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Presseschau zum Fall Wedel: "Verjährung ist kein Grund, Ungeheuerlichkeiten auf sich beruhen zu lassen"

Die neuesten Vorwürfe gegen Dieter Wedel haben ein breites Medienecho ausgelöst. Während die meisten Zeitungen die öffentliche Debatte positiv sehen, äußert eine Kommentatorin indirekte Kritik an der Berichterstattung.


Dieter Wedel

Dieter Wedel bei einer Probe der Festspiele Bad Hersfeld. Dort ist er als Intendant zurückgetreten.

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" befasst sich Verena Lueken mit der häufig aufgeworfenen Frage, warum niemand früher von den Vorfällen berichtet hat und warum den jetzt beschuldigten Männern nicht früher das Handwerk gelegt worden sei. Und findet eine plausible Antwort: "Opfer sprechen, wenn sie sprechen können." Erst die MeToo-Debatte und die Time's-Up-Bewegung hätten das Klima geschaffen, in dem es betroffenen Frauen möglich geworden sei, ihre Geschichten zu erzählen.

Heribert Prantl betont in der "Süddeutschen Zeitung" die Wichtigkeit der Debatte um sexuelle Gewalt - ungeachtet der juristischen Fristen. "Verjährung kann kein Grund sein, Ungeheuerlichkeiten auf sich beruhen zu lassen." Denn daraus könne Wedel keinen Anspruch ableiten, dass sexuelle Gewalt, wie sie ihm vorgeworfen werde, unter den Teppich gekehrt bleibe. "Unschuldsvermutung? Das heißt nicht, dass die Opfer nicht reden dürfen. Unschuldsvermutung heißt auch nicht, dass die Zeugen nicht aussagen dürfen."

Dieter Wedel und die Medien

Das sieht Gisela Friedrichsen etwas anders. In der "Welt" kritisiert sie indirekt die Berichterstattung zum Fall Wedel. Denn die funktioniere grundlegend anders als ein Strafverfahren. Nur vor Gericht hätte Wedel die Möglichkeit, sich von womöglich unwahrem Verdacht reinzuwaschen. Zur Klärung dieser Frage seien Richter berufen - nicht die Medien. "Die Rechtsprechung hat die Grenzen einer Verdachtsberichterstattung nämlich klar abgesteckt: Es bedarf nicht nur eines Mindestbestandes an Beweistatsachen, um einen Verdacht öffentlich zu machen. Sondern die Anforderungen richten sich danach, wie schwer und nachhaltig das Ansehen des Betroffenen beeinträchtigt wird. Dieses befindet sich im Fall Wedel gegenwärtig unter Null."

Jenny Zylka hofft in der "taz" nach den jüngsten Berichten, dass es Konsequenzen gibt: "Dass jede Branche, ob Film, Musik, IT oder Bau, von nun an genauer hinguckt, Anschuldigungen nachgeht, Möglichkeiten zum gefahrlosen Hilferuf bietet. Film und Fernsehen wird nicht nur von uns allen geschaut, sondern von uns allen gemacht."

Dieter Wedel weist die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen vehement zurück. Am Montag war er als Intendant der Bad Hersburger Festspiele zurückgetreten, in seinem Statement betonte der Regisseur, er verabscheue jede Form von Gewalt gegen Männer und Frauen.

TV-Regisseur, Doktor, Intendant: Wer ist eigentlich Dieter Wedel?


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