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"DSDS": Dieters Doppel-Ja braucht perfekte Beißer

Die letzte Runde vor dem Recall: Ein Kandidat wollte die Kanzlerin stürzen und stolperte selbst, eine Kandidatin wollte lustig sein und erzählte einen traurigen Witz. Die Erkenntnis des Abends aber war: Die Stimme allein macht noch keinen Superstar, er braucht auch gute Zähne.

Von Mark Stöhr

Früher verließen die Menschen ihr Land und gingen nach Deutschland, weil sie von einer besseren Zukunft träumten. Heute gehen sie von zu Hause weg, um sich vor Dieter zum Horst zu machen. Träume können so trostlos sein. Anastasia hat in Russland Musik studiert, packte ihre sieben Sachen und das, was sie an der Hochschule gelernt hat, und fuhr zum Deppen-Casting nach Köln. An alles hatte sie gedacht, nur daran nicht: "Deine Zähne sind scheiße" (Bohlen). Beginn eines denkwürdigen Dreiergesprächs. Anastasia schuldbewusst: "Ja, ich weiß" - Bohlen: "Mit neuen Zähnen kriegst du tausendmal geilere Männer und würdest dich tausendmal wohler fühlen" - Einwurf Nina Eichinger: "Das ist aber arschteuer" - Bohlen: "Das ist teuer, aber vielleicht kann ja die Krankenkasse..." Dass die sich totlachen würde, ist im Jetset-Paradies des privatversicherten Lächelns noch nicht angekommen.

Anastasia ist trotzdem in der nächsten Runde. Das hat sie - man mag es kaum glauben - tatsächlich ihrer Stimme zu verdanken. Die umfasst fünf Oktaven. Bohlen: "Selbst mein Wellensittich würde, wenn ich drauf trete, nicht so hoch kommen." Damit ist die 20-jährige Russin unter den 120 Auserwählten, die bei der Ochsentour der Orgelpfeifen weiter ihr Glück versuchen dürfen.

Bei Alexandra gerät Bohlen ins Schwärmen

Dort trifft sie auf Alexandra. Die kann zwar nicht so hoch singen, hat dafür aber schönere Zähne. Überhaupt ist alles an ihr schön, findet sie selbst. Sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Aachen, und wenn sie zu spät in die Vorlesung kommt, erzählte sie, pfeift ihr jedes Mal der ganze Saal hinterher. Maschinenbauer sind ja bekannt für ihren Schlag bei Frauen und ihre strengen Kriterien. Dieter Bohlen, der seine Megahits baut wie andere Maschinen, war jedenfalls restlos begeistert. "So wünscht man sich das", delirierte er und entblößte seine teuer renovierte Kauleiste: "Ein hübsches Mädchen, das Klavier spielen kann, das singen kann, da passt alles zusammen." Sie sei die bisher beste Kandidatin im gesamten Casting - ein "doppeltes Ja".

Selbstbewusste Schönheiten aus stabilen Verhältnissen, die eine frühkindliche Musikerziehung genossen haben und unter der Dusche Alicia Keys trällern, sind also im Vorteil. Das entspricht dem Soap-Charakter der Show und den Wünschen der meisten Zuschauer, die das alles nicht sind und haben. Diejenigen Bewerber, die nicht ins soziale Raster passen, werden gnadenlos vorgeführt. "DSDS" war schon immer mehr als ein reiner Gesangswettbewerb, es ist eine Arena des schmutzigen Prekariats-Bashings.

"Das Elend hat viele Varianten"

Eine wie Sarah wurde sicher nicht mit der schicken Familienkutsche zur Schule gefahren. Sie konnte nicht gut singen und erzählte in ihrer Not einen Witz: "Deine Mama ist so arm, die macht bei Penny um die Ecke Armdrücken für Pfandflaschen." Hat man schon einmal einen traurigeren Witz gehört? Bohlens zynischer Kommentar: "Das Elend hat viele Varianten." Einen anderen, Christian, der das blasse Gesicht eines potentiellen Vampir-Darstellers hatte, ließ die Redaktion vor laufender Kamera von seinen kruden politischen Visionen faseln. Mit einer Million Leute will er zum Bundestag marschieren und die Bundeskanzlerin aus dem Amt jagen. Warum steht diese Million nicht nach jeder Sendung bei RTL an der Pforte und fordert, dass dieser Wahnsinn endlich ein Ende habe?

Kritik an Dieter Bohlen

Wenn ein Kandidat von unten den Segen der Jury erhält, dann zumeist nur als Pausenclown für die gute Stimmung. Thomas, der selbsternannte "Checker" aus Duisburg, palaverte großspurig rum ("Die Fans da draußen lieben mich") und hampelte sich durch Songs von Mark Medlock und Queen. Seine angebliche Designer-Jeans: eine billige Kopie. Sein gesangliches Talent: knapp über null. Aber Bohlen fand ihn "lustig" und drückte ihm gönnerhaft den gelben Wisch in die Hand. Thomas wird beim Recall noch ein paar Faxen machen dürfen und sich dann schleunigst in Duisburg eine Lehrstelle oder eine Autoknacker-Bande suchen müssen.

Immerhin fielen gestern in dieser verlogenen Veranstaltung zwei wahre Sätze: "Die Strähnchen von Bohlen gehen gar nicht. Sie sind seinem Alter nicht entsprechend." Sie stammten von Michelle, einer angehenden Friseurin. Leider war sie auf die Bühne nicht annähernd so kess und bekam vom Jury-Boss eine deutlich Abfuhr: "Aus nichts kann man nichts machen." Da helfen nicht mal neue Zähne.