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AUFRUF: Stoppt diesen Krieg!

Keine Bomben und Granaten mehr auf Afghanistan: Der stern hat Stimmen von prominenten Künstlern, Politikern, Gewerkschaftern, Theologen und Schriftstellern gesammelt, die sich für das Ende der amerikanischen Angriffe und gegen den Einsatz deutscher Soldaten aussprechen. Aus stern Nr. 47/2001.

Keine Bomben und Granaten mehr auf Afghanistan: Der stern hat Stimmen von prominenten Künstlern, Politikern, Gewerkschaftern, Theologen und Schriftstellern gesammelt, die sich für das Ende der amerikanischen Angriffe und gegen den Einsatz deutscher Soldaten aussprechen.

Franz Xaver Kroetz, 55, Schauspieler, Dramatiker und Regisseur

»Wer ein Volk als Geisel nimmt, um seine Interessen durchzusetzen, ist ein Volks- und Kriegsverbrecher. Das serbische Volk ins Elend zu bomben war so ein Verbrechen. Das afghanische Volk ins maßlose Elend zu stürzen und den korrupten Banditenhaufen, der sich Nordallianz nennt, an die Macht zu bomben, ist ein solches Verbrechen. Die USA haben in den letzten fünfzig Jahren viele Politverbrechen begangen. Gott sei Dank bin ich kein Amerikaner, aber wenn ich der Berliner Republik zuhöre - egal, ob rot, grün, gelb oder schwarz - schäme ich mich immer öfter, Deutscher zu sein. Wir sind nämlich auf dem Weg - zurück! - ins Kriegsverbrechergeschäft. Diese Haltung bedeutet nicht, dass ich religiöse Bastarde, welcher Richtung auch immer, toll fände. Ganz im Gegenteil; aber man darf kein Volk als Geisel nehmen wegen eines Verbrechens, das es nicht begangen hat. Der theoretischen Erörterung, ob Soldaten Mörder seien, gibt die aktuelle Wirklichkeit eine klare Antwort: ja. Daraus folgt: Stoppt diesen Krieg! Keine deutschen Soldaten nach Afghanistan.«

Manfred Kock, 65, EKD-Ratsvorsitzender

»Meine Zweifel, ob die gewählten militärischen Mittel im Kampf gegen den Terrorismus wirklich geeignet sind, werden immer größer. Die andauernden Bombardierungen zerstören weiter die Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung in Afghanistan. Den Massen in den islamischen Ländern wird nicht vermittelt, dass dieser Krieg nicht dem Islam gilt. Die Kriegsziele werden offenbar nicht erreicht. In dieser Situation habe ich persönlich große Bedenken gegen eine Fortsetzung des eingeschlagenen Weges und kann, ohne bessere Informationen über das tatsächliche Geschehen, einem Bundeswehreinsatz nicht zustimmen.«

Heike Makatsch, 30, Schauspielerin

»Das Bombardieren eines armen Landes und das Töten unschuldiger Menschen in Afghanistan ist falsch. So genannte humanitäre Ziele werden damit nicht verfolgt, der Terrorismus dadurch weder bekämpft, beseitigt oder verstanden. Ich hoffe, die Opposition zu diesem imperialistischen Krieg wird eine laute Stimme bekommen. Und dass wir, die wir uns bis jetzt nicht als «politisch» verstanden haben, erkennen, dass man die Verantwortung für Weltgeschehnisse nicht vollkommen abgeben darf.«

