Die Medienkolumne Jenseits der Rheinseligkeit


Hermine Huntgeburths Fernseh-Zweiteiler "Der Teufelsbraten" ist ein behutsam inszeniertes Sittengemälde der Adenauer-Zeit - und eine leise Alternative zu brüllend angekündigten "TV-Events" à la "Die Gustloff".
Von Bernd Gäbler

Endlich wird im Fernsehen wieder erzählt. "Der Teufelsbraten" ist ein anspruchsvoller ARD-Zweiteiler, kein "TV-Event". Die Bushaltestellen sind nicht zugeklebt mit Plakaten und dem Film geht es auch nicht darum, Geschichte plakativ zu illustrieren, sondern er erzählt eine Geschichte. Es ist der Bildungsroman eines Mädchens namens Hildegard Palm. Das Lesen spielt eine große Rolle, die ruhige Einkehr, das Streben nach Kultur, der Kampf um Bildung. Ein Streben, das entfremdet. Fantasie und Lebensfreude stossen sich schmerzend an der tristen Umgebung aus Armut und Frömmelei. Das Mädchen aber arbeitet sich heraus aus dem dörflichen katholischen Milieu einfacher, hart arbeitender Menschen.

Milieugeschichte mit glaubwürdigen Figuren

Diese werden nicht idyllisiert. Es gibt Gewalt. Alkohol spielt immer wieder eine Rolle. Der "Papp" ist ein unsympathischer Choleriker, sadistisch, frustriert, aber auch müde, verbittert und hilflos. Die labile Mutter schwankt zwischen Gehorsam und aufflackernder Herzlichkeit. Der verständnisvolle Großvater ist bald gestorben, die Oma, von der die gemeine Bezeichnung "Teufelsbraten" für das Mädchen stammt, ist eine Bastion unverrückbarer Gottesfurcht.

Gerade weil der Film so wenig didaktisch ist, wirken seine gesellschaftspolitischen Anspielungen umso facettenreicher. Im Verlaufe der Erzählung lernen wir mehr über die Geschichte der jungen Bundesrepublik als in so mancher extra zu diesem Zweck aufwändig produzierten Großproduktion. Fast beiläufig, und doch gleichsam bedrohlich, tauchen hier die Vertriebenen aus dem Osten auf, bringt es der eine oder ander zu frühem Wohlstand, eröffnen Italiener die ersten Eisdielen.

Behutsam inszeniertes Sittengemälde

Mit sanfter Hand inszeniert die Regisseurin Hermine Huntgeburth die Entwicklung der Individuen und der sie prägenden Verhältnisse. Sie malt ein Sittenbild der Adenauer-Zeit.

Aber es dauert etwas, bis der Film einen fesselt. Er sperrt sich gegen den allzu einfachen Zugang. Das liegt nicht zuletzt an der ruhigen Art des Erzählens, die sich die eine oder andere Länge erlaubt, und sich dadurch deutlich von der üblichen, auf sofortige Konsumierbarkeit zielenden TV-Machart unterscheidet.

Ist das noch Fernsehen?

Zudem wird, auch dies eine weitere Verständnis-Hürde, im Film durchwegs rheinischer Dialekt gesprochen (wenngleich in abgemilderter Form). Und zwar weniger im Sinne einer Millowitsch'schen Rheinseligkeit als zur An- und Ausdeutung von Milieugrenzen und Sprachbarrieren. Als Vorlage diente dem Drehbuchautor Volker Einrauch Ulla Hahns stark autobiografischer Roman "Das verborgene Wort".

Ich muss gestehen, dass ich das Buch damals weggelegt habe, weil es mir wie ein sehr zerfaserter Mädchenroman vorkam. Marcel Reich-Ranicki, wenig empfindsam für weibliche Emanzipationswege, fand das Buch sogar richtiggehend "infantil". Der Film ist beides nicht. Er bietet ein schönes, breit erzähltes und in ruhigen Bildern dargebotenes, zeittypisch koloriertes Panorama. Es geht um Familie und Aufbruch, und die handelnden Personen sind Individuen, denen gegenüber der Film gerecht bleibt, keine Typen. Vermutlich wird "Der Teufelsbraten" kein Quotenknüller werden. Man muss sich auf ihn einlassen wollen. Ein anspruchsvolles und im heutigen Fernsehen fast schon riskantes Unterfangen. Und allein schon deswegen also lobenswert.

Aber fehlen da nicht die großen Namen wie Lauterbach, Ferres oder Ferch?

Ja, zum Glück. Dieser Film ist eine Ensemble-Leistung. Da ist kein simpler Held, dem einfach ein paar Nebenfiguren zugeordnet werden. Großartig spielt Peter Franke den gütigen Großvater; der von Margarita Broich verkörperten Mutter sehen wir ihre Zerrissenheit an; Barbara Nüsse gibt die ewig frömmelnde Großmutter; fulminant ist Corinna Harfouch in der Rolle einer frustiert-lüstern-sadistischen Bürovorsteherin.

Selbst Nebenrollen und Gastauftritte (perfekt: Harald Schmidt als schmieriger Mieder-Vertreter) sind gut besetzt. Aber aus dem Ensemble ragt einer heraus: Ulrich Noethen als "dä Papp". Cholerisch, abstoßend gewalttätig, dann wieder stolz, verbittert und müde und immerzu überfordert - so schauen wir ihn uns an, als Einzelnen, der an eine Epoche gebunden ist, auf die nicht mit Nostalgie zurückgeschaut wird, aber auch als Sinnbild für allgemeinere Fragen unseres menschlichen Daseins. Die Rückbesinnung auf das Erzählen hat sich gelohnt.

Den Zweiteiler "Der Teufelsbraten" zeigt die ARD am 12. und 13.03.2008, jeweils um 20.15 Uhr


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