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Fernsehfilm "Wut": "Nee, wir reden erst über Strafen"

Über Gewalt auf dem Schulhof und den Film "Wut" hatte man am Freitagabend in der ARD diskutieren wollen. Aber dann folgte bloß eine enttäuschende Expertenrunde, in der Moderatorin Sandra Maischberger jede aus dem Publikum angeregte Debatte sofort abwürgte.

Von Peer Schader

Eine Minute vor Schluss ist es dann doch noch mal ungemütlich geworden. "Sie können gar nicht darüber reden, was draußen auf der Straße abgeht", fauchte Oktay Özdemir den Herrn von der CDU auf dem Podium an. Dieses Politikergeschwätz hat ihn schon die ganze Zeit genervt. "Ich weiß, was mit den Leuten passiert, die ins Heim kommen, wenn sie Mist gebaut haben. Die Jungs kriegen gar keine Chance mehr und sobald sie draußen sind, werden sie rückfällig!"

"Es gibt sicher noch mehr zu bereden"

Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass jemand die Stimme erhebt, um zu sagen, dass die Diskussion an dem, was sie hätte leisten können, vorbeigegangen ist. Und was macht Moderatorin Sandra Maischberger? Sie würgt Özdemir ab und sagt: "Es gibt sicher noch mehr zu bereden. Den Anfang haben wir heute gemacht." Man sieht nur kurz, wie Özdemir, der hinter ihr im Publikum sitzt, auf das Kopfschütteln des CDU-Politikers mit einer provozierenden Geste reagiert und fordert: "Sach ma was!" Dann läuft auch schon der Abspann.

Eine Stunde hatte sich die ARD am späten Freitagabend Zeit genommen, über den Film zu diskutieren, der im Vorfeld seiner Ausstrahlung für soviel Gesprächsstoff gesorgt hat. Im Anschluss an "Wut", in dem Oktay Özdemir den jungen Türken Can spielt, der eine deutsche Familie terrorisiert, schaltete das Erste nach Mönchengladbach ins "Kunstwerk", wo sich der Sender mit der folgenden "Diskussion" noch einmal kräftig blamierte. Es war eine dieser mutlosen ARD-Runden: Armin Laschet, NRW-Integrationsminister, erzählte von den großen Plänen seiner Regierung, die Schulen sicherer zu machen. Kriminologe Christian Pfeiffer warf mit Zahlen um sich, erklärte, die Jugendkriminalität gehe statsistisch gesehen zurück, und dass das eigentliche Problem ja wohl sei, dass türkische Jugendliche in Dortmund täglich 4,2 Stunden vor der Glotze hingen und bayrische Mädchen nur 59 Minuten.

Wieso ließ man nicht Schüler und Lehrer über die Probleme diskutieren?

So einen Blödsinn hat man schon lange nicht mehr gehört. Zwischendrin durfte ein Jugendlicher aus dem Publikum über seine Vergangenheit als Schulhofprügler und die anschließende Zeit im Jugendknast berichten, ein anderer Schüler erzählte, wie er Jahre lang von Klassenkameraden gequält und gedemütigt wurde. Der Rest der in den Zuschauerraum gesetzten Schülerinnen und Schüler musste schweigen. Genau andersherum hätte was daraus werden können: Wieso ließ man nicht Schüler und Lehrer über die Probleme diskutieren und setzte die Experten ins Publikum, um sie bei Bedarf nach kurzen Statements zu fragen?

Dass die Diskussion so daneben ging, ist auch der Moderatorin anzulasten, die den Eindruck vermittelte, als wolle sie das möglichst schnell hinter sich bringen. Als der 20-Jährige Hussein im Publikum erzählte, dass er gerade mal zwei Monate aus dem Knast raus sei und schon wieder dieselben Probleme mit anderen Jugendlichen hätte wie vorher, als er laut und deutlich sagte: "Ich bekomme überhaupt keine Hilfe", und dass er – obwohl in Deutschland geboren – ohne richtige Aufenthaltsgenehmigung ja nicht einmal einen Job annehmen könne, wie sich das die Herren Politiker denn bitte schön mit der Re-Integration vorstellten, da ging Maischberger über all das einfach hinweg und fragt in ihre Expertenrunde: "Sind wir zu tolerant?"

Keine Zeit für Diskussionen

Schon kurz nach Beginn der Diskussion hatte Hüseyin Cansay, Leiter einer Kölner Jugendeinrichtung, den Vorschlag gemacht, "gemeinsam Lösungsvorschläge zu finden und Ursachen zu diskutieren". Auch das hat Maischberger nicht ins Konzept gepasst. "Nee, wir reden erst über Strafen", hat sie gesagt und versprochen, später noch einmal auf Lösungen und Ursachen einzugehen. Später war dafür keine Zeit mehr.

Wie man nun auf zunehmende Schulhofgewalt reagieren soll, wie man die Aggressivität unter Jugendlichen eindämmen kann, darüber hat man an diesem Abend kaum etwas gelernt. Am interessantesten war noch, dass die Kölner Polizei an jede Schule einen Polizisten schickt, der Sprechstunden anbietet wie ein Vertrauenslehrer und stets per Handy für die Schüler erreichbar ist. Könnte man das nicht bundesweit machen? Es hat niemand gefragt.

Über Konflikte zwischen Türken und Deutschen und den Film "Wut" ist nur kurz gesprochen worden, diskutiert schon mal gar nicht, obwohl man gerne gehört ausführlicher gehört hätte, was Schüler, Lehrer und Experten zur angeblichen Ausländerfeindlichkeit des Films zu sagen gehabt hätten. Dass "Wut" von der ARD auf einen späteren Sendeplatz verschoben wurde, war Maischberger bloß ein kurzer Gag wert. Ein hoher Herr aus der Intendanz hat sich nicht in die niederen Reihen der öffentlichen Diskussion begeben wollen, um die Entscheidung seines Gremiums zu erläutern.

Sicher: Sechzig Minuten sind wenig Zeit, um ein schwieriges Thema für alle Teilnehmer zufriedenstellend abzuschließen. Aber dass man sich beim WDR so wenig Mühe dafür gegeben hat, ist schon erschreckend. Immerhin kann jetzt niemand mehr sagen, es sei schlimm gewesen, dass die Diskussion erst um halb zwölf begonnen hat. Es gab ja nichts zu verpassen.