Alice Schwarzer, 58, Herausgeberin der Frauenzeitschrift »Emma«

»Es geht um den Kampf gegen den islamischen Terrorismus? Da bin ich die Erste, die dabei ist. Und zwar seit 1979, als Ayatollah Khomeini im Iran den «Gottesstaat» errichtete und mit seiner Scharia - ganz wie einst Hitler mit «Mein Kampf» - keinen Zweifel an seinen Absichten ließ. Der weltweite Kreuzzug begann, seine Flagge ist der Schleier, seine ersten Opfer waren die Frauen. Die Gotteskrieger eroberten Afghanistan und den Sudan, sie stürzten Algerien und Tschetschenien in blutige Bürgerkriege und mischten den Balkan auf, der seit Bosnien und dem Kosovo das Einfallstor der Terroristen nach Europa ist. Ihre militärischen Ausbilder kommen aus dem Iran, die Gelder aus Saudi-Arabien, ihre Trainingslager sind in Afghanistan - und zwar seit Anfang der 90er Jahre. Wer wirklich die Drahtzieher bekämpfen will, erreicht durch die Bombardements auf die

hungernde Bevölkerung nur das Gegenteil: die eskalierende Empörung aller Menschen in der islamischen Welt. Und wo sind in Deutschland die einstigen PazifistInnen geblieben? Die sind die heutigen Profiteure; allen voran Kanzler und Außenminister, die 1991 beide noch strikte Gegner des Golfkrieges waren. Doch alle, die diesem Krieg zustimmen, werden sich eines Tages von ihren Kindern und Kindeskindern fragen lassen müssen: Warum hast du mitgemacht?»

Christian Simmert, 28, MdB, Bündnis 90/Die Grünen

»Ich bin gegen den Einsatz der Bundeswehr und gegen den Krieg in Afghanistan. Am 11. September hat sich durch den grausamen Terroranschlag in den USA die Welt verändert. Wir müssen den Terror mit aller Konsequenz bekämpfen, aber gleichzeitig unsere offene Zivilgesellschaft schützen und bewahren. Krieg ist kein Weg zur Bekämpfung des Terrors, er führt zu weiterer Eskalation. Ich bin für einen sofortigen Kriegsstopp, damit es nicht zu einem Kampf der Kulturen kommt.«

Tobias Künzel, 37, Sänger der Popgruppe Die Prinzen

»Der Anschlag war ein Verbrechen. Und auf das sollte die «zivilisierte» Welt zivilisiert reagieren: Die Verantwortlichen ausfindig machen und vor Gericht stellen. Ich glaube, dass jeder Krieg nur neuen Hass, neues Leid und noch mehr Tote bringt. Jeder der für einen Krieg ist, muss auch bereit sein, selber mitzumachen. Ich war bei der Armee, und seitdem weiß ich: Ich werde nie mehr eine Waffe in die Hand nehmen.«

Nina Hagen, 46, Sängerin

»Wir Frauen hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges und darauf, dass unsere afghanischen Schwestern in Frieden und Respekt vor ihren Rechten leben werden können. Ich fordere alle Männer auf, die an diesem Krieg beteiligt sind, sich dem revolutionären Kampf der RAWA-Frauen anzuschließen.«

Cosma Shiva Hagen, 20, Schauspielerin

»Die größte Kunst ist der Frieden.«

Joseph von Westphalen, 56, Schriftsteller

»In 500 Jahren, viel früher wohl kaum, werden die Amis so weit sein, sich darüber zu wundern, dass sie damals den Anschlag auf ihre Überlegenheit so erbärmlich unüberlegen beantwortet haben. Bis dahin werden die Muselmanen sich auch über den Idiotismus ihrer einstigen Paradiesgläubigkeit mokieren können. Ansonsten kann es nur besser werden: Der Glaube an Gott und seinen Plemplem-Propheten hat sich so lächerlich gemacht wie der an westliche Zivilisation. Bei den deutschen Worten «Gefolgschaftstreue» und «uneingeschränkt» wird einem übel - und das ist gut so. Man sollte nicht zu schwarz sehen. Die nahe Zukunft bringt der PDS mehr Stimmen und im nächsten Sommer Abitur-T-Shirts mit der Aufschrift «Osam ABI nladen» 2002. Denn angesichts der debilen Mimik des US-Präsidenten und des fürchterlichen Steingesichts seines Kriegsministers hat der Höhlenfinsterling alle Chancen, zur Pop-Ikone einer Jugend zu werden, die auf politische Korrektheit pfeift.«

