Interview Kaya Yanar Merde in Germany


Comedian Kaya Yanar spottet gerne über Minderheiten. Der Deutschtürke kann aber auch anders - zum Beispiel über den Klang von "Scheiße" nachdenken.
Von Jürgen Wittner

Herr Yanar, Sie besuchen extrem gerne fremde Länder. Wo würden Sie am liebsten schon morgen hinreisen?

Kaya Yanar: Nach China. Aber ich finde niemanden, der mit will. Und alleine traue ich mich das nicht. Oder den Amazonas rauf. Da gibt es ja Stämme, die gibt es - ich will jetzt ja nicht übertreiben, aber: Die gibt es schon seit einiger Zeit. Und die sind noch kaum gesehen worden.

Und was genau fasziniert in der Fremde so sehr?

Mich fasziniert es wahnsinnig, wie jetzt diese Kultur mit dem Leben fertig wird, wie jene Religion, Tod, Kindheit, das Erwachsensein sieht, welches Verhältnis hat die nächste Kultur zur Natur, welches Verhältnis hat sie zu den Tieren? Welches Verhältnis hat sie zu Leistung, zu Geld, zu Statussymbolen? Ich finde diese Millionen von Interpretationsmöglichkeiten und Ansätzen, mit dem Leben zurechtzukommen, wahnsinnig interessant.

Das klingt nicht so, als ob Sie noch stark in der türkischen Kultur verwurzelt wären.

Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich mich nirgendwo mehr komplett zugehörig fühle. Ich habe mit der Zeit rausgefunden, dass ich das auch gar nicht mehr brauche. Ich habe diese ganze Nationalitätenfrage transzendiert, ich definiere mich nicht mehr über sie.

Im Zentrum Ihres Comedyprogramms steht trotzdem die Sprache.

Sprachen haben Charaktereigenschaften. Nehmen wir die französische Sprache. Mir kommt sie sehr erotisch, sehr geschmeidig vor, es ist eine säuselnde Sprache, die ich sehr mag. Eine Sprache kann ja auch ein Lebensgefühl rüberbringen. Das Wort "Merde" heißt auf Deutsch "Scheiße", aber wie hört sich das an: Scheiße! Es hört sich an, wie es ist: scheiße. Aber Merde könnte auch, wenn man kein Französisch kann, eine Vorspeise sein.

Es hört sich aber auch ein bisschen so an wie etwas, in das man reintreten könnte und das so richtig glibschig ist.

Genau, aber es ist eine gewisse Geschmeidigkeit drin.

So geschmeidig, dass man gleich ausrutscht.

Da geht's halt um Dünnpfiff im Französischen, wenn aber jemand auf Deutsch Scheiße sagt, ist das einfach ein Haufen Scheiße. Und dann passt das Wort zum Ding. Aber wenn ein Franzose flucht...

...lässt man sich das auf der Zunge zergehen?

So sieht's aus!

Sie interessieren sich so sehr für Sprachen, dass Sie sogar Phonetik studiert haben.

Das Interesse war schon früher da. Meine Eltern bemühten sich in meiner Kindheit immer, mit mir deutsch zu sprechen, denn mein Vater hatte Angst, dass seine Kinder eines Tages genauso Deutschprobleme hätten wie er. Er war ein gebildeter Mann, mein Vater, aber er hat es mit der deutschen Sprache nicht auf die Reihe gekriegt, er konnte sie nicht lernen.

Ich kann das aber gut nachvollziehen. Jenseits von 14 oder 15 Jahren lernt man eine Fremdsprache kaum noch akzentfrei.

Die deutsche Sprache ist nun mal kompliziert, mit den verschiedenartigen Konjugationen, Deklinationen, schwachen Verben, starken Verben. Die Ausländer scheitern ganz oft an den Artikeln der, die, das, und dann sind sie schon raus aus der Nummer. Bei mir ist da als Kind das Gefühl entstanden: Wenn einer nicht so gut Deutsch kann oder ein bisschen radebrecht, dann hat das etwas Heimisches. Weil es in meinem Elternhaus genauso war. Wenn ich einen Ausländer - egal ob Türken, Italiener oder Griechen - reden höre, wie er mit starkem Akzent Deutsch spricht, dann fühle ich mich erinnert. Dann geht mir das Herz auf.


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