Die Medienkolumne Bohlens kurzer Augenblick der Wahrheit

Angesichts des unglücklichen "DSDS"-Kandidaten Raymund hat Juror Dieter Bohlen offenbar eine ganz neue Seite an sich entdeckt. Er war kurz davor, ganz viel Verantwortung zu zeigen. Aber eben nur kurz davor.
Von Bernd Gäbler

Das wissen wir inzwischen: Der 17-jährige Raymund wird ständig zu Hause angerufen und dann mindestens als Arschloch, Schwuchtel oder Hackfresse beschimpft. Er ist in der RTL-Sendung "Deutschland sucht den Superstar" aufgetreten und sicher denkbar ungeeignet für jedweden Auftritt auf der Bühne. Raymund kann nicht singen und zappelt furchtbar herum. Er wirkt nicht wie einer jener zahlreichen kleinen Machos, die sich so sehr überschätzen und mit Recht einen Dämpfer zum Zwecke einer realistischen Selbsteinschätzung abbekommen.

Raymund wirkt hilflos und instabil. Video-Sequenzen seines Auftritts bei "DSDS" jagen jetzt durch das Internet. Im Fernsehen übertragen wurde auch, wie Raymund nach seinem Gesangsversuch hyperventilierte und dann in sich zusammensackte. Das wirkte nicht akut gesundheits-gefährdend, vielleicht war sogar tatsächlich - wie es einer der Juroren sofort vermutete - etwas Theatralik mit im Spiel. Auch diese Sequenz laden sich viele zu ihrem Gaudi und Vergnügen immer wieder herunter.

Raymund steht nun - durch das Medium TV von vielen zeitgleich erlebt und durch das Speichermedium Internet festgehalten für alle Ewigkeit - mit seiner Blamage gedemütigt am Pranger. Ein Gespür dafür, wann Schluss ist mit witzig und einem labilen Menschen realer Schaden zugefügt werden könnte, sucht man bei den Verantwortlichen für die Sendung vergebens.

Das Konzept

"DSDS" ist gewiss kein Gesangswettbewerb. Im Zentrum der Sendung steht sicher nicht die Entdeckung musikalischer Begabungen, den Talenten Entwicklungschancen zu geben, sie behutsam zu korrigieren und zu fördern. Selbst seriöse Kritiker empfanden gerade weil es bei Stefan Raab, der sich in einem Alternativ-Wettbewerb fast schon wie ein freundlicher Pfadfinder aufführte, tatsächlich auf das musikalische Talent ankam, diesen im TV schon als recht langweilig.

Durch Musik drücken Menschen ihr Empfinden aus. Sie ist deswegen ideal geeignet, uns ein Panoptikum der Gattung Mensch inklusive aller denkbaren Gefühlsregungen vorzuführen: hübsche und hässliche, schüchterne und vorlaute, begabte und linkische, dumme und kluge. Bei DSDS lassen sich die jungen Leute vom Drang befeuern, meist erstmals in ihrem Leben eine öffentliche Arena zu betreten. Für viele ist allein das eine Mutprobe. Auf was sie sich einlassen, ist eigentlich kein Geheimnis mehr. Demzufolge verweist der Sender stets auf die freiwillige Teilnahme und die Selbstverantwortung des Einzelnen.

Zum Fraß vorgeworfen

Dass es auch sein kann, dass man Menschen vor sich selbst schützen muss, räumt er nicht ein. Es gehört zum Konzept der Sendung, den Zuschauern nicht einfach nur einen bunten Strauß von unterschiedlichen Kandidaten vorzuführen, sondern immer wieder einzelne zur Belustigung und Schadenfreude bloßzustellen. Dann können die Juroren, die gerne sachgerechte, harte Urteile und Unverschämtheit in eins setzen, sich mit deftigen Pointen profilieren. Schon die vorgeschaltete Auswahl ist daraufhin angelegt.

Bewusst werden allerlei Knalltüten und Versager den Juroren und dem Publikum zum Fraß vorgeworfen. Die Akteure wissen das. Die Redaktion verrät das natürlich nicht. So hat sie auch mit Raymund extra ein kleines Porträt gedreht. Dass das Filmchen nur entstehen sollte, um den Kandidaten ins offene Messer laufen zu lassen, verschwieg man selbstverständlich.

Dieter Bohlen war empört

Wer genau hingesehen hat, konnte am Rande der nervenaufreibenden Vorführung des armen Raymund eine ungewöhnliche Szene beobachten. Der Junge hatte seinen Vater mitgebracht. Der kam hinzu als der 17-Jährige zusammensackte. Er, ein Lehrer, ist es wohl, der seinen Sohn immer wieder in solche Gesangswettbewerbe treibt.

Da war Dieter Bohlen aber richtig sauer. Diesem unverantwortlichen Vater hätte er liebend gerne mal die Leviten gelesen. Für einen Moment - eben jenem Moment der Wahrheit, den es sogar im Fernsehen immer wieder einmal gibt - wurde sichtbar, Bohlen wirklich empört war. Einen Moment lang vertrat er gegenüber diesem Vater den Standpunkt der Moral. Es sei unverantwortlich, was dieser seinem Sohn zumute.

Moral - Reden und Handeln

Der Zuschauer sieht das nur kurz. Sonst wäre es womöglich zu einem Nachdenken über diese interessante Szene gekommen. Denn Bohlen redet moralisch, aber nur, damit das Verurteilenswerte - der nicht nur kuriose, sondern schreckliche Auftritt, zu dem der 17-jährige Raymund verführt wurde ebenso wie dessen anschließender kleiner Zusammenbruch - um so ausführlicher gezeigt werden kann.

Hätte Bohlen sich nicht nur kurz empören, sondern seinem jäh hervortretenden moralischen Standpunkt Geltung verschaffen wollen - er hätte es einfach tun können. Er hätte dem Vater ins Gewissen reden und dafür sorgen können, dass die Szenen mit Raymund nicht ausgestrahlt werden. Das Gegenteil geschieht: Alles wird gezeigt, flankiert von moralischer Empörung gegen den Vater. So kann noch jede Verfehlung im Zeichen der Moral vorgezeigt werden. Das ist üblich geworden. Moral aber zeigt sich nie im Gerede, immer im Handeln.


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