Franz Xaver Kroetz "Baby Schimmerlos" wird 60


Einst war er Deutschlands meistgespielter Dramatiker. Für viele ist er ein Genie, andere bezeichnen ihn als "Dreckschleuder" des politischen Volkstheaters. Franz Xaver Kroetz wird 60 und ist immer noch lebensdurstig.

Wie sein großes Vorbild Bertolt Brecht ist Franz Xaver Kroetz ein Kämpfer für die Zukurzgekommenen. Wortmächtig und lebensdurstig hat der gebürtige Münchner ihnen Sprache und Beachtung gegeben. Dabei hat er weder sich noch andere geschont. Er war das "enfant terrible" in der deutschen Theaterszene - für die einen ein Genie, für die anderen eine "Dreckschleuder". Als einst meistgespielter deutscher Dramatiker stand Kroetz, der an diesem Samstag (25.2.) 60 Jahre alt wird, jahrelang im Rampenlicht.

Nun ist der Dichter, der als Klatschreporter "Baby Schimmerlos" in Helmut Dietls Erfolgsserie "Kir Royal" die Münchner Schickeria bis in den hohen Norden leuchten ließ und Millionen von Fernsehzuschauern erfreute, in die Jahre gekommen. Seine Stücke stehen an deutschen Bühnen nur noch selten auf dem Spielplan. "Ich habe schon seit einem Jahr das Gefühl, in Rente zu sein", sagt Kroetz, der zeitweilig auch der Deutschen Kommunistischen Partei angehörte. "Ich möchte gerne aufhören und frei sein. 45 Berufsjahre sind genug. Ich muss mir nichts mehr beweisen."

Buch zum Geburtstag herausgebracht

So ganz kann es Kroetz aber noch nicht lassen: Am 19. Februar wurde Jörg Grasers Stück "Servus Kabul" im Theater im Haus der Kunst in München unter seiner Regie uraufgeführt. Kroetz inszenierte die Komödie über den Gegensatz der Kulturen - eine Bayerin will einen Ägypter heiraten und Muslimin werden - als Kasperltheater. Der Autor hatte sich angesichts des Karikaturenstreits zwischen arabischer und westlicher Welt zwar vorsorglich von der Kroetz-Fassung distanziert, doch das Premierenpublikum hatte seinen Spaß.

Zu Kroetz' Geburtstag hat der Rotbuch Verlag den Band "Blut & Bier" herausgebracht. Aber auch die - wie es im Untertitel heißt - "15 ungewaschenen Stories" sind eigentlich schon mehr als zehn Jahre alt. Die Geschichten - mal komisch, mal bitter-resignativ - scheinen wie aus dem "richtigen" Kroetz-Leben. "Aber wer alles glaubt, hat selber Schuld. Das Buch ist Satire und Übertreibung, Spaß und Gaudi", sagt der Noch-Ehemann von Maria Schells Tochter Marie-Theres Relin, die sich im September nach 18 gemeinsamen Jahren von ihrem Mann getrennt hat. "Die Scheidung läuft", mehr wolle er dazu nicht sagen.

Verkörperung des politischen Volkstheaters

In der Nachfolge von Marieluise Fleißer und Ödon von Horvàth verkörperte Kroetz viele Jahre das neue politische Volkstheater. Stücke wie "Wildwechsel", "Stallerhof" oder "Bauern sterben" wurden zu Klassikern dieses Genres. Aber es gab auch große Enttäuschungen, die in der Trennung von seinem früheren Verleger Siegfried Unseld gipfelten. Der Suhrkamp-Chef hatte sich 1994 geweigert, zwei Theaterstücke zu drucken, da beide Texte nicht der von seinem Haus verlangten Qualität entsprächen. Ein Jahr später wechselte Kroetz zum Hamburger Rotbuch Verlag, der inzwischen in zehn Bänden auch die "Gesammelten Stücke" von Kroetz herausgebracht hat.

Nach längerer Theaterpause in München will Kroetz im Sommer acht Einakter im Marstall auf die Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels bringen. Für ihn habe die Zahl 60 keine Bedeutung. "Mal fühlt man sich wie 40, mal wie 80, das wechselt", meint Kroetz. Er sei mit seiner Biografie recht zufrieden. "20 meiner Kinder sind wahnsinnig gut geraten, 20 sind brauchbar, und der Rest ist auch nicht ganz schlecht", schätzt Kroetz seine 63 Stücke ein. Ein "Lieblingskind" habe er aber nicht. Seinen Geburtstag will er auf Teneriffa verbringen, neben München und einem Vierseithof im Chiemgau sein dritter Wohnsitz. "Ich gehe mit meinen beiden Kindern Pizza essen."

Hilmar Bahr/DPA DPA

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