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Bjarne Mädel: Gehobener Durchschnitt

Er ist einer der witzigsten Schauspieler Deutschlands. Jetzt hat Bjarne Mädel, der Ernie aus "Stromberg", seine eigene Serie bekommen: "Der kleine Mann". Ein Höhepunkt der TV-Saison.

Von Alexander Kühn

Am Anfang muss eine Verteidigung dieses Mannes und seiner Arbeit stehen. Nicht dass man ihn, nur weil er in lustigen Serien mitspielt, in einen Topf wirft mit jenen bedauernswerten Sketchdarstellern, die mangels besserer Angebote mit Gags vor die Kamera treten, welche auch durch Lacher vom Band nicht zu retten sind.

Bjarne Mädel, 41, ist Schauspieler. Er hat in Erlangen Theaterwissenschaft und Literatur studiert, in Potsdam die Schauspielschule besucht und war an renommierten Bühnen engagiert. Sein Gespür für Pointen ist kolossal; er nimmt das Komische sehr ernst. Bei aller Albernheit lässt er seinen Figuren ihre Würde, und seien sie noch so arme Würste. Wie ein großer Bruder passt er auf sie auf.

Ließe man einen Computer den Durchschnittsdeutschen entwerfen, würde er womöglich das Gesicht von Bjarne Mädel ausspucken. Weil es nach so richtig viel nichts aussieht. Dass Mädel privat über Jahre mit einem T-Shirt rumlief, auf dem "Unterschätzt" stand, mag man unter Koketterie verbuchen. Wahr ist aber, dass Regisseure ihn anrufen, wenn es Verlierertypen zu besetzen gilt.

Chronisch unterschätzt

Der Kruse war so einer, den er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg spielte, in "Bandscheibenvorfall": ein Büroangestellter, der unter seiner Bedeutungslosigkeit leidet. Und natürlich Ernie, Mädels Paraderolle in der Pro-Sieben-Serie "Stromberg". Der mit den Schweißflecken und den abscheulichen Krawatten, von Bürokollegen gemobbt, vom Chef gedemütigt. Ralf Husmann, der sich "Stromberg" ausgedacht hat, bescheinigt Mädel einen "hohen Heinz-Rühmann-Faktor". Weshalb er ihm jetzt eine Serie auf den Durchschnittsleib geschrieben hat, die mit Abstand amüsanteste der Saison: "Der kleine Mann".

Die männliche Mauerblume, die Mädel hier spielt, arbeitet in einem Elektrofachgeschäft. Ausgerechnet dieser Rüdiger Bunz wird fürs Fernsehen entdeckt. Mit Werbespots, in denen er Schnaps trinkt, erlangt er Berühmtheit, mit einem Mal lassen sich wildfremde Menschen mit ihm fotografieren. Rüdigers Chef ist gar nicht angetan von dem Fernsehgedöns, Rüdigers Frau nur bedingt. Rüdiger selbst weiß nicht so recht.

Bjarne Mädel ist nach Hamburg gekommen, um über seine Serie zu sprechen. Und über die anfänglichen Schwierigkeiten mit Rüdiger. Er habe Angst gehabt, immer wieder in den Ernie aus "Stromberg" zurückzufallen, der sei einfacher zu spielen mit seinen Macken, dem zwanghaften Hosehochziehen, den abgeschmackten Sprüchen. "Rüdiger dagegen ist der, den du nicht wahrnimmst, wenn er in einer Gruppe steht. Das ist schwer darzustellen, ohne zu langweilen."

Eine rührselige Geschichte

Mädel, das sagen seine Freunde, könne sich gut in Figuren hineinversetzen, weil ihn das Schicksal von Menschen so anrühre. Und sie erzählen die Geschichte, die wunderbar in einen Slapstickfilm passen würde, aber auch in eine Schnulze, es käme auf die Erzählweise an: Wie er einmal seine alten Wanderstiefel zum Schuhcontainer bringen wollte, doch den Container gab es nicht mehr, weshalb er die Schuhe einer Obdachlosen schenkte, der vor Glück die Tränen kamen. Im Weggehen plagte ihn das schlechte Gewissen ob des Drecks, der an den Schuhen klebte, er drehte um, entschuldigte sich, die Frau weinte noch heftiger, er ließ sie allein. Um sogleich zurückzukehren, weil ihm die Idee gekommen war, ihr einen Kaffee auszugeben, aber da war sie verschwunden. Die Begegnung beschäftigte ihn noch Tage.

Als Schüler hat Mädel, um sich ein Moped leisten zu können, auf einer Werft gejobbt. Schlacke schaufeln, mit der Drahtbürste den Rost wegschrubben, dem Lackierer zur Hand gehen, abends Nasenbluten von den Dämpfen. Geblieben ist ein großer Respekt vor denen, die leichtfertig "die kleinen Leute" genannt werden. Bei Dreharbeiten, das erzählen Kollegen, freunde Mädel sich als Erstes mit jenen an, für die andere Schauspieler sich kaum interessieren, den Technikern oder den Beleuchtern.

Neulich stand er auf einer Party neben Bastian Pastewka, plauderte mit Nora Tschirner, mit Katharina Wackernagel. Und war verblüfft, dass diese Prominenten sich für ihn interessierten. Bis ihm klar wurde, dass er selbst einer von diesen Prominenten ist. Manchmal, da geht es ihm wie dem kleinen Rüdiger, wundert er sich ein bisschen über sein eigenes Leben.

"Ein kleiner Mann" läuft immer dienstags um 22.40 Uhr auf ProSieben

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