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Die Medienkolumne: Gebührenfinanzierte Senioren-Bespaßung

Die Zahl alarmiert, aber intern reagiert man gelassen: Im Mai hat das ZDF gerade mal 5,7 Prozent der 14- bis 49-jährigen Zuschauer erreicht. Anderen öffentlich-rechtlichen Sendern ergeht es nicht besser. Das gut alimentierte System der "Vollprogramme" aus ARD, ZDF und "Dritten" mutiert zum Senioren-Spartenprogramm.

Von Bernd Gäbler

Was sagen die Zahlen? Für das ZDF war die Mai-Zahl besonders dramatisch, aber seit langem und kontinuierlich erodiert die Zuschauergunst der Jüngeren. In der ersten Jahreshälfte lag das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer bei 61 Jahren. Im Altersheim sind die Mainzelmännchen gerne gesehene Gäste. Besondere Quotenerfolge landen zur Zeit einmal wieder die regionalen "Dritten Programme". Aber: 62 Jahre alt sind durchschnittlich die bayerischen Seher; in der agilen Hauptstadt Berlin sendet der rbb im Schnitt für 61-Jährige, der WDR kommt bei seinem Zuschauerschnitt für die erste Jahreshälfte auf stolze 60 Jahre. De facto steht den Sendern also das Wasser bis zum Halse. Es geht um nicht weniger als um ihre öffentlich-rechtliche Existenzberichtigung.

Wer spendet wie Trost?

Aber die großen und gefestigten Institutionen und Apparate reagieren nur langsam. Vor allem beruhigen sie sich zunächst einmal selbst. Es mutet immer etwas traurig an, wenn Trost nicht mehr von anderen kommt, sondern man ihn sich selber spenden muss, aber darin üben sich die Vertreter der ARD-Anstalten und des ZDF zur Zeit noch ausgiebig. Sie haben einige Argumente entwickelt, um sich selber Ruhe zu verordnen und nur ja nicht über einschneidende Maßnahmen nachdenken zu müssen:

1. Glücklicherweise werde die Bevölkerung ja insgesamt älter - also sei es doch kein Wunder, dass dies auch für das TV-Publikum gelte. Man möge Senioren doch bitte nicht diskriminierend gering schätzen, im wesentlichen vollziehe sich eine Angleichung von Fernsehmarkt und Demographie.
2. Die Kategorie eines Zielpublikums von 14 bis 49 Jahren sei ohnehin nur die künstliche Erfindung der Werbeindustrie, die für öffentlich-rechtliches Sendungsbewusstsein aus gutem Grund eben nicht maßgeblich sein dürfe. Wer sein Publikum nicht als Kunden betrachte, sondern als Bürger ernstnehme, habe keinen Anlass, dem Jugendwahn Folge zu leisten.
3. Man solle sich nichts vormachen: Noch lange bleibe das "Fernsehen nach Fahrplan" so wie es ist - ein "lean back" - Medium zur passiven Berieselung. Und stets steige die Zahl der jugendlichen Zuseher gehörig, wenn nur das Programm insgesamt genügend Menschen erreiche. Wenn mehr als 12 Millionen Menschen "Wetten, dass....?" anschauen oder Fußball-Länderspiele, sei stets auch die absolute Zahl jugendlicher Zuschauer zufriedenstellend; de facto ist Jugend nur eine von der Quote insgesamt abgeleitete Größe.

Stechen diese Argumente?