Ottfried Fischer, 48, Schauspieler

»Ich bin gegen diesen Krieg, weil es nicht gerechtfertigt sein kann, dass man, um einen Terroristen zu fangen, ein ganzes Volk zerstört.«

Rolf Hochhuth, 70, Schriftsteller und Dramatiker

»Unleugbar, dass wir Deutschen den Amerikanern Dank schulden, seit sie mit ihrer Luftbrücke West-Berlins Freiheit gerettet haben. Aber die amerikanische Luftbrücke beschränkte sich auf rein karitative Tätigkeit! Die Amerikaner haben keinen Schuss abgefeuert, sondern versorgten das von der Blockade der Russen umzingelte Berlin mit Lebensmitteln und sanitär Unentbehrlichem. Genau dies sollte heute auch der Bundeskanzler den Amerikanern anbieten: uneingeschränkte Hilfe im Humanen - aber nicht militärischen Beistand. Sanitätspersonal - keineswegs nur für die verwundeten Amerikaner, sondern auch für die Verwundeten unter ihren Gegnern. Und Lebensmittel für die Bevölkerung. Militärischen Beistand dürfen wir Deutsche jetzt den USA so wenig leisten, wie die Amerikaner ihn uns geleistet haben, als 1953 der Arbeiteraufstand vom 17. Juni von den Russen brutal niedergepanzert wurde. Damals hätte ein Militärschlag der Amerikaner gegen die DDR, sprich

Moskau, den dritten Weltkrieg ausgelöst. Der ist momentan nicht in Sicht, doch sollte das Pentagon so viel Verstand haben, nicht einzumarschieren. Denn der Kluge lernt aus den Erfahrungen der anderen - der Russen, die vorexerziert haben, dass selbst ihr Riesenreich Afghanistan nicht mit Bodentruppen besiegen konnte. Bei einem Einmarsch Bin Laden finden zu wollen, hieße eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. Schon Winston Churchill, meisterfahrener Krieger des vorigen Jahrhunderts, wusste: »Man steigt nicht ins Meer, um einen Hai zu töten.«

Hans Kammerlander, 44, Extrem-Bergsteiger

»Ich war mit meinen Expeditionen oft in Pakistan. So habe ich das Bergvolk in dieser Region kennen und lieben gelernt. Wenn ich sehe, dass die Afghanen jetzt weggebombt werden, macht mich das unendlich traurig. Alles nur wegen ein paar Fanatikern. Das ist doch völlig sinnlos. Die, die es jetzt trifft, können am wenigsten dafür. Und ich frage mich: Was soll dieser Krieg den USA bringen? Also, hört auf damit!«

Karlheinz Böhm, 73, Schauspieler und Vorsitzender der Stiftung »Menschen für Menschen«

»So sehr der Terror-Anschlag auf das World Trade Center in New York berechtigtes Entsetzen ausgelöst hat, so schrecklich ist die Ohnmacht der Weltmacht USA, die als Vergeltung ebenso unschuldige Menschen vernichtet und mit einem Terrorkrieg antwortet, der genau den Weg weitergeht, den die Terroristen begonnen haben - statt die Frage nach den Ursachen zu stellen. Geht es um einen Menschen oder um eine Pipeline oder die endlosen Milliarden in die Rüstungsindustrie? Wann werden die Reichen endlich begreifen, was der Hungertod, was die wirkliche Armut bedeutet und welche Bedrohung dies für den Weltfrieden bedeutet. Wir sollen Menschen für Menschen sein.«

Katja Flint, 42, Schauspielerin

»Bomben treffen vor allem die Unschuldigsten, die Schwächsten. In Zeiten der weltweiten Solidarität gegen den Terrorismus wäre stattdessen wünschenswert, dass sich die Politiker der Welt endlich zusammensetzen und langfristig den Weltfrieden planen. Machtstreben und wirtschaftliche Interessen müssten dabei in den Hintergrund treten, Toleranz und

Einfühlungsvermögen in den Vordergrund.»

