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Krimi-Serie "Broadchurch" im ZDF Ein Dorf am Abgrund


Diese Serie wirkt nach: Der britische Vierteiler "Broadchurch", ab Sonntag im ZDF zu sehen, erzählt in ruhigen Bildern eine Krimitragödie - und könnte das Genre prägen.
Von Christian Ewers

Ein Junge liegt tot am Strand, ermordet. Es ist Danny, der Sohn des Klempners und seiner Frau. Jeder im Küstendorf Broadchurch hatte mit Danny zu tun, und deshalb steht auch jeder unter Verdacht, ihn umgebracht zu haben.

So simpel hat der Brite Chris Chibnall, 45, den Plot seiner Fernsehserie "Broadchurch" angelegt. Ein Dorf, dessen Idylle durch einen Mord zerstört wird und dessen Bewohner sich gegenseitig beschuldigen - das ist in Literatur und Film schon vielfach dargestellt worden. Und dennoch gehört "Broadchurch" zum Besten, was das Genre Kriminalserie zu bieten hat. Chibnall ist ein meisterhafter Erzähler. Er nimmt sich viel Zeit, um seine Figuren zu entwickeln. Die beiden Ermittler, der wortkarge Alec Hardy (gespielt von David Tennant) und die mütterliche Ellie Miller (Olivia Coleman), gewinnen erst langsam an Tiefe; es sind keine Kommissare vom Reißbrett, die von der ersten Sekunde an die Sympathie des Zuschauers gewinnen wollen. Hardy bleibt bis zum Schluss ein unterkühlter Charakter, der ein Geheimnis in sich trägt.

US-Adaption der Serie

Die Erstausstrahlung von "Broadchurch" 2013 in Großbritannien war ein beeindruckender Publikumserfolg, der bis heute Nachahmer anzieht. In den USA wurde die Geschichte unter dem Titel "Gracepoint" adaptiert (zu sehen ab 26. Mai auf Sky Atlantic), in Deutschland entlehnte das ZDF für seinen Thriller "Tod eines Mädchens" Motive aus Chibnalls Serie. Und auf der Fernseh-Fachmesse MipTV, die in der vergangenen Woche in Cannes stattfand, wurden zahlreiche Projekte mit dem Versprechen beworben, "im Stil von 'Broadchurch'" gedreht zu werden.

Wenn man heute mit Chibnall redet, zeigt er sich noch immer überrascht vom Erfolg der Serie. "Ich habe bloß versucht, die Gefühlswelten aller Beteiligten darzustellen. Das sollte der Klebstoff sein, um das Publikum zu binden" , sagt Chibnall. "Aber ich war mir nie sicher, ob das klappt. Man lebt als Autor ständig in der Angst, die Leute zu verlieren. Bis zum letzten Satz, den man in die Tastatur tippt."

Zwei Jahre schrieb er an den Büchern zur ersten Staffel. Mittlerweile arbeitet der Brite, der seine Fernsehkarriere als Archivar bei einem Sportsender begann, am dritten Teil und schlug dafür hoch dotierte Angebote aus - unter anderem aus Hollywood. "Die Geschichte ist noch nicht auserzählt. Ich habe Ideen, wie die beiden Ermittler weiter aneinander wachsen können. Es macht Spaß, diese Charaktere auszugestalten und etwas Besonderes zu erschaffen."

Nah am Menschen

Tatsächlich könnte "Broadchurch" zu einem Wendepunkt in der internationalen Serienproduktion werden. Chibnall hat gezeigt, dass es weder einer durchgeknallten Story bedarf (wie etwa der des Drogen mixenden Chemielehrers in "Breaking Bad") noch Hollywoodprominenz (wie Kevin Spacey in "House of Cards"), um die Zuschauer in den Bann zu schlagen. Es genügt, nah am Menschen zu erzählen, in stimmig komponierten Bildern. Wie zum Beispiel in der Szene mit Beth, der Mutter des toten Jungen, die wenige Tage nach dem Leichenfund durch den Supermarkt schleicht - wie sie nicht weiß, wohin mit ihrem Blick; wie alle anderen Menschen im Laden verunsichert sind, nicht gaffen wollen und es doch tun, aus den Augenwinkeln, das ist eine der vielen fabelhaft gebauten Bilderfolgen in "Broadchurch".

Chibnall trennt nicht in die Guten und die Bösen, sondern beschreibt Menschen als Zwitterwesen - die immer Gefahr laufen, eine Tat zu begehen, die sie eigentlich verabscheuen.

Jeder in "Broadchurch" hat eine dunkle Seite, und damit spielen die Serienmacher geschickt: Sie leuchten die Abgründe der Figuren aus; und in dem Moment, wo sich beim Zuschauer das Gefühl verfestigt, den Mörder erkannt zu haben, wird der Verdächtige entlastet. Als der Täter endlich gefasst ist, versammelt sich die Gemeinde am Strand. Es gibt jedoch keine Erleichterung und keinen Frieden. Es herrscht Ratlosigkeit, wie das Leben weitergehen kann nach dieser Tragödie, die einer Familie den Sohn genommen hat und allen den Glauben, einander trauen zu können.

"Broadchurch" läuft als vierteilige Serie ab dem 26. April jeweils sonntags um 22 Uhr im ZDF


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