Interview Amelie Fried "Ich kritisiere nicht so polterig wie Reich-Ranicki"


Amelie Fried will nicht die neue Elke Heidenreich sein. Wenn sie gemeinsam mit Ijoma Mangold erstmals die neue ZDF-Literatursendung "Die Vorleser" moderiert, wird sie dennoch jeder mit ihrer Vorgängerin vergleichen. Ein stern.de-Interview über Kritik, Kritiker und ihre eigene Nachfolgerin Charlotte Roche.

Frau Fried, Elke Heidenreichs "Lesen!" war die wichtigste Literatursendung im deutschen Fernsehen. Alle Augen richten sich jetzt auf Sie als Nachfolgerin...

Das macht mich auch etwas nervös. Aber ich wollte ja eine neue Herausforderung. Frau Heidenreich hat "Lesen!" auf ihre Art und Weise hervorragend gemacht. Aber das Kapitel Heidenreich ist jetzt abgeschlossen. Wir schlagen jetzt ein neues auf. Ich hoffe, dass man uns nicht ewig mit unserer Vorgängerin vergleicht. Ich weiß natürlich, dass das große Schuhe sind, in die ich steige. Aber ich will versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen und meine eigenen Fußspuren zu hinterlassen. Nach 25 Jahren als Moderatorin habe ich mir eine gewisse Glaubwürdigkeit erarbeitet. Ich kenne die Literaturszene und den Büchermarkt ganz gut. Nicht nur durch meine Tätigkeit als Autorin, sondern auch weil ich in einem Haushalt mit 15.000 Büchern aufgewachsen bin. Außerdem war ich schon immer eine leidenschaftliche Leserin.

Elke Heidenreich hatte eine gewisse Macht im Literaturbetrieb. Sind Sie sich darüber bewusst, dass Sie unter Umständen über Erfolg und Misserfolg eines Buches entscheiden können?

Ich nenne es lieber Verantwortung. Macht ist etwas, was mich überhaupt nicht interessiert.

Frau Heidenreich soll von Verlagen regelrecht bedrängt worden sein. Klingelt bei Ihnen jetzt auch schon das Telefon, weil man Ihnen Bücher vorstellen will?

Ich bin da von Anfang an offensiv mit umgegangen. Ich habe alle Verlage angeschrieben, mich bitte nicht mit Büchern zuzuschütten sondern mir nur die Vorschauen zu schicken. Natürlich bin ich dankbar für den einen oder anderen Tipp...

Aber Sie sind unbestechlich...

Natürlich bin ich völlig unbestechlich. Ich möchte selber aussuchen, welche Bücher ich mir dann bestelle und durchlese. Das ist genau die gleiche Art und Weise, wie Frau Heidenreich das auch gehandhabt hat.

Also hat Frau Heidenreich Ihnen schon Tipps gegeben?

Sie hat mir viel Glück gewünscht. Und mir erzählt, was ich machen soll, wenn meine Bücherregale irgendwann aus allen Nähten platzen.

Nämlich?

Sie hat die Bücher immer verschenkt. An Altenheime, Leihbüchereien, Krankenhäuser. Ansonsten habe ich sie noch gefragt, ob ich sie anrufen darf, wenn ich eine Frage habe. Daraufhin meinte sie: Du brauchst doch keine Tipps von mir. Du kannst das!

Frau Fried, es gibt ein Zitat, das lautet: "Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie."

Da ist etwas Wahres dran...

Das hat Marcel Reich-Ranicki gesagt...

Ich denke auch, dass jemand der Bücher schreibt, nicht zwangsläufig ein Literaturwissenschaftler ist. Allerdings weiß ich, was es bedeutet zu schreiben. Dadurch gehe ich viel behutsamer an die Arbeit anderer Schriftsteller heran. Natürlich gibt es auch Bücher, die mir nicht gefallen. Es gibt ja auch genügend Leute, denen meine Bücher nicht gefallen. Damit muss ich auch leben. Ich würde aber nicht die Arbeit anderer mit zwei Sätzen in die Tonne treten...

...wie ein Reich-Ranicki?

Das ist nun mal sein Markenzeichen. Ihm nimmt man das aber auch ab und gesteht das zu. Mein Stil ist das nicht. Ich kritisiere anders. Nicht so polterig.

Muss man als Kritiker nicht etwas böse sein?

Jeder hat das Recht darauf, dass seine Arbeit respektiert wird. Warum soll ich gemein werden, wenn mir etwas nicht gefällt? Das wäre unprofessionell. Über mich werden auch oft gemeine Sachen geschrieben. Aber wem bringt das etwas? Nur damit sich andere vor Schadenfreude die Hände reiben? Da mache ich nicht mit.

Im Grunde haben Sie Marcel Reich-Ranicki Ihren neuen Job zu verdanken. Sein Zorn beim Deutschen Fernsehpreis war der Anfang vom Ende von "Lesen!"...

Ach, das ist doch Schnee von gestern.

