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"Game of Thrones": Das Mirakel um Jon Snow

Am heutigen Sonntag startet die mit Spannung erwartete sechste Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones". Millionen Fans in aller Welt treibt die Frage um: Siegt das Gute, kehrt Jon Snow zurück? Auf seiner Spur am Set in Belfast.

Kit Harington alias Jon Snow

Der Brite Kit Harington alias Jon Snow, einer der Helden der Serie, der am Ende der fünften Staffel stirbt

So sieht er also aus, der Thron, auf den sie alle so scharf sind. Ein Ungetüm aus grauem Eisen. Die Sitzfläche niedrig wie eine Kindergartenbank. Mit einer riesigen, finsteren Lehne, aus der Schwertspitzen ragen, sodass man beim Hinsetzen Angst bekommt, sich den Kopf aufzuspießen. So viel ist sicher - welcher Held auch immer die Schlachtfeste, Machtkämpfe und Sexorgien der Serie "Game of Thrones" überlebt, als Herrscher wird er nicht besonders bequem sitzen.

Belfast, ein Industriegebiet am Hafen. Besuch bei der populärsten TV-Serie der Welt - der Fantasy-Saga "Game of Thrones". Hier, in vier gigantischen Fabrikhallen, haben die Macher die Mittelalter-Welt aufgebaut. Außen Industriefassade, drinnen Prunk, Marmorböden und bis zur Decke ragende Säulen, als wäre man im Schloss Neuschwanstein. Es ist das größte TV-Spektakel, das es je gegeben hat. 100 Millionen Dollar verschlingt die Produktion der sechsten Staffel. Gedreht wurde die Serie unter anderem auf Malta, in Kroatien, Island, Marokko und Spanien, wo sie in der Steppe Kastiliens eine Schlachtszene mit 200 Kämpfern filmten.

704 Tote gab es bisher bei "Game of Thrones"

Gestorben wird viel bei "Game of Thrones". 704 Tote gab es bisher, aber nur einem, diesem einen und einzigen, trauern zurzeit alle Fans kollektiv nach - dem schwarzlockigen, blassen Kämpfer Jon Snow, gespielt vom Briten Kit Harington. In der Düsterwelt der Serie war Jon Snow einer der wenigen Lichtblicke. Ein weicher Typ in einer harten Welt, einer, der nicht, wie die meisten anderen, nach Macht, Sex und dem Thron gierte, sondern den Ausgleich suchte. Ein Menschenfreund unter Unmenschen, Drachen und Geistern.

Doch ausgerechnet Jon Snow starb, feige erdolcht von seinen eigenen Gefolgsleuten, was selbst hartgesottene Fans schockierte. Zwar gehört die Unvorhersehbarkeit und Skrupellosigkeit, mit welcher der amerikanische Autor und Vorlagenlieferant George R. R. Martin Edelmänner zu Meuchelmördern werden lässt, schon lange zum Standardprogramm und Erfolgsgeheimnis dieser Serie. Doch dieses Mal, so empfinden es viele, sind die Macher zu weit gegangen. Es kann, es darf einfach nicht sein! Jon Snow darf nicht gestorben sein, so lautet das Mantra. Und deshalb wollen die Gerüchte über eine mögliche Rückkehr von Jon Snow auch nicht abreißen. Weltweit belauern Paparazzi die Dreharbeiten, auf der Jagd nach einem Abschuss, nach einem optischen Hinweis auf die Auferstehung von Jon Snow. Ohne Erfolg.

Doch die Panik, dass auch nur ein Hauch von Handlung nach außen dringen könnte, bekommt man als Besucher deutlich zu spüren. Sie überträgt sich wie ein Virus auf alles und jeden, dem man hier begegnet. Jeder hat Angst, ein Wort zu viel zu sagen. Vier Pressedamen eskortieren einen durch die Werkshallen, zwei vorn, zwei hinten, als gäbe es hier irgendwo eine geheime Tür, hinter der - oh, welch Überraschung! - sich gerade Jon Snow für seine nächste Szene vorbereitet.

Game of Thrones

Schnee- und Dreharbeiten: Die Schauspieler Alfie Allen und Sophie Turner am Filmset in Nordirland

Doch kein Jon Snow, nirgends, auch nicht in der Halle des Kostümfundus. Meterlange Stangen, an denen Fellumhänge, Ledermonturen, Roben und Gewänder hängen. An einem Tisch näht eine Frau gerade einen bunt verzierten Hemdkragen, alles Handarbeit, und man versucht ein Gespräch. Frage: "Und für welche Figur wird diese Kleidung sein?" Antwort: "Ähh, ich glaube, das darf ich Ihnen jetzt nicht sagen, oder?" Ängstlicher Blick zum Begleitschutz, der synchron den Kopf schüttelt. Unweit nebeln ein paar junge Männer gerade ein paar Ritterrüstungen ein. Mit alkoholhaltigem Spray. Darf nicht rosten das Zeug, wird noch gebraucht.

