HOME

Lindenstraße: Abschied von Else

21 Jahren als biestige Hausmeisterin reichen: Annemarie Wendl, die Darstellerin von "Lindenstraßen-Urgestein" Else Kling verlässt die Serie und stirbt den Serientod. Wie der genau aussieht ist, ist streng geheim - zumindest bis zur Sendung.

Das bestgehütete Geheimnis der Fernsehrepublik lagert zurzeit beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln. Erst am Sonntagabend wird pünktlich um 18.50 Uhr das Sendeband von Folge 1069 ("Abschied und Ankunft") der populären Endlosserie "Lindenstraße" eingeschoben, aus dem hervorgeht, wie Hausdrachen Else Kling, gespielt von Annemarie Wendl, ihren Serientod stirbt. Die 91-jährige Darstellerin, seit Beginn am 8. Dezember 1985 als kantige Hausmeisterin und Poltergeist gleichermaßen geliebt wie gehasst, nimmt aus gesundheitlichen Gründen ihren Abschied.

Annemarie Wendl wird ihren eigenen Serientod, über den nur wenige Eingeweihte wie Produzent Hans W. Geißendörfer Bescheid wissen, zu Hause vor dem Fernseher miterleben. An ihrer Seite wird Tanja Bares sitzen, eine Dokumentarfilmerin, die den Film "Annemarie Wendl - ein Leben mit der Lindenstraße" gedreht hat, der am selben Nachmittag um 15.40 Uhr im WDR-Fernsehen zu sehen ist. Wendl wird diesen Beitrag nicht im TV sehen können, weil sie keinen Kabel- oder Satellitenanschluss hat. Aber Tanja Bares wird ihr exakt zur selben Zeit eine DVD mit dem Film vorspielen.

Wendl, die zuletzt 2005 einen Schlaganfall erlitten und mehrere Lungenentzündungen zu verkraften hatte, ist zur Kultfigur geworden. "Mir fiel die Entscheidung furchtbar schwer", sagt die Münchnerin. "Aber meine gesundheitlichen Probleme und mein Alter zwingen mich dazu. Ich kann einfach nicht mehr. Ich habe Probleme mit dem Laufen, habe unglaublich viel abgenommen und bin dadurch nicht in der Lage, regelmäßig zwischen meinem Wohnort München und dem Drehort Köln zu pendeln."  

"Es wird ein würdiger Abschied"

Produzent Geißendörfer habe entsetzt reagiert, schildert die Schauspielerin. "Den Serientod habe ich mit ihm durchgesprochen, und gemeinsam haben wir dann das Ende konzipiert", so Wendl. "Es wird ein würdiger und ergreifender Abschied - so viel ist sicher. Wie Else Kling letztendlich stirbt, bleibt aber das süße Geheimnis von Herrn Geißendörfer und mir." Die Else sei kein Teil von ihr, dazu seien sie zu verschieden. Wendl: "Sie hat mir aber zu einer Popularität verholfen, wie ich sie mir in den kühnsten Träumen nicht erhofft habe. Und das in einem Alter, in dem die meisten schon im Ruhestand sind."

Die Fans haben sich auch schon organisiert. So wird der Kölner "Lindenstraßen"-Fanclub in der Gaststätte "Wundertüte" mit Wendls Filmsohn Olaf (Franz Rampelmann) eine kleine Party veranstalten. Im Internet herrschte Chatter-Hochkonjunktur mit Wehklagen: Else Klings Schimpfkanonade "Sodom und Gomerra", gemeint ist Sodom und Gomorrha, "ist aus meinem Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken", schrieb eine Kerstin. "Schneidi" schrieb, dass er "der Else" immer eine Mausefalle im Briefkasten wegen ihrer ständigen Verletzung des Briefgeheimnisses gewünscht habe. Die "Lindenstraße" ohne Else Kling sei so ähnlich wie "Dallas" ohne J.R., murrte Serienfan Manuela.  

Ein Leben ohne "Sodom und Gomerra"

Trotz aller organisatorischen Schwierigkeiten, die Geißendörfer mit Wendl zu regeln hatte, bedauert er ihren Ausstieg: "Sie hat eine Energie, die sie auch dann noch auf die Bühne tragen würde, wenn sie schon halb im Himmel angekommen sein sollte", sagt der Produzent. "Natürlich gibt es keine zweite neue Else. Aber die Funktion dieser Figur, ähnlich wie dem Clown bei Shakespeare, werden wir variiert beibehalten." Ihr Tod bleibt am Sonntag zunächst nur den Zuschauern vorbehalten: Sohn Olaf und seine Frau Ines (Birgitta Weizenegger) bekommen nichts von der Tragödie, die sich daheim abspielt, mit, denn sie haben am Himmelfahrtstag eine kleine Ausfahrt gemacht. Gefunden wird Else Kling erst eine Woche später.   Hat Annemarie Wendl künftige Pläne? "Auf jeden Fall werde ich Sonntag für Sonntag die "Lindenstraße" weiterschauen. Ich muss doch wissen, was mit den Leuten passiert."

Carsten Rave/DPA / DPA