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stern-Gespräch

Kölner "Tatort": Man kennt ihn aus dem TV - hier erzählt Joe Bausch von seinem knallharten Job im echten Leben

In seine Sprechstunde kommen Killer und Psychopathen: Der Mediziner Joe Bausch, bekannt durch den Kölner "Tatort", erzählt, welche Wehwehchen er im härtesten Knast des Landes behandelt. Denn im echten Leben ist er Gefängnisarzt.

Joe Bausch erzählt von seinem knallharten Job im echten Leben

Der Mann für die Groben: Joe Bausch, 65, Gefängnisarzt

Herr Bausch, wir kennen Sie als Gerichtsmediziner im Kölner "Tatort". Aber Sie sind auch im wirklichen Leben Arzt. Und zwar an einem besonderen Ort.

Das kann man so sagen. Ich arbeite in der Justizvollzugsanstalt in Werl. Das ist ein Hochsicherheitsgefängnis mit etwa 1000 Insassen.

Nur Männer?

Ja, im Alter von 24 bis 78 Jahren.

Wer sitzt hier ein?

Werl muss man sich verdienen. Hier kommst du nicht mal einfach so hin. Da muss man schon einiges auf dem Kerbholz haben. Hier sitzen Schwerverbrecher.

Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Ich bin sozusagen der Hausarzt hier. Mit ein paar anderen Kollegen kümmere ich mich um die medizinische Versorgung der Insassen. Vom Pickel am Hintern bis zur schweren Depression haben wir es mit der ganzen Palette an medizinischen Problemen zu tun.

Wie kommt man als junger Mediziner in den Knast?

Ich hab nicht aufgepasst. Nein, im Ernst: Das hat sich so ergeben. Nach dem Studium habe ich erst mal in einer Privatklinik gearbeitet und Architektengattinnen und Fußballprofis die Besenreiser verödet. Aber das hat mich irgendwann gelangweilt. Und im Landesjustizkrankenhaus hier in Nordrhein-Westfalen war dann eine Weiterbildungsstelle für Chirurgie frei.

Und da sind Sie hin?

Nicht direkt. Alle wollten mich, auch die zuständige Behörde. Nur der damalige Chefarzt nicht. Er behauptete, ich hätte eine verdächtige Nähe zur Klientel.

Wie kam er darauf?

Wahrscheinlich hatte der mich mal im Fernsehen gesehen. Ich habe schon während des Studiums als Schauspieler gearbeitet und wurde gern als Bösewicht besetzt. Nach der Absage hat mir die zuständige Behörde den Job hier in Werl als Anstaltsarzt angeboten. Das war vor 32 Jahren. So begann meine Knastkarriere.

Joe Bausch in seiner Küche mit Blick aufs Gefängnis

Joe Bausch in seiner Küche mit Blick aufs Gefängnis

Warum sind Sie geblieben?

Ich mag schwierige Patienten. Auch Leute, die einen mal beleidigen oder anzeigen. Hier ist immer was los. Ich bin selber ein ziemlich bunter Vogel.

Was haben denn manche Patienten gegen Sie?

Sie bekommen nicht immer, was sie wollen. Bestimmte Medikamente etwa. Und dann ist man eben schnell der üble Typ, der auf der anderen Seite steht.

Sie haben über Ihre Arbeit ein Buch geschrieben. In "Gangsterblues" erzählen Sie Geschichten von Strafgefangenen. Wie wahr sind sie?

Sie haben alle einen wahren Kern, aber ich habe die Namen und andere Dinge so verändert, dass die Privatsphäre der Betroffenen gewahrt bleibt. Aber es sind Situationen, Fälle und Begegnungen, die ich so oder ähnlich erlebt, fiktionalisiert und weitergesponnen habe. Denn Verbrechen sind meistens nur banal, ganz wenige haben für sich genommen das Zeug für eine spannende Geschichte.

Sie treffen die Gefangenen in Ihrer Sprechstunde. Zu einigen entsteht sogar eine gewisse Nähe. Trotzdem wahren Sie immer Distanz.