Miroslav Nemec, 47, Schauspieler

»Zu Beginn waren alle wild entschlossen, weil jeder glaubte, dieser Krieg ließe sich mit ein paar Angriffen erledigen. Jetzt muss die Vernunft über die Rachegefühle siegen. Man muss sich eingestehen, dass dieser Krieg auch nach wochenlangen Bombardements nicht zu gewinnen ist. Nur die Zivilbevölkerung leidet. Es ist unvernünftig und dumm, die ganze islamische Welt gegen sich aufzubringen.«

Lothar-Günther Buchheim, 83, Schriftsteller und Künstler

»Unsereinem sollte, so hieß es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Hand verdorren, wenn sie je wieder eine Waffe berühren würde. Und wo sind wir jetzt? Ich kenne - bei meinen Jahren - die Welt nicht mehr?«

Thomas Ostermeier, 33, Intendant der Berliner Schaubühne

»Dieser Krieg, wie ihn der Westen führt, trifft doch im Moment nur unschuldige Zivilisten - und das ohne jeden erkennbaren Erfolg, was den Kampf gegen den Terror betrifft. Es ist kein vernünftiges Kriegsziel zu erkennen, kein Konzept für die Zukunft Afghanistans und der ganzen Region. Es entstehen nur Unruhe und Hass in der islamischen Welt, und damit neue Konflikte und Kriege. Und so wird man das Gefühl nicht los, dass hier ohne nachzudenken aus dem Affekt gehandelt wird, um Rache zu üben für diese fürchterlichen Anschläge. Von einem Staat, zumal einem westlichen, können wir aber wohl bedachtes, aufgeklärtes und vernünftiges Handeln verlangen. Sonst bräuchten wir den Staat ja gar nicht.«

Christoph Schlingensief, 41, Regisseur

»Man muss Niederlagen akzeptieren können. Wir leben in einer Kultur der Niederlage, und das müssen wir endlich akzeptieren. Ich möchte keiner Kultur angehören, die das, was in Amerika passiert ist, überbieten will!«

Klaus Zwickel, 62, Vorsitzender der IG Metall

»Ich fordere die Bundesregierung auf, sich für eine sofortige Einstellung der Bombardierung Afghanistans einzusetzen. Der Terrorismus muss bekämpft werden. Keine Frage. Aber die wochenlange Bombardierung des völlig zerrütteten Landes hat offenkundig nicht zu den erwarteten Erfolgen geführt. Im Gegenteil, immer mehr Zivilpersonen werden verletzt und getötet, Lebensmittellager zerstört und zivile Einrichtungen getroffen, ohne dass die Zentren des Terrorrismus vernichtet oder seine Drahtzieher gefangen wurden. Jetzt muss die breite Übereinstimmung im Kampf gegen den Terrorismus genutzt werden, um politische Lösungen für eine staatliche Neuordnung Afghanistans zu finden. Und: Die humanitäre Hilfe für die leidende Bevölkerung muss ausgeweitet werden.«

Franz Josef Degenhardt, 69, Liedermacher und Schriftsteller

»Ja, ich bin gegen den so genannten Anti-Terroristen-Kampf in Afghanistan. Er ist ein Krieg und er geht vor allem um die Sicherung von Rohstoffen und um Militärbasen der USA und der übrigen westlichen Welt. Folgt die deutsche Regierung wirklich nur wieder in traditioneller Nibelungentreue dem obersten Kriegsherrn?«

