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Nebenrolle im "Tatort" Der verkannte Herr Kroetz


Im neuen München-"Tatort", der am Sonntag ausgestrahlt wird, spielt Franz Xaver Kroetz eine Nebenrolle. Dabei ist er, der mal Baby Schimmerlos war, doch für die Hauptrollen gemacht. Ein Hausbesuch.
Von Felix Hutt, München

Franz Xaver Kroetz ist 68 Jahre alt, er hat fünf Kinder, ein Haus in München, einen Hof im Chiemgau und eine Wohnung auf Teneriffa. Nach dem Ende seiner Ehe mit Marie Theres Relin teilt er seit vier Jahren sein Leben mit der schönen Architektin Juliane. Von außen betrachtet gäbe es also genug Gründe für den bayerischen Schauspieler, Dramaturgen und Regisseur, zufrieden zu sein, weil so viel nicht falsch gelaufen zu sein scheint in seinem Leben. Aber mit Zufriedenheit braucht man Kroetz nicht zu kommen.

Im Garten seines Hauses in Pasing, im Münchner Westen, zwitschern die Vögel, er schenkt den ersten Espresso ein, und schon geht es los mit dem Gezeter: "Das Alter ist ein Massaker", sagt Kroetz. Wer dieser eigenen Verwesung etwas abgewinnen könne, der sei in seinen Augen nicht ganz dicht. Diabetes, Arthrose, Schuppenflechte - die Liste seines Leids ließe sich wohl fortsetzen, käme ihm die Aufzählung nicht bald selbst etwas weinerlich vor.

Genial hinterfotzig

Der Anlass für das Gespräch ist seine Nebenrolle im Münchner "Tatort" "Am Ende des Flurs". Kroetz spielt Toni Feistl, einen Brauereibesitzer, der neben vielen anderen Männern nicht von der süßen Lisa Brenner lassen kann. Blöd nur, dass Lisa gleich zu Beginn von ihrem Balkon in den Tod stürzt, und danach jeder ihrer Verehrer im Verdacht steht, er könne etwas damit zu tun haben. Auch Feistl. Kroetz spielt den Feistl so authentisch, dass man dem hinterfotzigen Kerl am liebsten eine überziehen würde. Anders als die Komissare löst Kroetz etwas im Zuseher aus, er nimmt einen mit. Vielleicht, weil er sich für die Rolle nicht groß verstellen muss. Vielleicht, weil er ein verdammt guter Schauspieler ist. Vielleicht, weil man mit ihm ein Fernseh-Zeitalter verbindet, dass uns zwischen "Voice of Germany"-Castinggedöns und Til Schweiger-"Tatorten" verloren gegangen ist.

Als der Regisseur Max Färberböck bei ihm angerufen und ihm die Rolle angeboten habe, erzählt Kroetz, da habe er sich entschuldigt, dass der Feistl erst so weit hinten im Drehbuch auftaucht. "Da musste ich eben für die drei Drehtage so viel verlangen, dass ich meinen Kindern ein Auto von der Gage kaufen kann", sagt Kroetz und lacht, weniger fröhlich, eher sarkastisch. Die großen Rollen bekomme er nicht mehr angeboten, warum, das wisse er nicht, aber er habe sich sowieso nie als Schauspieler, sondern immer als Schreiber und Theatermann gesehen. Aber das Schreiben habe er vor zehn Jahren auch aufgegeben, niemand wolle heute noch Stücke vor ihm.

Ein drahtiger bayerischer Cowboy

Kroetz sieht aus wie ein drahtiger bayerischer Cowboy, das Hemd so weit offen, dass man die Kette im Brusthaar glitzern sehen kann, enge Jeans, Stiefel. Er spricht bayerisch, direkt, wirkt wie ein Rebell in Rente, der aber partout nicht in Rente sein will. Als Baby Schimmerlos; in link;http://www.stern.de/reise/deutschland/helmut-dietl-90350681t.html;Helmut Dietl#s "Kir Royal" wurde Kroetz Ende der 80er Jahre in München zum Kult wie der Monaco Franze. Dietl und Kroetz reden momentan nicht mehr miteinander, weil sie sich wegen Dietls letztem Film "Zettl" verstritten haben. Zu ihrer besten Zeit brachten sie München zum Leuchten, heute hat Dietl Krebs, die Abendzeitung ist insolvent und Schwabing voller Sprizz-Trinker und Mini Cooper. Kroetz hat das alles nie interessiert, natürlich nicht, damals nicht, und heute erst recht nicht mehr.

In seiner Verweigerungshaltung will er konsequent wirken, widerspricht sich aber oft. Einmal braucht er nie mehr zu drehen, dann wieder wünscht er sich neue, anspruchsvolle Rollen, solche wie sein Freund Josef Bierbichler sie en masse angeboten bekomme. Kroetz erinnert an Klaus Lemke, den Regisseur von "Rocker", der sich auch nie anpassen wollte, und deshalb nie den Erfolg hatte, den er verdient gehabt hätte. Wie Kroetz würde Lemke das anders sehen, die Definition von Erfolg in Frage stellen. Aber wenn man Kroetz so beim Verweigern zuhört, stellt man bald fest, dass sein Ankämpfen und sein bewusstes Ignorieren des Establishments ihn selbst ermüden. Lasst den guten Mann doch auf die Bühne, da gehört er hin, denkt man. Auf den Bühnen tummeln sich heute doch so viel weniger Charismatische als der Kroetz. Ein "Tatort", Regie Klaus Lemke, mit Kroetz als bösem Kommissar. Und nicht wundern, liebe Fernsehmacher, wenn er erstmal knurrt der Kroetz. In Wahrheit will er nur spielen.


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