der Trott, die Routine. "Das Theater verplant das Leben. Ich wollte wieder Herr meiner Termine sein, nicht mehr am 25. Dezember Auftritt haben. Und ich wollte endlich wieder den Himmel sehen." Den "Tatort"-Job hat er auch deshalb so gern angenommen, weil er während der Dreharbeiten in Kiel seine Eltern besuchen kann.

Mit dem Segen der Erzeuger

Milberg stammt aus einer gutbürgerlichen Akademikerfamilie der Fördestadt, die von seinem Hang zur Bühne wenig entzückt war. Da er jedoch das erste der drei Kinder war, das sich selbst ernähren konnte ("mein Bruder ist Jurist und meine liebenswerte Schwester hat gut geheiratet"), erhielt er den Segen der Erzeuger. Er hatte Verständnis für ihre Bedenken. "Man muss schließlich kein konservatives Arschloch sein, um die Schauspielerei suspekt zu finden."

Die Sache mit dem Ernähren schlug schließlich zurück. Als Staatsschauspieler, erinnert sich Milberg, sei er kurz davor gewesen, im "Unkündbarkeits-Tran" zu versacken. "Da kriecht einem im Laufe der Jahre das Gefühl den Rücken runter, dass man eine Angestelltenmeise kriegt. Immer das Gleiche, nur mit neuem Regisseur, neuem Intendanten." Rudolph "Mosi" Moshammer habe ihn mal gefragt: Muss man eigentlich Kommunist sein, wenn man beim Theater ist? "Da war das Penthouse unterm Mopp wohl unbewohnt."

Ach ja? Wie viele CSU-Sympathisanten sind wohl am Berliner Ensemble eines Claus Peymann beschäftigt? Und wie viele der Linken? "Na ja, Peymann … Der nannte unsere Kammerspiele mal die Bonbonniere des deutschen Theaters."

Milberg liegt das Meer so wie die Alpen

Wir fahren mit Milberg auf einem Krabbenkutter zur Insel Spiekeroog, wo Szenen der Serie gedreht werden. Der Kieler liebt die Weite des nordfrischen Himmels, natürlich, hat aber auch ein Faible für die Alpen entwickelt, seit er vor vielen Jahren nach München zog. Er mag die sattgrünen irischen Landschaften am Shannon, wo er mit seinem Sohn Moritz auf einem Kabinenkreuzer geschippert ist. "Alles aus der Kuheuterperspektive betrachten, herrlich." Halbgare Gegenden wie das Sauerland meidet er.

Wer fragt, ob ihn privat etwas mit den vorwiegend neurotischen, arroganten Gestalten verbindet, die er so überzeugend mimt, dem antwortet er mit Ödön von Horváth: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." Die Grundfarbe von dem, was er ist und was er am liebsten spielt, sei "leicht, locker, beiläufig, nicht belehrend". Milberg ist ein Entertainer, der einen noch nach Stunden nicht langweilt. Er formuliert druckreife, hübsche Sentenzen wie die, Unterhaltung im Fernsehen sei ihm meistens zu verständlich, zu wenig Fragen offen lassend: "Ich hab gern Sachen, die einem nicht auf dem Schoß sitzen und um Sympathie buhlen." Immerzu verfällt er in Mundarten, die mit den Sujets des Gesprächs korrespondieren, eine regelrechte Marotte. Und er beobachtet die anderen. Flink wandern die Augen unter dem Schirm der Baseballmütze hin und her. Die Umwelt permanent zu scannen scheint ihm ein Mittel zu sein, schauspielerisch à jour zu bleiben. Seine Klatschgeschichten ("wie der Wolfgang Rademann und ich mal den sturzbesoffenen Jopi Heesters und seine Frau ins Hotelbett verfrachteten ...") sind Perlen der erlebten Komik.

Mit Kuli und Klopapier

Wir sitzen vor dem Lokal "Teetied" auf Spiekeroog, als eine Urlauberin an den Tisch kommt, in der Hand einen Kuli und ein Stück Papier, das aussieht, als hätte sie es von der Klorolle gerissen. Die Frau brabbelt ins laufende Gespräch hinein: "Sind Sie nicht der ... aus ...?"

"Wer? Woher?", fragt Milberg tückisch unter seiner Baseballkappe hervor. "Also der ... aus ... ausm Fernsehen, nich?" "Ich habe ein Durchschnittsgesicht", sagt Milberg. "Isser nicht, Papa", kräht die Frau zu ihrem Mann hinüber, dreht sich um und geht grußlos ab.

Himmel! Berühmtsein hat einen Preis. Für Urlauber sind die Dreharbeiten eine Attraktion. "Neuharlingersiel ist ja ein großer Seniorenteller", lästert Milberg. "Bizarr, wie ältere Leute auf mich zukommen und mir im 120-Sekunden-Timeslot ihr Leben erzählen. Die glauben, man sei eine Heils- oder Erlösergestalt. Wirklich, die denken, der Segen der Prominenz hat uns mit dem Suchscheinwerfer gestreift, jetzt können wir unser Leben verlängern." Die Identifikation mit Fernsehhelden, das hat er beim Kieler "Tatort" gespürt, funktioniere hauptsächlich über Serien. "Hat mit mir als Person überhaupt nichts zu tun. Es liegt allein am multiplikatorischen Zauber des Mediums Fernsehen".

Ein Weg zurück?

Am Hafen tutet der Kutter. Zeit, die Insel zu verlassen. Finale Frage: Führt kein Weg zurück zum Theater, und sei es nur mal gastspielweise?

Milberg sagt, er möchte schon ... wenn terminlich möglich ... Kreist überhaupt noch ein Tropfen Theaterblut in ihm? Da bleibt er abrupt auf dem Deichweg zum Hafen stehen. Und deklamiert aus dem Gedächtnis in den brausenden Nordwestwind hinein Verse aus "Die Perser" von Aischylos in der Nachdichtung von Volker Braun: "Dies wird der größte Sieg, den wir je herausfochten, nämlich mit nackten Händen werden wir ihre Schwerter zerbrechen und wenn die steinerne Mauer fällt, wie von selbst wächst eine Mauer dann nach aus Menschenleibern, die ist undurchdringlich ..."

Er ist jetzt etwas außer Atem. "Da stehe ich dann also als Xerxes auf der Bühne, stehe da ohne Verkleidung, habe nichts, was zur theatralischen Behauptung ein Schutz wäre. Das ist der Größenwahn: ICH bin ein Kriegstreiber!"

Die Deichschafe haben aufmerksam zugeguckt. "Gehen Sie schon voraus zum Kutter", sagt Milberg. "Ich muss noch mal rasch für kleine Jungs."

"Tatort: Borowski und die heile Welt", Sonntag, 3. 5., 20.15 Uhr, ARD; "Doktor Martin" (1/8), 7. 5., 20.15 Uhr, ZDF

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