Jeder muss hier darauf achten, wo er hingehört. Wenn's hart auf hart kommt, muss das glasklar sein. Wir sind hier nicht im Vergnügungspark.

Sind Sie schon mal in echte Bedrängnis geraten?

Manche rasten aus, versuchen, einen anzugreifen. Aber es sind immer Beamte in der Nähe. Und so leicht bin ich auch nicht einzuschüchtern. Mir hat schon oft einer erzählt: Du stehst auf meiner Todesliste ganz oben.

Was antworten Sie?

Da musst du dich hinten anstellen. Es gibt schon zehn andere, wo ich oben stehe.

Was war das Härteste, was Sie erlebt haben?

Als es einmal bei mir zu Hause an der Tür klingelte und zwei Leute von einem Beerdigungsinstitut vor der Tür standen und sagten, sie seien dann jetzt da, um die sterblichen Überreste von Herrn Bausch abzuholen. Das war wohl von einem der Insassen veranlasst worden.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe gesagt: Männer, ich habe Kopfschmerzen heute, aber die führen nach meiner Erfahrung nicht zu meinem sofortigen Ableben. Ich muss euch enttäuschen.

Ganz schön abgeklärt.

Na ja, du denkst hinterher schon kurz: Scheiße, was, wenn das nur der Anfang war? Wenn da noch was kommt? Aber ich neige nicht so sehr zu Ängsten.

Wer waren die schlimmsten Typen, die Ihnen in Ihrer Laufbahn begegnet sind?

Schwerstgestörte Psychopathen. Wenn die vor dir stehen, dann frierst du. Wenn du merkst, dass diese Menschen zu keinerlei Gefühlsregungen fähig sind. Auch pädophile Mörder lassen einen erschauern.

Was macht man mit solchen Menschen?

Die Frage ist: Dürfen die je wieder raus? Kann man die überhaupt therapieren?

Joe Bausch zwischen Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt beim "Tatort"-Dreh

Joe Bausch zwischen Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt beim "Tatort"-Dreh

Und? Kann man?

Einige ja. Viele wohl nicht. Ich schildere in meinem Buch einen Fall, wo es ein Täter sogar selber weiß und mich anfleht: "Ich darf nicht raus! Verstehen Sie mich? In mir steckt ein Monster."

Ist so einer in Werl überhaupt richtig aufgehoben?

Nein, und das ist das Problem. Im ganzen Land sitzen dramatisch mehr psychisch schwer kranke Menschen in Gefängnissen als in der Psychiatrie.

Warum ist das so?

Wir haben seit 1969 knapp 100.000 psychiatrische Betten im Land abgebaut. Deshalb sperren wir heute mehr psychisch Kranke weg. Rumlaufen lassen kann man die halt auch nicht. Aber richtig ist es so nicht. Wir sollten Kranke nicht hier bei uns verwahren, sondern sie woanders behandeln. Jedenfalls sollten diejenigen, die behandelbar und behandlungswillig sind, in einem angemesseneren therapeutischen Setting untergebracht werden. Ich versuche das mit meinen bescheidenen Mitteln zu erreichen. Es ist mühsam.

Sie schildern in Ihrem Buch den Fall eines Soziopathen, der noch sehr lange bei Ihnen geblieben wäre, dann aber geerbt hat, drei teure Anwälte beschäftigt und schließlich entlassen wird. Es klingt, als erhöhe viel Geld die Chance, den Knast früher zu verlassen oder gar nicht erst reinzukommen. Sehen Sie das so?

Man muss sehr vorsichtig sein mit solchen Behauptungen. Sagen wir's mal so: Geld schadet auf keinen Fall. Ein sehr guter Strafverteidiger kann viel erreichen. Eloquente Wirtschaftsbetrüger mit viel Geld fahren aus meiner Sicht nicht so schnell ein wie schlichte Gemüter ohne Kohle.

In Ihrer Geschichte ist ein eher schlichtes Gemüt zu Kohle gekommen ...