Zur Demographie: Es stimmt, wir werden im Durchschnitt immer älter. Knapp 43 Jahre alt ist der "Durchschnitts-Deutsche" inzwischen. Knapp 51 Jahre alt aber der durchschnittliche TV-Konsument. Keiner verlangt von ARD oder ZDF "Jugendwahn". Aber wer als quotenstarke Angebote vor allem auf Fernsehgärten aller Art, Carmen Nebel, Marianne & Michael, Rosamunde Pilcher und Florian Silbereisen, Süßstoff-Filmchen und "Verstehen Sie Spaß?" setzt, muss sich nicht wundern, dass selbst jeder 55-Jährige, der halbwegs bei Trost ist, da lieber Günther Jauch oder sogar "Schlag den Raab" anschaut. Gerade das ARD- und ZDF-Unterhaltungsprogramm - da geht es also noch gar nicht um den Unwillen der Jugend zu seriöser Information - kann als permanente Bespaßung für Senioren so nicht ungebrochen weitergehen. Wer ernsthaft jüngere Leute gewinnen will, muss etwas riskieren - gerade in den Sparten Film, Talk und Show.

Zum "Jugendwahn":

Die Werbeindustrie hat die Messgröße der bis 49-Jährigen nicht willkürlich erfunden. Sie hat auch mit der Lebenszeit für Entscheidungen und Vorbildern zu tun. Selbst wenn der Käufer eines "Jaguars" im Durchschnitt 55,8 Jahre alt ist, funktioniert der Kauf nur, wenn das Produkt gediegene Jugendlichkeit suggeriert. Das ZDF mag sich gerne mit Spots für Treppenlifter, Kukident oder Abtei-Produkten schmücken, tatsächlich geht es nicht in erster Linie um Ökonomie, sondern um Aufklärung. Die Nachrichtensendung "heute" kriselt enorm. Es ist das Alarmzeichen einer gesellschaftliche Spaltung, wenn Informationsprogramme im Prinzip nur noch Menschen um die 60 erreichen.

Zum guten, alten Fernsehen.

Keiner verlangt, dass unsere Gebührengelder für interaktive Spielereien oder waghalsig avantgardistische Experimente herausgeworfen werden, aber die Orientierung allein an den medial Gestrigen, den Erschöpften und Passiven trägt eben auch nicht mehr lange. Es ist illusionär zu glauben, all die "Chatter", "Mover und Shaker", permanent an ihrem Laptop hängenden Realzeit-Medienkonsumenten seien besonders politisch interessiert, kulturell gebildet oder gesellschaftlich engagiert. Gerade darum aber sollte sich das öffentlich-rechtliche System nicht vollkommen von ihnen abkoppeln.

Was tun? Das ZDF ist ein gebranntes Kind. Früher einmal hat es so kuriose Dinge gemacht wie "X-treme", die "Mondscheinshow" oder gar "Bravo TV" als Meilensteine für die Jugend mitten in ihren zähen, ruhigen "audience flow" zu rammen. Das ging natürlich schief. Man verprellte das Stammpublikum und gewann kein junges. Jetzt bemühen sich die Mainzer eher um gemäßigtes Umsteuern, die Förster und Ärzte, die Traumschiff-Schönheiten und Kommissare werden ein wenig jünger. Der WDR setzt hier und da ein paar Akzente und besondere Formate ins Programm, meist zu später Stunde - vieles hat noch das Flair vom Probentheater on air. Fast sensationell muten da die Ankündigungen ausgerechnet des konservativen Bayerischen Rundfunks an: täglich ab 15 Uhr soll das Programm umgekrempelt werden, koordiniert mit Webradio und Internet-Plattform; eine "Bayern-Soap" ist in Arbeit. Anfang Oktober soll es losgehen.

Risiko statt sanfte Reformen.

Man darf gespannt sein, noch werden nur Absichten verkündet. Aber immerhin: hier scheint die Einsicht zu greifen, dass die Probleme mit der Jugend real und drängend sind und jedes einfache "Weiter so" die denkbar schlechteste Lösung wäre. Trotz aller objektiven Schwierigkeiten und Dilemmata: Die Zeit der beruhigenden Ignoranz und sanften Reformen ist vorbei. Wollen die öffentlich-rechtlichen Sender sich nicht selbstgefällig oder genügsam einrichten in eine Existenz als Senioren-Bespaßer oder Alten-Aufklärer brauchen sie jetzt Bereitschaft zum Risiko.