Geplant sind acht Staffeln "Game of Thrones"

Acht Staffeln sind geplant. Auch wenn George R. R. Martin gerade unter einer Schreibblockade leidet, Abgabetermine gerissen hat und es jetzt an einer Buchvorlage für die Fortsetzung mangelt. Muss eben improvisiert werden. Produzent David Benioff und sein Partner Dan Weiss telefonieren fast täglich mit Martin und lassen sich erzählen, was mal in seinem Buch stehen wird, und, ja, das sicher auch: wie er gedenkt, das Schicksal Snows zu entscheiden.

Von Anspannung ist eine Halle weiter, im "Break-down-Department", erst einmal nichts zu spüren. Da steht Andrew, ein junger Ire, in der Hand eine Drahtbürste. Er darf hier tagtäglich die neu eingetroffene Ware auf zerrissenes Mittelalter heruntertrimmen. Also Kostüme und nach frischem Leder duftende Umhänge so bearbeiten, als hätte sich ein Grizzlybär an ihnen ausgetobt. "Macht Spaß, oder?" - "Ja, schon!", sagt er. Ob er wisse, was mit Jon ... - der Begleitschutz schaut streng.

Hier kommen wir nicht weiter. Fahren wir also lieber raus, nach Shane's Castle, einer Burgruine im nordirischen County Antrim. Dort, eine Stunde von Belfast entfernt, drehen sie gerade eine Szene für die neue Staffel. Im Regenmatsch unter einem Zelt stehen jetzt der Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau und seine Kollegin Lena Headey. Er sieht aus wie Robin Hood und sie wie eine Dorfmagd. Robin Hood checkt noch kurz sein Smartphone. Wir stellen die verbotene Frage: "Was wird eigentlich aus Jon Snow?" Waldau schaut auf und sagt: "Es geht um die Transformation der Charaktere, die sich auf eine emotionale Reise begeben." Lena Headey grinst. "Wir können uns ja über die schönsten Urlaubsziele in Nordirland unterhalten", sagt sie, "das ist vielleicht ergiebiger und einfacher." Ja, warum denn eigentlich nicht? Es werden jetzt Urlaubstipps für Nordirland ausgetauscht, bis dem Begleitschutz dieses Geplänkel dann doch zu bunt wird. "Die Zeit ist leider um. Ich hoffe, Sie haben alles bekommen, was Sie brauchten."

"Der Berg" ist ein 2,06-Meter-Hüne

Mittagszeit. Drehpause. Aus der Burgruine trotten Männer mit Schwertern und Helmen und Frauen in langen, wallenden Gewändern zu den Foodtrucks, die heute Spaghetti bolognese im Angebot haben. Die Stimmung entspannt sich, und so sitzt man plötzlich unbeobachtet neben Hafþór Júlíus Björnsson, einem isländischen 2,06-Meter-Hünen, dessen Rollenname in "Game of Thrones" sehr treffend erscheint: "Der Berg".

Game of Thrones

Schwer-Metaller: Der isländische Schauspieler und ehemalige Basketballspieler Hafþór Júlíus Björnsson wird eingekleidet

In seiner Heimat ist Björnsson dafür berühmt, dass er mal einen 650 Kilogramm schweren Baumstamm ein paar Meter weit trug. Nun trägt er den Titel "Stärkster Wikinger der Welt". Doch seit er hier mitspielt, rufen ihm die Menschen auf der Straße hinterher: "Schau mal, da ist 'Der Berg'!" Ihm gefällt das.

In seiner Heimat ist Björnsson dafür berühmt, dass er mal einen 650 Kilogramm schweren Baumstamm ein paar Meter weit trug. Nun trägt er den Titel „Stärkster Wikinger der Welt“. Doch seit er hier mitspielt, rufen ihm die Menschen auf der Straße hinterher: „Schau mal, da ist ‚Der Berg‘!“ Ihm gefällt das.

So einen, der keine Angst vor gar nichts hat, den könnte man doch jetzt mal gut fragen, was zum Teufel aus Jon Snow wird? Das Leak beim Bolognese-Essen. Das wär's doch! Aber der Berg schweigt. Irgendwann brummelt er: "Hab keine Ahnung. Selbst wir Schauspieler bekommen die Scripts erst kurz vor dem Dreh." Dann erhebt er sich und raunt zum Abschied: "Ich denke, es wird wieder viel gestorben." Und womöglich einmal auferstanden.

Zweiter Trailer zu "Game of Thrones": Die Toten kommen


Die sechste Staffel "Game of Thrones" läuft ab 25. April bei Sky