Günter Gaus, 71, Journalist und Publizist

»Die Kriegführung in Afghanistan: die Skrupellosigkeit von Flächenbombardements und des Abwerfens von Streubomben; die Verschwommenheit der Vorstellungen von Kriegsziel und Kriegsdauer; die betrügerischen und selbstbetrügerischen Behauptungen über alsbald mögliche politische Lösungen der afghanischen Tragödie - dies alles widerspricht einer rationalen Politik. Zu erkennen ist stattdessen eine Ratlosigkeit, über die die Welt binnen kurzem außer Rand und Band geraten kann.«

Günter Amendt, 62, Sozialwissenschaftler und Publizist

»Wer glaubt und hofft, es werde alles so bleiben, wie es ist, braucht diesen Krieg. Wer noch in der Lage ist, in Alternativen zu denken und sich eine Welt ohne Menschenverachtung, Ausbeutung und Verschwendung vorzustellen vermag, braucht ihn nicht.«

Campino, 39, Sänger der Toten Hosen

»Gegen Afghanistan kann man keinen Krieg gewinnen. Es ist schon alles kaputt, was man kaputt machen könnte. An den Kern des Terrorismus kommt man so nicht heran und eine Fortführung des Bombardements wird in einer humanitäten Katastrophe enden, die durch nichts in der Welt zu rechtfertigen ist. Durch seine «uneingeschränkte Solidarität» mit diesem blinden Aktionismus macht sich Deutschland dieses Verbrechens mitschuldig. Das Abwerfen von «Continental-Breakfast-Tüten» in der Kriegszone bringt da keine Pluspunkte.«

Lothar de Maiziere, 61, letzter Ministerpräsident der DDR

»Uneingeschränkte Solidarität heißt nicht unkritische Solidarität. Kritik stellt die Solidarität nicht infrage, sondern unterstützt die Suche nach den geeigneten Mitteln. Die letzten vier Wochen haben uns gezeigt, dass man auf dem Holzweg ist.«

Konstantin Wecker, 54, Liedermacher

»Wie viele Tote brauchen wir noch, um einzusehen, dass man Terror nicht mit Krieg besiegen kann? Statt die Armut zu bekämpfen, töten wir die Armen. Streubomben auf ein geknechtetes Volk und auf über eine halbe Million verkrüppelte Kinder - ist das der richtige Weg, um der «unzivilisierten» Welt die Demokratie schmackhaft zu machen? So leicht manche anscheinend für einen Krieg Argumente finden, so schwer würde es ihnen doch fallen, selbst in den Krieg zu ziehen. Es heißt immer, es gäbe keine Alternative zu diesem Feldzug. Wie wär?s mit Frieden? Wer jetzt, aus einer fast schon pathologischen Solidarität heraus, keinen Stopp fordert, gerät in den Verdacht, sich wieder mal nur der wertvollen Ressourcen und Wiederaufbauprofite als Global Player bemächtigen zu wollen.«

Carl Friedrich von Weizsäcker, 89, Physiker und Philosoph

»Es war ein Fehler von Präsident Bush, auf das schreckliche Unheil in New York mit einer Kriegserklärung zu reagieren. Man sollte die Institution des Krieges soweit als möglich überwinden. Denn der Krieg mit modernen Mitteln birgt immer die Gefahr eines alles vernichtenden Weltenbrandes in sich.«

Herbert Grönemeyer, 45, Sänger

»Kampf dem Terrorismus Mann gegen Mann. Kein Krieg, kein Bombenszenario! Nicht Auge um Auge, Zahl gegen Zahl. Jeder Mensch ist Würde, jeder Mensch ist Religion, jeder Mensch ist eine Welt, jedes unschuldige Opfer durch Hunger, Bomben oder Sanktionen, siehe Irak, ist genauso Terror. Unparteiische Klärung des Nahost-Konfliktes, amerikanisches Versprechen, sich zurückzuziehen aus dem Mittleren Osten und jedes Interesse an Gas und Öl in der kaspischen Region aufzugeben.«

