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TV-Kritik

Markus Lanz: Reden über Dieter Wedel – Til Schweiger und Gisela Friedrichsen liefern sich TV-Duell

Auch Til Schweiger erhebt nun schwere Vorwürfe gegen Dieter Wedel – und kämpft bei Markus Lanz gegen die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die eine Verjährung von Sexualdelikten verteidigt.

Von Jan Zier

Gisela Friedrichsen und Til Schweiger diskutierten bei Markus Lanz über die Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel

Gisela Friedrichsen und Til Schweiger diskutierten bei Markus Lanz über die Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel

Es sind neue, schwere Vorwürfe an Dieter Wedel, mit denen sich Til Schweiger da bei Markus Lanz zu Wort meldet. Sich selbst nimmt er dabei aber von jeder Verantwortung aus. Eine Schauspieler-Kollegin soll der Regisseur "verprügelt" haben – aber das sei "lange, lange her", erklärt Schweiger gleich zu Beginn der Sendung. "Er ist ein Machtmensch, der es wahnsinnig genießt, Frauen zu erniedrigen", sagt Schweiger über Wedel.

+++ Die Sendung in voller Länge gibt es hier in der ZDF-Mediathek auf Abruf +++

Und schon sind wir wieder mittendrin in der Verurteilung, gegen die sich der so Verurteilte nicht wehren kann. Weil er nicht eingeladen ist. Weil es ihm de facto eh nichts mehr nutzt, all die Vorwürfe zurückzuweisen. Weil er als Regisseur ohnedies erledigt ist. Weil die – natürlich auch hier wieder viel bemühte – Unschuldsvermutung nur vor Gericht, aber eben nicht im Diskurs der sozialen Medien gilt. Und der Journalismus ein wenig hilflos der Lawine gegenübersteht, die er da ausgelöst hat.

Reden über Dieter Wedel, nicht mit Dieter Wedel

Eingeladen ist Herr Schweiger, weil er sich jüngst bei Facebook über einen Kommentar der renommierten Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen echauffiert hat. Die nämlich hat in der "Welt" die Verjährung von Sexualdelikten verteidigt – weil das dem Rechtsfrieden diene und die Gerichte 20, 30 Jahre später ohnehin kaum noch erfolgreich Aufklärung betreiben könnten. Das mündete bei ihr in dem etwas zynisch klingenden Satz: "Wenn ein 'Opfer' es nicht schafft, binnen immerhin 20 Jahren solche Vorwürfe amtlich geltend zu machen, muss und darf auch irgendwann Schluss sein." Laut des 2015 reformierten Paragraf 78b des Strafgesetzbuches ruht die Verjährungsfrist bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres des mutmaßlichen Opfers eines Sexualdelikts – und beträgt danach in der Regel 20 Jahre.

TV-Regisseur, Doktor, Intendant: Wer ist eigentlich Dieter Wedel?

"Ein Sexualdelikt darf nicht verjähren! Genauso wenig wie ein Mord! Denn ein Sexualdelikt ist ein Mord an der Seele!", schrieb Schweiger daraufhin bei Facebook – und hielt Friedrichsen vor, "keine Empathie" mit den Opfern zu haben, in großen Lettern und mit drei Ausrufezeichen. "Der Kommentar von Frau Friedchsen kotzt mich an!!!", postete der Schauspieler.

Die Journalistin fordert, nein: verlangt von allen Opfern, ihre Vorwürfe zeitnah bei Anwälten und Staatsanwälten zu Protokoll zu geben – "denn der Staat hat die Macht, dem ein Ende zu setzen". Dafür, dass Frauen erst heute Anschuldigungen äußern, die von lange zurück liegendem Machtmissbrauch bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung reichen, hat sie kaum Verständnis. Schweiger schon. Anzeigen könne man schließlich auch anonym, sagt Friedrichsen, und auch in den Neunziger Jahren habe es schon auf derlei Straftaten spezialisierte Polizistinnen und Staatsanwältinnen gegeben. "Warum geht man da nicht hin?", fragt sie. Und "sehr vielen Frauen" wäre ein ähnliches Schicksal "erspart geblieben", hätten sich die Schauspielerinnen, die nun Dieter Wedel beschuldigen, schon damals zu Wort gemeldet, argumentiert Friedrichsen. "Die vergewaltigte Frau ist also selbst schuld, wenn der nicht verurteilt wird, und andere Frauen auch vergewaltigt werden", giftet Schweiger zurück.

"Man wusste, dass er ein Menschenquäler ist"

Ihm selbst seien die in der "Zeit" laut gewordenen Vorwürfe gegen Wedel im übrigen neu gewesen, betont Schweiger – "man wusste nur, dass er ein Menschenquäler ist". Schweiger widerspricht damit ein Stück weit dem Regisseur Simon Verhoeven, der jüngst – ebenfalls bei Facebook – geschrieben hat: "Jeder, der in der Filmbranche eine Zeit lang gearbeitet hat, wusste von den ätzenden Geschichten über Wedel". Sender, Produktionen und Filmschaffende hätten jahrzehntelang geschwiegen. "Es wurde verharmlost, verdrängt, verschwiegen. Aus Angst. Aus Scham."

Die Sender hätten davon gewusst, sagt auch Schweiger, aber statt des Regisseurs – "dem Fernsehgott" – lieber nur die Produktionsfirma ausgewechselt. "Woher soll eine Frau dann den Mut nehmen, gegen diesen Sender auszusagen", fragt Schweiger.

Friedrichsen unterstellt jenen Schauspielerinnen, die sich nun als Opfer zu Wort melden, auch unlautere Motive – schließlich könnten sie gerade jetzt dafür "größtmögliche öffentliche Resonanz erfahren". Erstmals seit Beginn der #MeToo-Debatte – von Schauspielerinnen in den USA mit Berichten über sexuelle Übergriffe in Gang gesetzt – erhoben im Fall Wedel auch Frauen in Deutschland konkrete Vorwürfe gegen einen prominenten Mann aus der Filmbranche. Doch Friedrichsen will diese Auseinandersetzungen gerne juristisch einhegen: Vor Gericht sei alles transparent, in der medialen Debatte nicht, sagt die Gerichtsreporterin – und eine Verurteilung sei Sache von Gerichten, nicht der Medien.

"Schweigekartell" der Sender?

Aber in einem Prozess wird Dieter Wedel sich kaum verteidigen können – eben weil die meisten der in Rede stehenden Vorwürfe verjährt sind. Nur in einem Fall ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. So aber bleibt Wedel nur eine eidesstaatliche Aussage, die indes gegen ebensolche von mehreren Schauspielerinnen steht.

Irgendwer hat also wohl gelogen. "Ich glaube nicht, dass sich jetzt drei Frauen absprechen, den Dieter Wedel jetzt fertig zu machen", sagt Schweiger. Wir müssen den Frauen zuhören – und glauben, so sein Appell.

Von der jahrzehntelangen Verantwortung der öffentlich-rechtlichen Sender, die Wedel einst beauftragt haben, ist an diesem Abend übrigens nur am Rande die Rede. Immerhin laufen bei mehreren Sendern mittlerweile Untersuchungen. Die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) sprach in diesem Zusammenhang gerade von einem "Schweigekartell".