Die Medienkolumne Auf den Hund gekommen


ARD und ZDF verordnen sich angestrengt, ganz locker zu sein, um vor allem junge Zuschauer "da abzuholen, wo sie stehen". Wichtiger als solche Verkrampfung wäre die Diskussion darüber, wo die Reise denn hingehen soll.
Von Bernd Gäbler

Im eigentlich ja recht ordentlichen "heute journal" des ZDF, das allerdings gelegentlich arg schwankt zwischen staatspolitischem Hochamt und kindischem Hoppsassa, geschah am vergangenen Mittwoch eine kleine Sensation: Zum Ende der Sendung lag da plötzlich ein großer Hund auf dem Moderatorentisch. Spätere Recherchen ergaben, dass es sich um einen auf den Namen "Emma" hörenden, der Nachrichtensprecherin Dunja Hayali gehörenden Golden Retriever handelte. Es sei eine "spontane Idee" gewesen, hieß es erklärend, "Emma" habe den Bericht zu einem Urteil des BGH illustrierend begleiten sollen, dem zufolge Mieter Kleintiere auch ohne Genehmigung des Vermieters halten dürften.

Diese "spontane Idee" war in dreifacher Hinsicht falsch

1. Das Urteil besagte ausdrücklich, dass weder Hund noch Katze unter die künftig ohne Genehmigung gestattete Kleintierhaltung fallen. Aber vielleicht hatte Nachrichtensprecherin Hayali ja ihre "Knuddel-Schildkröte" gerade nicht dabei.

2. Bei allem Fleiß und sicher ausgiebiger Anwesenheit ist die Nachrichtensprecherin Hayali vermutlich dennoch nicht Mieterin im ZDF-Studio

3. Wenn also die Analogien nicht stimmen und die Illustration schief ist, bleibt nur der Drang zur "Lockerheit". Dem aber kann man in allen Formen - von eisig verkrampft bis halbwegs gelingend - ohnehin schon rund um die Uhr im Fernsehen begegnen. Mehr Lockerheit und Requisite ist gewiss nicht das, was wir in Nachrichtensendungen auch noch brauchen.

Ich höre schon die Einwände: warum regt sich einer über so eine unbedeutende Kleinigkeit auf, über die manche Zuschauer doch sicher geschmunzelt haben? Nein, es geht nicht um Aufregung. Ich gehöre auch nicht zu jenen, die alles im Fernsehen für "Qualität" halten, wenn es nur schön dunkel und unverständlich ist. Mein TV-Ideal ist auch keineswegs die dröge Welt der trockenen Bildungsbrötchen von Hans Weingartner. Es geht um Genretreue und das, was Theatermacher gelegentlich "die Dummheit des Realismus" nennen. Da hält ein Sport-Moderator plötzlich einen Basketball in Händen, um so seine Worte zu unterstreichen, dass es nun zum Basketball geht. Als würden die Zuschauer es anders nicht begreifen. Im Fernsehen dient die Requisite in neunzig Prozent der Fälle nicht dazu, etwas sinnvoll zu veranschaulichen, sondern folgt ausschließlich dem Zweck, die Zuschauer zu infantilisieren.

Darum muss in einem Tierquiz ein Pelikan einfach in der Kulisse herumstehen. Darum die vielen Herzchen und Blumensträuße im MDR. Darum muss die arme Gabi Bauer im "Nachtjournal" immer ein paar Schritte 'reinkommen und 'rausgehen.

Der Hund als Symptom

In diesem Sinne begreife ich den Hund im ZDF nur als Symptom. Die Idee, es könne den Nachrichten nur gut tun, durch einen freundlich herumliegenden Hund aufgelockert zu werden, entspringt dem selben unterfordernden Denken, das aus der Pädagogik als "Omnibus-Didaktik" bekannt ist. Man soll die Leute "da abholen, wo sie stehen". Darum wird in der Schule behauptet, Lernen mache nur Spaß und sei um Gottes willen nie Arbeit. Darum gibt es an Hochschulen "Schnupperkurse für Philosophie".

Darum kommt die ARD für ihr Vorabendprogramm jetzt auf die Idee, Ex-Top-Model-Juror Bruce Darnell ("Das ist der Wahrheit") für eine runde Millionen einzukaufen. Darum wird ausgerechnet "brisant", also jenes Magazin, das sich durch nichts von der privaten Konkurrenz unterscheidet, auf Kosten einer Ausgabe der "Tagesschau" verlängert. Immer ist das Motto: "Alle einsteigen!" - aber was ist das Ziel? Die ARD versteckt ihre Absichten nicht. Das Ziel lautet: Die ARD will am Vorabend wieder auf einen zweistelligen Marktanteil beim jungen Publikum kommen. Egal, wohin der Bus fährt, Hauptsache er ist schön voll.

Magical Mystery Tour

In Wirklichkeit geht es ARD und ZDF nach einigen Stürmen zur Zeit wieder so gut, dass sie es sich ohne Weiteres leisten könnten, ernsthaft über das Wozu und Wohin zu diskutieren. Edmund Stoiber und Kurt Biedenkopf forderten einst ernsthafte Korrekturen - das ist vorbei. Günther Beckstein sagt nur, die öffentlich-rechtlichen Sender sollten sich doch mit den privaten einigen. Als Ministerpräsident legte sich Peer Steinbrück mit dem WDR an. Das ist ihm nicht gut bekommen. Kurt Beck, der beste Anwalt des ZDF, betont stets die "Entwicklungsgarantie" für das öffentlich-rechtliche System. Das Angebot der Mainzer, die eigenen Bewegtbilder den Verlegern im Netz anzubieten, ist die bisher raffinierteste Form, sich öffentlich-rechtliche Dominanz bestätigen zu lassen. Der Streit um Kanalvervielfältigung und Online-Ausdehnung mit den Vertretern privater Sender ist zum Ritual erstarrt; nur der Verlegerverbandschef Hubert Burda kämpft noch ein wenig.

Mit dem Urteil des BVerfG herrscht Ruhe an der Gebührenfront. Bis 2012 sind die Zuwachsraten gesichert. Keiner wagt es noch, der mächtigen GEZ in die Parade zu fahren. Und die Kanzlerin hält es zwar für nötig, über Grenzen des öffentlich-rechtlichen Internetangebots zu sprechen, aber selbst die "Rouladenrezepte" stören sie nicht. Sie sagt: "Grundversorgung ist nur dann gültig, wenn ein relevanter Prozentsatz der Gesellschaft erreicht wird." Sie knüpft also den öffentlich-rechtlichen Auftrag an große Reichweite. Darauf können die Vertreter von ARD und ZDF nun stets freudig Bezug nehmen. De facto haben ARD und ZDF im Moment medienpolitisch einen Freifahrschein. Aber zu welcher Tour gedenken sie ihn zu nutzen?

Als Minimum einer offenen gesellschaftlichen Debatte könnte doch zumindest über folgendes gestritten werden: den Inhalt der Jugendprogramme; eine über simples Nacherzählen hinausgehende Haltung zum Boulevard; über Werbefreiheit; über Unterschiede zur privaten Konkurrenz auch im Unterhaltungsprogramm; über gute eigenproduzierte Serien - das alles ist sinnvoller als mit "spontanen" Ideen den anderen fröhlich hinterherzuhecheln.


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