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"Deutschland sucht den Superstar": Bohlen trotzt der Fäkalkrise

Bei DSDS wird geschummelt, geschnitten, hingebogen. Das ist nun bekannt. Aber stürzt die Casting-Show deshalb in eine Sinnkrise? Mitnichten. Bei der zweiten Show am Samstagabend langte RTL wieder richtig hin, denn einige Kandidaten sorgten für ungläubiges Staunen.

Von Björn Erichsen

Was kann man bei DSDS überhaupt noch glauben? Ist Dieter Bohlen wirklich so schlagfertig, wie er immer tut? Stimmen die Geschichten der Kandidaten? Ist Marco Schreyl tatsächlich aus Fleisch und Blut oder nicht vielleicht doch eine hochentwickelte Moderationsmaschine mit festgehakter "Ruf-mich-an"-Sprachschleife? Fragen sind das, die anlässlich der zweiten Castingshow von "Deutschland sucht den Superstar" durchaus angebracht sind: Musste RTL doch gerade erst einräumen, dass "im Einzelfall" durchaus mal was dazu geschnitten, sprich: manipuliert wird.

Herausgekommen ist das, weil der Vater des 18-jährigen Marcel, des mittlerweile berühmt-berüchtigten "Pipi-Kandidaten", sich beschwerte: Dieter Bohlen habe den Satz: "Lieber Cholera auf dem Pillermann als dein Gesang" gar nicht gesagt, als sein Sohn mit feuchtem Fleck auf der Hose vor die Jury getreten und mit einem schaurigen "Ave Maria" gnadenlos abschmierte. Und da der Vorwurf natürlich in die Zeitung gelangte, musste der Sender auch eingestehen, dass Bohlen dies tatsächlich zu einem anderen Kandidaten gesagt hatte. Einigermaßen dreist ist die Begründung: Der Spruch über die Bakterieninfektion im Genitalbereich habe an der Stelle gerade so gut gepasst.

Ein rosa Einhorn mit Heavy-Metal-Mähne

Nun ist es natürlich völlig abwegig bei DSDS von einer Glaubwürdigkeitskrise zu sprechen, denn den dafür nötigen Vertrauensvorsprung haben sich die Macher von Europas größtem Trash-Format nie verdient. Auch am Samstagabend nahm man sich die Freiheit des dramaturgischen Eingriffs, ließ enttäuschte Gesichter gefrieren, zeigte Speichelfäden in Nahaufnahme. Am dümmsten aber sind sicher diese ständigen Animationen: der fürchterlich nervöse Headbanger Andreas bekam bei seinem Song "The Last Unicorn" ein rosa Einhorn mit Heavy-Metal-Mähne an die Seite gezeichnet. Und der 17-jährigen Kader, die mit akuter "Teflon"-Stimme rausflog, kamen rote Todesstrahlen aus den Augen, als sie Bohlen ein: "Ich sehe dich in der Hölle" entgegenschleuderte.

Bei Bernd war zusätzliche Dramatisierung eigentlich unnötig: Der 30-jährige Hilfskoch kam im ausgefransten Cowboyhemd und enger Jeans zum Casting und erzählte der Jury gleich mal, dass er sich gern John-Wayne-Filme ansieht und dabei am liebsten mit seiner Häsin "Hoppel" kuschelt. Er selbst findet sich so "Cowboy-Hut-mäßig", also klasse. Mühelos erzeugte er dieses ganz spezielle DSDS-Gefühl: Jene Mischung aus Mitleid und Fassungslosigkeit, die den Zuschauer dazu treibt, sich spontan das Sofakissen vors Gesicht zu drücken. Bernd sang dann "Sailing" wie ein Spätpubertierender am Ende eines Oktoberfestbesuches. Als er noch "Marmor, Stein und Eisen bricht" nachlegte, stopfte Bohlen gleich einen ganzen Batzen Münzen in sein Fäkal-Sparschwein. Ein Euro für jeden bösen Gedanken.

"Ich bin seit Juli im Gesangsverein!"

Dabei hätte man es bewenden lassen können. Bernd war gekränkt und selbstverständlich konnte er sein Scheitern überhaupt nicht nachvollziehen. ("Ich bin schließlich seit Juli im Gesangsverein!"). Aber ohne Blick in die Unterhose geht es bei DSDS dann doch nicht: Bei einem Hausbesuch darf der unfreiwillige Single erst ein wenig mit "Hoppel" auf dem Bett kuscheln und sich dann - scheinbar unvermittelt, weil die Reporterfrage rausgeschnitten wurde - über seine bevorzugten Sexualpraktiken auslassen. Und während er so grinsend von Reiter- und Missionarsstellung fabulierte, zauberte ihm RTL als letztes Dankeschön für seine Teilnahme bei DSDS ein paar kopulierende Animationsfiguren auf die Bettdecke.

Wo die Niederlagen derart bitter schmecken, müssen die Siege natürlich besonders süß sein: So wie bei Naomi, süße 16, die mit Akkordeon auftrat und echtes "Kullerkeks"-Potenzial hat. Juror Volker Neubauer wuchsen jedenfalls animierte Herzen aus den Augen. Auch Carmen und Ruzdhi werden bei DSDS in nächster Zeit sicher eine Rolle spielen. Bringen sie doch nicht nur eine ordentliche Stimme, sondern auch eine Geschichte mit: Sie ist das langjährige Heimkind, das das Jugendamt von den Eltern getrennt hat. Er, Ruzdhi, hat während des Krieges ein paar Monate im Kosovo gelebt. Man darf sich sicher sein, dass die mediale Komplettausweidung dieser - allerdings auch freimütig - vorgetragenen Schicksale bereits beschlossene Sache ist.

Am Ende eines insgesamt vierstündigen DSDS-Marathons, bestehend aus Castingshows, DSDS-Magazin und dem Special "Die 10 größten DSDS-Kracher" mit Sonja Zietlow ist man hinsichtlich der Ausgangsfrage nicht so viel weiter. Wer weiß bei all dem Budenzauber schon genau, was man noch glauben soll. So penetrant wie Schreyl das Gewinnspiel ("Was wird bei DSDS gesucht? a) Superstar oder b) Superhirn") ankündigte, ist die Roboter-These nicht völlig von der Hand zu weisen. Und Bohlen war auch schon mal schlagfertiger, als er sich noch nicht darum bemühte, möglichst viel Geld in das Fäkalien-Schwein zu werfen. Wesentliches hat sich durch die Schummelbeichte aber wohl nicht geändert: Die Sache mit dem Superstar war ja schon immer eine reine Glaubensfrage.