Antje Vollmer, 58, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

»Wer Krieg gegen ein Land führen will, sollte vorher genau definieren, welche Ziele er mit welchen Mitteln erreichen will und kann. Das Kriegsziel der Allianz gegen den Terror ist unklar: So wie aus dem Kampf gegen bin Laden unversehens ein Krieg gegen das Taliban-Regime wurde, droht aus dem Krieg gegen das Taliban-Regime eine weltweite Kampagne gegen eine unbegrenzte Anzahl potenzieller Rückzugsgebiete zu werden. Überlassen wir die Antwort auf die Frage nach den Mitteln und Zielen allein der Dynamik des Krieges, dann droht eine gefährliche Eskalation. Meine Grundfrage bleibt: Ist Terrorismus überhaupt militärisch besiegbar?«

Friedrich Schorlemmer, 57, Theologe, Bürgerrechtler und Publizist

»Die Folgen dieses ersten deutschen Militäreinsatzes irgendwo in der Welt sind ebenso wenig abzuschätzen, wie das Ziel definiert, also eingegrenzt ist. Der Terrorismus lässt sich so nicht bekämpfen; er wird vielmehr neuen Zulauf bekommen. Darum: SAG NEIN!«

Rolf Becker, 66, Schauspieler

»Als Kind erlebte ich den Zweiten Weltkrieg. Und danach, dass alle Deutschen, auch wenn sie Widerstand geleistet hatten, unterschiedslos verantwortlich gemacht wurden, weil sie nicht verhinderten, was in ihrem Namen unzähligen Menschen in vielen Ländern angetan wurde - Tod und Verstümmelung, unendliche Qualen und Leid, Hunger, Vernichtung der Lebensgrundlagen von Generationen. Die Folgen sind noch immer nicht überwunden, die Opfer bleiben Opfer, betrogen auch, wenn sie entschädigt wurden. Wollen wir uns erneut verantwortlich machen lassen für das, was heute in unserem Namen von Regierung und fast allen Parteien im Parlament beschlossen und «out of area» realisiert wird - nicht zuletzt im Interesse derer, die von der globalen Sicherung der Rohstoffbasen profitieren? Noch reichen Propaganda und Überwachung nicht aus, uns über die wahren Kriegsziele zu täuschen. Wir können unser «SAG NEIN!» begründen. Vor zwei Jahren habe ich den «sauberen» Krieg der Nato miterlebt, als wir unsere Kolleginnen und Kollegen während der Bombardements in Jugoslawien besuchten: «Dialog von unten statt Bomben von oben.» Was Scharping «Kollateralschäden» nannte, waren planmäßig zerstörte Wohnviertel, Krankenhäuser, getötete Menschen, darunter viele Kinder. Als Gewerkschafter bin ich dafür, dass die arbeitende Bevölkerung den Kriegstreibern entgegentritt und nein sagt zur Barbarei des neuerlichen Bombenkrieges, der von der so genannten zivilisierten Welt - wie lange noch? - gegen die Bevölkerung in Afghanistan geführt wird. Demokratie muss erkämpft werden, Euer Krieg ist nicht unser Krieg.«

Walter Kempowski, 72, Schriftsteller

»Zum gegebenen Zeitpunkt halte ich es für unverantwortlich, in Deutschland Truppen zusammenzustellen und sie irgendwann irgendwohin zu schicken. Die Schnelligkeit, mit der das ganze Vorhaben vorangetrieben wird, und die Plumpheit der Zielsetzung scheinen mir höchst bedenklich. Ich habe den Krieg von Anfang bis Ende bewusst miterlebt. Die Zerstörung meiner Heimatstadt war eines der schrecklichsten Erlebnisse, die ich hatte. Und mit dem Tod meines Vaters in Ostpreußen bin ich bis heute nicht fertig geworden. Ich erlebte die Zerstörung von Hamburg und anderen größeren Städten. Wenn jetzt von Krieg die Rede ist, dann sträuben sich mir die Haare.«

