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Momente der TV-Geschichte Horst Schimanski - ein "Tatort"-Kommissar spaltet die Nation

Götz George als "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski
Es wurde seine bekannteste Rolle: Götz George 1981 bei seinem Debüt als "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski.
© United Archives / kpa/ / Picture Alliance
Längst genießt er unter den Fans der Krimireihe Kultstatus. Doch als Götz George 1981 sein Debüt als "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski gab, sorgte das für hitzige Diskussionen im Land.

Dass ein neuer TV-Ermittler nicht jedem Zuschauer gefällt, ist nicht ungewöhnlich. Doch aus heutiger Sicht ist kaum noch erklärlich, wie ein "Tatort"-Kommissar die Öffentlichkeit derart spalten konnte wie Horst Schimanski bei seinem Debüt am 28. Juni 1981: "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!", schrieb die "Neue Ruhr Zeitung" entsetzt. "Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?", titelte die "Bild am Sonntag". Und den Lokalpolitikern missfiel das Bild, das "Duisburg-Ruhrort" von ihrer Stadt zeichnete.

Ganz schön viel Wirbel um einen gewöhnlichen Krimi. Doch der Einstand des von Götz George gespielten Kommissars war nicht so harmlos, wie er aus heutiger Sicht vielleicht aussehen mag. Regisseur Hajo Gies packte einige kalkulierte Provokationen in den Film - die vom Publikum entsprechend verstanden wurden. Gleich die Eröffnungsszene zeigt Schimanski in seiner verdreckten Bude, voller leerer Alkoholflaschen und ungespülten Geschirrs. Dazu kam die bisweilen vulgäre Ausdrucksweise. Kaum ein Satz kam bei ihm ohne Kraftausdruck aus. Gleich seine erste Zeile war programmatisch für die Figur: "Hotte, Du Idiot, hör auf mit der Scheiße!" Das kam beim westdeutschen Bildungsbürgertum nicht gut an.

Schimanski wollte sich von den bisherigen "Tatort"-Folgen abheben

Die Radikalität Schimanskis zeigte sich vor allem im Vergleich mit seinem Vorgänger, dem von Hansjörg Felmy gespielten braven Kommissar Heinz Haferkamp. Gleich in der ersten Folge macht Regisseur Gies klar, dass jetzt eine neue Zeit angebrochen ist: In einer Szene schnürt Schimmi seinen offenen Schuh an einer Plakatwand, auf der Felmys Konferfei zu sehen ist - der Schauspieler warb damals für einen Fotoapparat. Kurz bevor Schimanski weitergeht, dreht er sich noch einmal um und wirft ihm einen spöttischen Blick zu.

Gemeint war damit nicht Felmy persönlich, sondern das bis dahin vorherrschende "Tatort"-Verständnis: Die Krimi-Reihe bestand zu der Zeit überwiegend aus älteren Herren, die konstruierte Fälle aufklärten und sich dabei einer Sprache bedienten, die im echten Leben niemand verwendete. Zumindest keine jungen Leute. Und die kamen jetzt zum Zuge: Mit Schimanski, so die Botschaft, übernahm eine nächste Generation das Ruder. "Es waren alles 68er, die dabei waren", erinnert sich George später an die Geburt seiner Figur.

In "die Wunde Deutschland" habe sein "Tatort" reinstechen wollen, sagt George. Die Filme sollten die Realität abbilden, und dafür war Duisburg der ideale Schauplatz. In der Stadt kulminierten all die Probleme, die der Strukturwandel dem Ruhrgebiet bescherte: brach liegende Industrieanlagen, heruntergekommene Wohnviertel und hohe Arbeitslosigkeit. Dass das dabei gezeichnete Bild den Stadtvätern nicht besonders geschmeichelt haben kann, versteht sich. 

Doch die Aufregung legte sich schnell. Die Menschen lernten Schimanski zu lieben - und er erlangte als eine der wenigen "Tatort"-Charaktere in der 50-jährigen Geschichte Kult-Charakter. Womöglich hat auch der umstrittene Start dazu beigetragen, dass die Menschen Schimmi umso tiefer ins Herz geschlossen haben.

Hier können Sie sich "Tatort: Duisburg-Ruhrort" in voller Länge anschauen.


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