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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Dichter dran

ARD-Intendanten kommen, gehen oder wollen bleiben. Wie Dagmar Reim, Monika Piel, Fritz Pleitgen und Peter Voß sich nach Kräften von ihren eigenen Anstalten feiern lassen.

Von Alexander Kühn

Vor einigen Tagen war Dagmar Reim zu Gast bei Jörg Thadeusz. Sie erzählte von ihrer Liebe zur deutschen Sprache, von Tagen, an denen sie "nicht frohgemut" war, und davon, dass sie in jungen Jahren aus Gewichtsgründen auf eine Ballett-Karriere verzichtet habe. Ansonsten wusste sie im Wesentlichen alles besser als der Moderator. Was ihr ja zusteht: Frau Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Jörg Thadeusz ist Moderator der nach ihm benannten Talkshow "Thadeusz"; die läuft im Fernsehprogramm des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Es gibt zwei Versionen, wie diese Sendung zustande kam. Die eine besagt, Thadeusz habe Frau Reim schon immer mal zu Gast haben wollen; die andere geht so, dass Frau Reim so oft in der Redaktion anrufen ließ, bis sie eingeladen wurde. Dass am 11. Mai der Rundfunkrat einen neuen Intendanten wählt (oder auch wieder die alte Intendantin), ist selbstverständlich: Zufall. In Wahrheit diente der Auftritt dazu, den Menschen in Berlin und Brandenburg einmal zu zeigen, wem sie das schöne Programm zu verdanken haben. Man müsse das, so formulierte es auf Nachfrage eine Sprecherin des Senders, als "Service für die Zuschauer" sehen.

Auch der WDR macht's

Auch die übrigen ARD-Sender sind serviceorientiert. Monika Piel zum Beispiel ist am heutigen Freitag ab 21.45 Uhr zu Gast bei Bettina Böttinger. Frau Piel ist seit 1. April Intendantin des Westdeutschen Rundfunks, Bettina Böttinger ist Moderatorin der Talkshow "Kölner Treff"; die läuft im Fernsehprogramm des WDR.

Frau Piels Vorgänger Fritz Pleitgen wurde jüngst, auch dies ganz im Sinne des Zuschauers, mit allen Ehren in den Ruhestand geschickt. Pleitgen war, und das an seinem 69. Geburtstag, was zeigt, wie sehr sein Job ihm am Herzen lag, bei Harald Schmidt; außerdem gastierte er 40 Sekunden lang in der "Lindenstraße": Im Reisebüro, bei Mutter Beimer und Erich Schiller, buchte er einen Urlaub, der ihn rund um die Welt führen sollte, zu den Stationen seiner großen Journalistenkarriere. Näher dran an den Gebührenzahlern war kaum je ein Intendant.

Intendanden-Lyrik

Im feinen Baden-Baden, beim Südwestrundfunk, liebt man es dezenter; hier pflegt man eine edlere Art der Würdigung. Vergangenen Montag verabschiedete man den Intendanten Peter Voß. Sein Nachfolger Peter Boudgoust brachte zu diesem Anlass ein Buch heraus mit Texten von und über und Interviews mit Peter Voß - welcher sich nicht nur als Senderchef und Moderator des "Presseclubs" einen Namen gemacht hat, sondern auch als Dichter. So finden sich, quasi als Steigerung des Buchs innerhalb seiner selbst, im hinteren Teil einige Voß'sche Werke. Und so soll er auch bei uns das letzte Wort haben, der Lyriker Peter Voß, auf dass er im Ruhestand emsig drauflos reimen werde: "Einsam war ich
schon immer, jetzt
bin ich auch noch
allein, sie zog
mit unbekanntem Ziel
davon, etwas Leben
mußte ins Haus,
ein Hund, eine Katze,
ein Schwein, ich entschied mich
für Morgensterns Huhn,
das mich von unten
schief ansieht, den Boden
bekleckert, macht nichts,
die Fliesen sind leicht
zu wischen."

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