Walter Jens, 78, Schriftsteller

»Dem globalen Terrorismus kommt man zuallerletzt mit einem durch den Einsatz von Streubomben und Flächenverwüstungen bestimmten Krieg bei, dessen Opfer in erster Linie Unschuldige sind. Auf diese Weise wird, weit über Afghanistan hinaus, der Terror als Ausdruck der Verzweiflung befördert und die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert: Für schmutzige Bomben steht Geld bereit, für sauberes Wasser nicht. Wer in dieser Situation von «uneingeschränkter Solidarität» spricht, statt als Freund dem Bundesgenossen die Problematik seines Tuns sichtbar zu machen, handelt wie ein Vasall und nicht wie ein besonnener Gefährte, der sich der Maxime verpflichtet weiß: «Auf dem Weg zum Abgrund kann eine Panne bisweilen das Leben retten»«.»

Annelie Buntenbach, 46, MdB, Bündnis 90/ Die Grünen

»Ich lehne den Militäreinsatz in Afghanistan ab. Der furchtbare Terroranschlag in den USA kann nicht weitere unschuldige Opfer rechtfertigen. Die Bilder der verletzten und getöteten Kinder, der zivilen Opfer in Afghanistan werden in Teilen der Welt als Zeichen dafür gelesen, dass Menschen ungleich viel wert sind, je nachdem, in welchem Teil der Welt sie leben. Solidarisierungseffekte mit den Terroristen sind vorhersehbar, der Norden läuft mit diesem Krieg in die Falle eines Kampfes der Kulturen. Mehr Terror, nicht weniger Terror wird das Ergebnis sein, wenn man so an der militärischen Eskalationsschraube dreht.«

Thomas D., 32, Sänger der Fantastischen Vier

»Was wir anderen zufügen, wird auch uns geschehen, Hass erzeugt nur wieder Hass. Die einzige Möglichkeit, um Frieden zu erlangen, liegt darin, Frieden in uns zu finden durch die bewusste Hingabe zu Liebe, Mitgefühl, Vergebung und Demut. Dies

beinhaltet auch ein klares Nein zu jedem Krieg.»

Martin Walser, 74, Schriftsteller

»Selbst Erzkapitalisten wie George Soros rufen inzwischen (nach dem die Milliarden verdient sind) nach einer Zähmung des Marktfundamentalismus. Der Politik ist dazu noch nichts eingefallen. Die Macht, der die Weltwirtschaft am liebsten gehorcht, trägt die Verantwortung - und wird so das Ziel des Terrors, der seinerseits eine monströse Reaktion ist auf unsere Versäumnisse und Fehler. Der amerikanische Präsident neigt dazu, Politik durch hausgemachte Moral zu ersetzen

(»Schurkenstaaten« usw.). Wir in Europa finden das zwar simpel, aber wir verwehren es ihm nicht. Es wäre die eigentliche Pflicht Europas, dem Freund zu sagen, dass man historische Versäumnisse und Fehlentwicklungen nicht durch Krieg korrigieren kann, sondern ganz allein durch Frieden. Amerika geriet durch diesen Terrorschlag in einen Schock, jetzt muss Europa beweisen, dass es mehr ist als eine Bürokratie in Brüssel. Europa muss dem Freund aus dem Schock heraushelfen. Europa muss den Frieden erklären. Alles andere ist Feigheit vor dem Freund.»

Hans-Christian Ströbele, 62, MdB Bündnis 90/ Die Grünen

»Dieser Krieg zielt nicht nur auf Hintermänner und Stützpunkte von Terroristen. Angegriffen werden auch Städte und Dörfer. Die Bevölkerung bleibt nicht verschont. Streubomben und Flächenbombardements treffen unterschiedslos. Unzählige unbeteiligte Zivilisten sterben und werden grausam verstümmelt. Mehr Hass und Gewalt entstehen. Die Risiken für die Region sind unkalkulierbar groß. Terroristen drohen, Helden und Märtyrer zu werden - nicht nur in der islamischen Welt. Dieser Krieg ist politisch falsch und verhängnisvoll.«

Nena, 41, Sängerin

»Ohne Liebe bin ich nichts. Selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja mit Engelszungen reden könnte, so wären alle meine Worte hohl und leer, ohne jeden Klang wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag« (1. Korinther 13, 1). Stoppt diesen Krieg - jetzt.»