Eine erstaunliche Metamorphose. Da wird einer durch eine dicke Erbschaft vom asozialen Kriminellen zum dissozialen Multimillionär. Aber mit dann guter Sozialprognose.

In einer weiteren Geschichte erzählen Sie von einem gewissen Udo Weingold. Den hatten Sie irgendwann halb tot auf dem OP-Tisch liegen.

Ein fieses Kraftpaket. Bei allen unbeliebt und auch gefürchtet. Verurteilt wegen schweren Raubes, Vergewaltigung und Körperverletzung. Ein Typ, der im Knast einfach als Arschloch weitermacht. Aber als er dann ein Video vom Missbrauch eines elfjährigen Mädchens an die Pädophilen im Knast vertickt, das er selbst draußen mit eigens geschriebenem Drehbuch in Auftrag gegeben hat, da ist das Maß voll.

Was ist passiert?

Eines Tages beim Hanteltraining im Kraftraum drischt ihm ein Unbekannter eine 20-Kilo-Kurzhantel in den Unterleib. Danach funktioniert urologisch gesehen nicht mehr viel. Außerdem fällt ihm die 150-Kilo-Langhantel, die er gerade hochgedrückt hat, noch auf den Brustkorb.

Ist solche Selbstjustiz unter den Gefangenen häufig?

Das ist dramatisch seltener geworden. Die Überwachung ist heute besser, und die Strafen sind sehr hart, wenn man erwischt wird. Aber wir kriegen trotzdem nicht alles mit. Sie können nicht 1000 Gefangene Tag und Nacht beobachten.

Lassen Sie uns über den "Bunker" reden. Da passen Sie schon sehr auf.

In diesen besonders gesicherten Haftraum kommen Leute, die nicht kapieren, wo der Frosch die Locken hat.

Das heißt?

Leute, die durchdrehen, die gewalttätig werden. Gegen andere oder sich selbst. Einmal am Tag muss ich da auch rein, wenn da einer drinsitzt.

Joe Bausch: "Gangsterblues", Ullstein, 20 Euro, ab 12. Oktober 2018 im Handel

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Warum?

Weil es Vorschrift ist, dass täglich ein Arzt nach den Gefangenen sehen muss. Die sind in vielfacher Hinsicht in einem Ausnahmezustand. Manchmal treffe ich dort Leute, die mir eine Stunde vorher in der Sprechstunde an den Hals wollten.

Und dann?

Muss ich den Mann medizinisch begutachten und mich davon überzeugen, dass ihm durch diese verschärfte Maßnahme kein körperlicher oder gravierender seelischer Schaden droht. Das sind schwierige Begegnungen.

Vermutlich gehen Sie da nicht allein rein.

Das dürfte ich gar nicht. Es gibt Fälle, da sind vier Mann bei mir. In voller Montur. Zwei mit Plastikschilden. Und dahinter zwei mit der schwarzen Gelonida in der Hand.

Gelonida? Wie die Schmerztablette?

So heißen bei uns die Schlagstöcke. Das klingt jetzt etwas zynisch, aber wenn der Typ da unten eben noch versucht hat, dir einen Kugelschreiber ins Auge zu rammen, ist es besser, ihm zu signalisieren, dass er es nun besser lassen sollte.

Beeinflusst Ihre Arbeit auch Ihr Privatleben?

Man nimmt einiges auch mit nach Hause, Geschichten und Erfahrungen, die nicht so leicht zu vergessen sind. Aber man muss dieses Leben aushalten können.

Was ist das Schlimmste für die Insassen im Knast?

Das Schlimmste sind die anderen Gefangenen. Du bist umgeben von Verbrechern – Psychopathen, Gewalttätern, Killern. Du kannst zwar ein richtig fieser Typ sein, aber irgendwo ist da immer einer, der noch fieser ist. Du musst immer auf der Hut sein.

Trotzdem gibt es Leute, die nicht rauswollen. Sie erzählen von einem Mann, der in Haft sterben will, obwohl er rauskommen könnte. Was geht in ihm vor?

