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stern-DISKUTHEK: Endstation Knast: Gefängnisse einfach abschaffen?

Was läuft falsch in unseren Gefängnissen? Und werden Menschen dort nicht erst recht kriminell? Darüber diskutieren in der neuen Folge der DISKUTHEK, dem Debattenformat des stern auf Youtube, "Tatort"-Schauspieler und Ex-Gefängnisarzt Joe Bausch, der ehemalige Insasse Volkert Ruhe und Ex-Gefängnisdirektor Thomas Galli.

DISKUTHEK: Endstation Knast – Gefängnisse einfach abschaffen?

Wie gut oder schlecht sind deutsche Gefängnisse? Erfüllen sie ihren Zweck, oder machen Knastaufenthalte am Ende erst richtig kriminell? Über diese und weitere Fragen diskutieren in der neuen DISKUTHEK-Folge drei Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens – zum Teil beruflich – im Gefängnis verbracht haben: "Tatort"-Schauspieler und Ex-Gefängnisarzt Joe Bausch, der ehemalige Insasse Volkert Ruhe und Ex-Gefängnisdirektor Thomas Galli. 

Für leichte Straftaten ins Gefängnis? DISKUTHEK-Gäste lehnen das ab

Große Übereinstimmung gibt es hinsichtlich der Bestrafung von leichten Straftaten. Hier sollte, so die DISKUTHEK-Gäste, grundsätzlich auf Haft verzichtet werden. Zu negativ sei der Einfluss von Strafvollzugsanstalten auf den Werdegang von Kleinkriminellen. Die Eingliederung in die Gesellschaft funktioniert bei entlassenen Straftätern nach Ansicht aller drei Diskutanten oft nicht.

In Gefängnissen sollen Straftäter einerseits für ihre Taten büßen und andererseits resozialisiert werden. Doch gerade bei Letzterem versage das System häufig. Nicht selten werden entlassene Gefängnisinsassen erneut straffällig. Viele landen wieder im Vollzug. “Dieser Grundgedanke, Hunderte von Menschen in eine geschlossene Einrichtung einzusperren, die mit dem Leben in Freiheit nichts zu tun hat und sie dann nach ein paar Jahren wieder auszuspucken – das geht nach hinten los”, sagt Thomas Galli, der selbst als Gefängnisdirektor in Bayern gearbeitet hat, später aber dem System den Rücken kehrte. Er spricht aus Erfahrung und fordert seit einiger Zeit Radikales: Er will Gefängnisse komplett abschaffen und plädiert für alternative Formen von Bestrafung, etwa Unterbringungen in speziellen, bewachten Wohngruppen. 

Acht Jahre Knast für ein Drogendelikt

Auch Volkert Ruhe, der wegen eines Drogendelikts acht Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, hinterfragt in der DISKUTHEK den Nutzen deutscher Gefängnisse – speziell für Jugendliche: “Wenn Jugendliche in die Mühlen der Justiz geraten, dann gehen die da drin völlig unter.” Ruhe selbst ist mit 48 Jahren und 20.000 Euro Schulden aus dem Gefängnis entlassen worden. Heute macht er mit seinem Verein “Gefangene helfen Jugendlichen” Präventionsarbeit. 

Doch ganz so weit wie Ex-Gefängnisdirektor Galli würden er und Joe Bausch nicht gehen. Trotz viel Reformbedarfs sprechen sie sich für die Aufrechterhaltung der Institution Gefängnis aus. "Die Haftstrafe ist das, was du daraus machst", meint Ruhe mit Blick auf seine eigene Haftzeit. Bausch, der als Gefängnisarzt viele Jahre den Alltag in Strafvollzugsanstalten miterlebt hat, fordert, dass insbesondere bei Jugendlichen nicht "jedes Delikt mit Knast" bestraft wird. Gerade in dieser Phase des Lebens sei es wichtig, andere Methoden anzuwenden. Grundsätzlich sind sich alle DISKUTHEK-Gäste darüber einig, dass Täter, die leichte Straftaten begangen haben, besser betreut werden müssten. Es fehle in Deutschland zu häufig an Sozialarbeitern, Psychologen und echten Perspektiven. 

In der DISKUTHEK sprechen Bausch, Galli und Ruhe außerdem sehr offen vom Umgang mit Suiziden, Drogenmissbrauch hinter Gittern und extremer körperlicher Gewalt.

hh / anb