Lothar Bisky, 60, Ex-Parteichef der PDS und heute Fraktionschef in Brandenburg

»Leider habe ich zu spät meinen Freunden geglaubt, aus Schwertern Pflugscharen zu schmieden. Damals waren die Russen erst kurz in Afghanistan. Jetzt bin ich nicht bereit, aus Pflugscharen wieder Schwerter zu schmieden. Nur damit die Amerikaner die Russen ablösen können.«

Dieter Hildebrandt, 74, Kabarettist

»Meine Begeisterung für einen Kriegseinsatz ist enden wollend. Schon vor Jahrhunderten haben die klugen Fürsten ihre Landeskinder nie schlechten Feldherren angedient.«

Benno Fürmann, 29, Schauspieler

»Dieser Krieg ist falsch, weil es keinen Sieger geben kann. Die Folgen einer imperialistischen Außenpolitik sind nun, dass man auf dem Rücken eines der ärmsten Länder der Welt gegen einen Feind kämpft, den man vor kurzem noch tatkräftig unterstützt hat. Vielleicht wäre es jetzt der Zeitpunkt, einer globalen Stimmung des Hasses und des Leids etwas selbstreflektierender gegenüberzustehen.«

Edgar Selge, 52, Schauspieler

»Es ist deprimierend, dass sich Kriegsgegner zurzeit weder von den Sozialdemokraten noch von den Grünen vertreten fühlen können. Dass es ausgerechnet diese Parteien sind, die mit Schilys Sicherheitspaket II unseren Rechtsstaat demontieren und in Afghanistan einen Krieg unterstützen, der die Polarisierung weitertreiben wird. Wenn Deutschland Soldaten in diesen Krieg schickt, riskiert es einen Bruch mit Grundwerten, die wir uns in den letzten 50 Jahren erworben haben. Deutschlands Stärke in der Weltpolitik liegt im Dialog und im mäßigenden Einfluss.«

Maria Jepsen, 56, Bischöfin für Hamburg

»Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein - das haben wir als Kirchen seit 1948 immer wieder gesagt. Das gilt auch für Afghanistan. So schlicht der Satz ist, mehr braucht nicht gesagt zu werden. Krieg ist das mörderische Verfahren, die Gewaltspirale hochzuschrauben.«

Claudia Roth, 46, Parteichefin der Grünen

»Eine Koalition gegen den internationalen Terrorismus muss auch eine Koalition der Humanität, der Menschenrechte und der politischen Perspektiven sein, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren will. Ich sage ja zur Bekämpfung terroristischer Infrastruktur auch mit repressiven Mitteln, die verhältnismäßig und zielgenau sind. Daher fordere ich zur Versorgung der Zivilbevölkerung und als politisches Zeichen für die islamische Welt eine Aussetzung der Bombardements zu Ramadan und ein Nein zu Streubomben.«

Rolf Wischnath, 53, Generalsuperintendent Cottbus

»Nach allem, was die Kirchen in den letzten Jahren zum Frieden gesagt haben, müssen wir jetzt alle sagen: Um Gottes willen, nein! Willy Brandt sagte: Bei allen Fehlern, die die Sozialdemokratie in ihrer Geschichte gemacht habe, habe diese Partei die Deutschen noch nie in Krieg und Not geführt. Jetzt tut dies einer seiner Nachfolger. Für mich bedeutet das nach dreißig Jahren Mitgliedschaft: Schluss mit der SPD.«