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CSI: Sexuell unterbeschäftigte Teamplayer

Spurensicherer waren früher gerade gut genug, um dem mürrischen Kommissar das Kaliber der Tatwaffe zuzurufen. Nun aber hat sich ein Haufen Statisten zu Helden entwickelt. "CSI" ist so erfolgreich, weil es unseren Arbeitsalltag mit dem Mythos vom allmächtigen Profi-Team ausschmückt.

Was ist nur mit dem guten alten Kommissar passiert? Wo ist er hin, der romantische Ermittlerwolf, der zähe Allrounder, der gebeutelt von Alkoholproblemen und enttäuschter Liebe mit tief ins Gesicht gezogenem Hut durch die nächtliche Stadt streunt, in einem Hinterhof ein Geständnis aus einem Ganoven prügelt, sich todesmutig in das Magnetfeld einer gefährlichen Blondine begibt und zur Not auch mal das Gesetz dehnt, um wieder Ordnung zu schaffen in dem Sündenbabel da draußen? Seine Zeit ist vorbei. Heute werden nicht mehr Fäuste geschwungen, sondern Reagenzgläser. Beim Betrachten von "CSI" hat man den Eindruck, die Unternehmensberatung McKinsey sei durchs miefige Polizeipräsidium gerauscht und hätte die Ordnung sichernde Macht fit für die neoliberale Gesellschaft gemacht. Die Spurensicherer verkörpern neueste Management-Theorien. Dauerbrünftige Einzelkämpfer sind nicht mehr gefragt, sexuell unterbeschäftigte Teamplayer stehen hoch im Kurs. Die Schimanskis von heute hadern nicht mehr mit dem Apparat, sondern bilden ein eingeschworenes Winner-Team, das sich reibungslos zuarbeitet. Die Mannschaft wird von einem umsichtigen Manager geführt, der seine Leute optimal nach ihren jeweiligen Fähigkeiten einsetzt und die Vaterfigur in der großen Kollegenfamilie ist. CSI erinnert an den schröderschen Regierungsstil: Probleme werden an eine Expertenkommission delegiert. Über dem eingespielten Kompetenzteam weht der kühle Geist der Effizienz. Hier wartet man nicht mehr 45 Minuten auf die romantischgeniale Eingebung des Ermittlers, hier wird mit Hochdruck Hypothese für Hypothese abgearbeitet. Die Figuren sind Inkarnationen der reinen Wissenschaft: Im Vorspann von "CSI: Miami" morphen die Namen der Hauptdarsteller aus wissenschaftlichen Formeln. Die Psyche des Täters interessiert jetzt weniger als seine Speichelprobe. Die Technokraten haben das Heft in der Hand. Ein Fall wird öfter im Labor beim Modellversuch gelöst als in direkter Konfrontation mit dem Täter auf dem Terrain.

Die Feier der glänzenden Laboroberflächen und blinkenden Computerbildschirme steht in grellem Kontrast zu den unappetitlichen Nahaufnahmen von Gewaltopfern. Der Trend geht zum Endoskopie-Clip. Doch diese blutigen Inszenierungen sind mehr als ein Spiel mit einem Körperwelten-Voyeurismus, der von dem Plastinierungs-Schausteller Gunther von Hagens geweckt wurde. Mit Hilfe der gestylten Rechtsmediziner exorziert die Gesellschaft den Tod in einer durch schnelle Schnitte perfekt rhythmisierten Hymne auf die Wissenschaft. "CSI" erweckt zwar keine Toten zum Leben, bringt sie aber immerhin zum Sprechen. Mag ein Körper auch noch so verstümmelt sein, auf ihm finden sich immer noch genug Spuren, um den Gewalttäter zu bestrafen. Der eigentliche Erzähler in dieser Serie ist der misshandelte Körper. Er ist es, der den Täter seiner gerechten Strafe zuführt. So groß der Schrecken ist, den die grässlich Verstümmelten im Zuschauer auslösen, so heilsam ist der Trost, wenn der Täter durch die Spuren auf seinem Opfer überführt wird. CSI löst den Horror vor dem Tod in der Genugtuung über eine wiederhergestellte Gerechtigkeit dank unfehlbarer Technik und Wissenschaft auf. Die Spurensucher sind keine Ritter in Uniform mehr wie ihre Vorgänger, sondern hoch spezialisierte Dienstleister. Obwohl man meinen könnte, sie seien nur Sherlock Holmes' Wiedergänger, dürfte sich keiner von ihnen jemals das Einzelgängertum des englischen Exzentrikers erlauben. Weiß Holmes einmal nicht weiter, sucht er Inspiration bei Koks und Violinenspiel. Wenn seine Nachfahren nicht mehr weiterkommen, berufen sie eine Konferenz ein. Ihre mit rasanten Special Effects illustrierten Arbeitshypothesen wirken wie Power-Point-Präsentationen, mit denen der Zuschauer auf eine strategische Neuausrichtung der Ermittlungen eingeschworen wird. Die Serie erzählt von der Kraft der Jungs und Mädels aus der zweiten Reihe, die in gemeinsamer Anstrengung an der Wiederherstellung einer bedrohten Ordnung durch das Verbrechen arbeiten. Der Einzelne ist schon lange nicht mehr in der Lage, einen Fall zu überblicken oder gar ein Problem zu lösen. Er braucht das Team. "CSI" ist wie Gesundheitsreform. So stützt sich der Erfolg der Kultserie nicht nur auf ein üppiges Produktionsbudget, einen großen PR-Etat und die hochprofessionelle Betreuung durch Spitzenkräfte aus dem Filmbusiness. Dieser Serie gelingt es wie zurzeit keiner zweiten, unseren in Expertennischen zerfasernden Arbeitsalltag mit heroisierenden Mythen auszuschmücken. Dabei wirkt sie wie ein motivationsfördernder Crashkurs in Teamfähigkeit. Am Morgen nach einer glücklichen "CSI"-Nacht fühlen wir Labormäuse, Fachkräfte und Zuarbeiter uns wahnsinnig professionell. Die Akte, die wir gleich bearbeiten werden, wird ganz sicher das fehlende Puzzleteil im großen Gesamtzusammenhang beinhalten. Und während wir uns noch schnell einen Latte irgendwas ziehen, zoomt die Special-Effects-Abteilung unseres Gehirns in aufregenden Fahrten durch das röchelnde Leitungslabyrinth des Kaffeeautomaten. Sobald dann das Koffein langsam zu wirken beginnt, wissen wir: Es ist so verdammt aufregend, ein sauber laufendes Rädchen in einer gut geschmierten Mechanik zu sein.

Stephan Maus / print