Das ist ein Lebenslänglicher, auf dessen Akte steht mit Bleistift die Warnung: "Ratte hoch drei, mieser Frauen- und Polizistenmörder." Ich lerne ihn anders kennen. Als stillen Typen, der praktisch nie seine Zelle verlässt und sich an nichts beteiligt. Ich habe das Gefühl, dass der mehr büßen will, als er muss. Er hätte schon zehn Jahre früher rauskommen können, aber er tut nichts dafür.

Was hätte er tun können?

Wenn ein zu lebenslanger Haft Verurteilter keine Eigeninitiative zeigt, kein Gnadengesuch oder einen Antrag auf vorzeitige Entlassung unterschreibt, bleibt der drin. Den können wir nicht rausschmeißen. Das Gericht hat ihn zu lebenslänglich verurteilt. Natürlich muss heute niemand bis an sein Lebensende sitzen. Aber sich melden, dass man raus will, und sich an den Entlassungsvorbereitungen aktiv beteiligen, das muss man schon.

Wie lange sitzen die Leute bei Ihnen im Schnitt ein?

Länger, als viele denken. Ich kann die Sprüche nicht mehr hören: "In Deutschland ist lebenslänglich nur 15 Jahre. Dann sind die alle wieder draußen." Der Schnitt ist 26 Jahre. Mein längster Patient ist hier drinnen bei uns gestorben, nachdem er 49 Jahre gesessen hatte.

Gibt es den einen Knacks, den Moment, der einen Menschen zum Verbrecher macht?

Das soziale Umfeld spielt die größte Rolle. Und Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in der Kindheit. Manchmal kann man in Gesprächen eine Art auslösendes Erlebnis isolieren.

Zum Beispiel?

Ich hatte einen Patienten, der wurde als Vierjähriger von seinem Stiefvater gezwungen, seinen eigenen Hamster zu töten, weil der Typ das Tier nicht zu Hause haben wollte. Da hat der Junge das Tier genommen und zwischen zwei Backsteinen zerquetscht. Er sah, wie da die Gedärme rauskamen. Dann hat er da sein Fingerchen reingehalten und fand das warm und irgendwie schön. So wurde später aus einem Vierjährigen eines der größten Monster, das ich je unter meinen Patienten hatte.

Wie hätte man das verhindern können?

Auch dieser Junge war als Kind und Jugendlicher auffällig. Das erleben wir immer wieder. Alle wissen, dass man eingreifen müsste, aber es dauert viel zu lange, bis massiv auffällige Kinder und Teenager therapeutisch behandelt werden. Es klingt hart, aber wir könnten auch viel Geld sparen, wenn wir das sehr früh tun.

Inwiefern?

In der Sicherheitsverwahrung kosten die Leute später 150 Euro am Tag, in der Forensik sogar 300 Euro. Aber zur Prävention gehört für mich auch noch etwas anderes, was jeder tun kann.

Und das wäre?

Nicht wegsehen. Viele Täter agieren kriminell, weil man sie lässt, weil sie sich selbst im öffentlichen Raum unbehelligt fühlen. So fängt es oft an. Wir wären alle gut beraten, uns umzusehen, was links und rechts um uns herum passiert. Es gibt eine wachsende Tendenz im Land, sich rauszuhalten, wenn Menschen bedrängt, bedroht und überfallen werden.

Viele Leute haben einfach Angst.

Ich erwarte auch keine Heldentaten. Aber jeder hat heute ein Handy. Man muss sich nicht in Gefahr bringen. Aber man kann 110 wählen und Hilfe holen, ohne sich selbst zu gefährden. Oder andere ansprechen und gemeinsam dem Täter signalisieren: Stopp – das hört jetzt auf! Das wirkt oft Wunder.

Wie agieren Sie selbst in solchen Situationen?

Ich mische mich ein. Vielleicht bin ich von Berufs wegen etwas abgeklärter. Aber ich gehe nicht weiter, wenn irgendwo einer zusammengetreten wird.

Das Interview mit Joe Bausch ist dem aktuellen stern entnommen:


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