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Fernsehpreis-Nominierungen: Der Preis, den keiner braucht

Spontan dazu erfundene Kategorien, Nominierungen nach Senderproporz und eine Mammutshow, die im Fernsehen kaum noch Zuschauer interessiert: Der Deutsche Fernsehpreis ist gerade dabei, sich selbst überflüssig zu machen. Jetzt stehen die Nominierungen für 2007 fest.

Von Peer Schader

Es gibt was zu Feiern: ARD, ZDF, RTL und Sat.1 haben beschlossen, bis zum Jahr 2010 weiter gemeinsam den Deutschen Fernsehpreis zu vergeben. "Das ist einmalig, weil sich alle großen Sender zusammensetzen und ihr Konkurrenzdenken beiseite lassen", hat RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger am Montagabend in Berlin gesagt, als die Nominierungen für dieses Jahr vorgestellt wurden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Acht Jahre hat es den Preis in seiner jetzigen Form gegeben, dieses Jahr im September wird er, moderiert von Marco Schreyl auf RTL, zum neunten Mal vergeben. Wenn es das letzte Mal wäre, würde sich der Verlust in Grenzen halten. Denn die Auszeichnung, mit der besonders herausragende Leistungen des jeweiligen Fernsehjahrs geehrt werden sollen, verliert mit jedem Jahr an Relevanz.

Schuld daran sind spontan dazu erfundene Kategorien, mit der die Jury wie die Sender im Tagesgeschäft jedem Trend hinterher hechelt, anstatt besonderen Mut oder besondere Ideen auszuzeichnen. Schuld ist auch die Nominierung von Durchschnittsproduktionen ohne besonderen Reiz, um dem Proporz der großen Sender gerecht zu werden. Und Schuld ist eine Mammutshow, die im Fernsehen kaum noch Zuschauer interessiert.

Nicht noch mehr Kategorien!

Zu den klassischen Kategorien, in denen der beste Schauspieler und die beste Schauspielerin geehrt werden, genauso wie der beste Fernsehfilm und die beste Serie, kommen immer öfter Nominierungen, die kaum nachvollziehbar sind. In diesem Jahr wird es einen Sieger für die "Beste Kochshow" und den "Besten TV-Coach" geben. Die Juryvorsitzende Klaudia Wick erklärte in Berlin, dass man damit den Veränderungen gerecht werden wolle, die sich von Jahr zu Jahr im Fernsehen ergäben. Aber mit Verlaub: Das letzte, was der Deutsche Fernsehpreis gebraucht hat, sind noch mehr Kategorien.

Als "Bester TV-Coach" sind Christian Rach für "Rach - Der Restauranttester" nominiert, außerdem Katharina Saalfrank als "Super-Nanny" und Schuldnerberater Peter Zwegat für "Raus aus den Schulden", alles drei RTL-Sendungen.

Mag ja sein, dass RTL beim Coaching TV vieles richtig gemacht hat. Aber vielleicht ist ein Trend eben doch nicht so wahnsinnig auszeichnungswürdig, wenn sich als Beleg für ihn bloß Gesichter finden lassen, die alle für denselben Sender arbeiten. Zudem gibt es die "Super-Nanny" bereits seit drei Jahren auf RTL - soviel zum Argument, die Jury wolle kurzfristig reagieren. Und "Raus aus den Schulden" ist in vielerlei Hinsicht dem WDR-Format "Der große Finanzcheck" sehr ähnlich, das lange vor Zwegat im TV-Einsatz war.

Ein guter Moment reicht schon

Doch selbst über die Nominierungen klassischer Genres wie der Information kann man stolpern: Für preisverdächtig hält die Jury in diesem Jahr die "Tagesthemen", das "heute journal" und "RTL aktuell". Hat es sonst wirklich keine herausragende Informationssendung im deutschen Fernsehen gegeben, dass nun seit Jahren laufende tägliche Nachrichten prämiert werden müssen? Offenbar nicht.

Genauso wenig wie seriöse Moderatoren von Informationssendungen. Anders ist kaum zu erklären, dass dieses Jahr ernsthaft Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann für die "Beste Moderation Information" nominiert sind, was ihr sonstiges Geplapper völlig außer Acht lässt. Einen Fernsehpreis kriegt in Deutschland schon, wer einmal einen guten Moment hatte.

Es gibt noch mehr, über das man sich wundern kann. Als "Beste Serie" ist unter anderem der Sat.1-Krimi "R.I.S. - Die Sprache der Toten" im Rennen, eine Adaption eines italienischen Formats, das quasi eine Adaption des amerikanischen "CSI" ist. Der Jury war das offenbar kreativ genug.

Bezahlte Fans am roten Teppich

Ebenso wie die Nominierung der Heiner-Lauterbach-Peinlichkeit "Mitten im Leben", die als beste Sitcom auf der Liste steht. Mal ehrlich: Über Geschmack lässt sich ja streiten. Aber eine Produktion vorzuschlagen, die derart miserabel Uralt-Gags wiederaufwärmt, kaum eine neue Idee mitbringt und selbst vom resistenten RTL-Publikum von vornherein quasi ignoriert wurde, das ist eigentlich eine Unverschämtheit gegenüber den anderen Nominierten.

Manchmal hat man den Eindruck, den Deutschen Fernsehpreis gibt es nur noch, um mit den Bildern der Verleihung kostengünstig die Boulevardmagazine der Sender zu füllen. Im vergangenen Jahr kam heraus, dass die Fans am roten Teppich vor Ort von den Organisatoren bezahlt werden mussten, um das gewünschte Fan-Theater zu machen und nach Autogrammen zu kreischen. Wie viel trauriger kann diese Veranstaltung denn noch werden?

RTL-Unterhaltungschef Sänger hat am Montag ein neues Bühnenbild und einen neuen Ablauf der diesjährigen Verleihung angekündigt. Aber das braucht es gar nicht. Was der Deutsche Fernsehpreis vor allem braucht, ist eine lange Pause.