Immerhin schmiss das ZDF daraufhin Elke Heidenreich raus und beendete "Lesen!".

Das war schade. Ich bin immer dafür, dass es viel Kultur gibt. In jedem Medium. Die Diskussion, dass Fernsehen schlecht sei, kann ich nicht verstehen. Ich habe 300 Kanäle auf meinen Fernseher. Ich finde immer etwas, das mich interessiert.

Elke Heidenreich kritisierte stets, das Format würde im Nachtprogramm versteckt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Sendeplatz um 22.30 Uhr?

Ich mache mir da keine Gedanken. Der Sendeplatz ist, wie er ist. Ich beginne keine Sendung damit, dass ich mit den Programmverantwortlichen über den Sendeplatz diskutiere. Das ist nicht der richtige Weg. Erstmal macht man eine gute Sendung. Dann sieht man weiter.

Wenn Sie am Morgen nach Ihrer ersten Sendung "Die Vorleser" die Zeitung aufschlagen, was würden Sie da am liebsten über sich lesen?

Ganz ehrlich: Ich schlage gar keine Zeitung auf. Das macht mein Mann. Der weiß dann schon, was er mir hinlegen darf.

Angst vor der Kritik an Ihrer Kritik?

Wenn Kritik immer sachlich und konstruktiv wäre, würde ich sie auch lesen. Kritik ist manchmal aber einfach nur verletzend oder hämisch. Aus Gründen der seelischen Hygiene möchte ich das nicht an mich heran lassen.

Sie haben für Ihre eigenen Bücher viele schlechte Kritiken bekommen...

Aber auch viele Gute!

In Erinnerung bleiben leider Reizwörter wie Weichspülerin, Frauenliteratur...

Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung. Aber es gefällt mir nicht, dass meine Bücher oft so abfällig und herablassend behandelt werden, nur weil sie dem Unterhaltungsgenre angehören. Der Vorwurf ist dann immer: Das ist ja keine Literatur! Ich verstehe nicht, warum hier zu Lande immer Äpfel mit Birnen verglichen werden und den Äpfeln vorgeworfen wird, dass sie keine Birnen sind. Ich schreibe gerne und sehr erfolgreich Unterhaltungsromane und will mich nicht immer dafür entschuldigen müssen.

Werden Sie bei "Die Vorleser" für die Unterhaltungsliteratur zuständig sein oder wie sieht die Aufgabenteilung zwischen Ihnen und dem Feuilletonisten Ijoma Mangold aus?

Auf den ersten Blick sieht es ja so aus, als wäre Ijoma Mangold für die ernsthafte Literaturkritik zuständig und ich eher für das Leichte. Das ist eine verführerische Vorstellung - aber so einfach ist das nicht. Weder ist er elitär noch bin ich nicht in der Lage, Literatur zu beurteilen. Das wird sich mischen. Trotzdem sind die verschiedenen Sichtweisen natürlich interessant: Er ist jung, ein Mann, ein Literaturkritiker, ich bin älter, eine Frau, Autorin. Da wird es auch schon mal zu unterschiedlichen Meinungen kommen.

Wie viele Bücher lesen Sie pro Sendung und welche schaffen es in die Sendung?

Das ist ein langer Prozess. Ijoma Mangold und ich arbeiten mit zwei Redakteuren zusammen. Wir diskutieren, tauschen uns viel aus. Wie suchen Entdeckungen jenseits von Bestsellerlisten und dem gängigen Mainstream. Ich lese zurzeit drei bis fünf Bücher in der Woche. 50 Seiten gebe ich jedem Buch. Bis dahin muss es mich überzeugt haben, mich packen, sonst lege ich es weg.

Denken Sie, dass man übers Fernsehen wirklich Menschen zum Lesen bewegen kann?

Ja. Zu Zeiten von Elke Heidenreich hat man gesehen, dass ihre Sendungen immer eine Auswirkung auf den Buchverkauf hatten. Das sollte jedoch nicht das einzige Kriterium für so eine Sendung sein. Diese Empfehlungen müssen aus eigener Überzeugung kommen. Der Titel "Vorleser" hat ja auch etwas von "Vorkoster". Wir kosten also schon mal vor und geben den Leuten dann Empfehlungen. Und zwar nicht, weil wir dem Buchmarkt etwas Gutes tun möchten. Das ist ein schöner Nebeneffekt, darf aber niemals das Hauptziel sein. Wir sind ja kein Verkaufskanal.

Während Sie "die neue Elke Heidenreich" sind, übernimmt Charlotte Roche Ihren Job bei "3nach9". Was sagen Sie zu der neuen Verpflichtung?

Ich halte Charlotte Roche für eine intelligente, unerschrockene junge Frau mit einiger Medienerfahrung und glaube, dass sie ihre Sache gut machen wird.

"Die Vorleser" mit Amelie Fried und Ijoma Mangold, am 10. Juli um 22.30 Uhr im ZDF

Lesen Sie auch bei fuersie.de: "Kolumnen von Amelie Fried"

Interview: Katharina Miklis

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