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TV-Kritik "Make Love": Petting statt Pimmeln

Ann-Marlene Henning gab zum Auftakt der neuen "Make Love"-Staffel Schülern Nachhilfe in analogem Sex. Allerdings wussten die ziemlich gut Bescheid. Zum Glück outete sich ein Schüler als schwul.

Von Mark Stöhr

Makel Love - Liebe kann man lernen

"Make Love - Liebe kann man lernen": Um ihnen die Scheu vor Fragen zu nehmen, setzt die Sexologin bei den Schülern Genitalmodelle ein.

Wir mussten uns früher zerfledderte und bis in die Bindung verkeimte Pornohefte auf dem Schulhof besorgen, um rauszukriegen, was wo rein musste. Der erste Sexchat: In eine Telefonzelle rennen, bei einer Prostituierten anrufen, "Nutte!" in den Hörer brüllen und wieder auflegen. Heutzutage ist der Sex im Smartphone. Immer da, immer nah. Schon geil. Oder schon schlimm. Wie man's nimmt. Jugendforscher sind sich da noch uneins.

Auf jeden Fall ist es gut, dass es Ann-Marlene Henning gibt. Wo die Sexologin ist, ist immer Hoffnung. Sie richtet schlaffe Zweige wieder auf und bringt trockene Wüsten zum Blühen. Eine Frau mit Versteher-Qualitäten. Wenn jemand die möglicherweise von Hardcore und Sexting verdorbene Jugend wieder auf den richtigen Pfad führt, dann die gebürtige Dänin und radikale Verfechterin des Vorspiels.

Make Love: Beim Masturbieren ruhig mal die Hoden kneten

Doch dann das: The kids are alright. Die sexuellen Fantasien und Techniken der Schüler einer Leipziger Gesamtschule, denen Henning ein paar Lektionen in analogem und nachhaltigem Pimpern erteilen wollte, erwiesen sich als völlig normal. Geradezu streberhaft reckten die Teenager ihre Arme in die Höhe, um Sätze loszuwerden wie: "Guter Sex ist, wenn man den anderen liebt." Oder: "In Pornos tun die Männer nur so, als würden sie zwei Stunden durchhalten." Oder: "Auch als Frau hat man Bedürfnisse." Keine Spur von Fisten, Bondage oder Natursekt. Die Jugendlichen konnten 1A differenzieren zwischen Turbo-Rammeln im Netz und Fellatio bei der Freundin. Wenn man gekommen ist, um was zu ändern, ist das eine eher ernüchternde Erkenntnis.

Ann-Marlene Henning focht das aber nicht an. Sie zog ihr Aufklärungsprogramm durch ohne Rücksicht auf Vorwissen. Als coole Lehrerin, mit der man über alles sprechen muss, verteilte sie Penisse und Vaginas aus Gummi und erklärte, welche Berührungen prickeln und wo es piekst. Beim Masturbieren können Jungs ruhig mal ihre Hoden kneten, empfahl sie (aber nicht quetschen!). Was bei Frauen als Ejakulat rauskommt, ist Prostataflüssigkeit. Auch davon hatten die Jugendlichen schon mal gehört, bei Pornhub gibt es dafür sogar eine eigene Kategorie: Squirting.

Schlechte Nachrichten für Vater-Mutter-Kind-Betonköpfe

In einer anderen Lerneinheit sollten die Schüler Post-its auf gemalte Körper kleben und mit ihnen markieren, wo sie beim Sex zuerst angefasst werden wollen und wo nicht. Und siehe da: im Gesicht, am Hals, am Bauch ist super, an den primären Geschlechtsteilen ist schlecht. Behutsames Petting also statt Lospimmeln. Auch das gab eine Eins mit Sternchen. Trotzdem fasste es Henning nochmal fürs Poesiealbum zusammen: "Zum Sex gehört der ganze Körper und nicht nur das Genitale." 

Den in der Sendung präsentierten Umfragen und Statistiken zufolge sind den jungen Leuten auch im Internetzeitalter beim Sex dieselben Dinge wichtig wie vor 30 Jahren. Treue zum Beispiel. Wie damals wird Sex mit Intimität, Liebe und Zusammenhalt assoziiert. Und: Laut Shell-Studie wird die Toleranz anderer Lebensentwürfe wie Homo- oder Transsexualität für Teenager ein immer wichtigeres Thema. Das sind bad news für die heteronormativen Hänger und Vater-Mutter-Kind-Betonköpfe – und gute Nachrichten für eine offene Gesellschaft.

"Es ist mir egal, ob ihr mich jetzt hasst"

Auftritt Justin. Dem jungen Mann war es zu verdanken, dass die doch arg ruhige Nummer, die Henning in der Auftakt-Folge zur neuen vierteiligen Staffel von "Make Love – Liebe machen kann man lernen" schob, nicht ganz ohne Höhepunkt blieb. Justin bat die Sexologin um ein Einzelgespräch und wurde von ihr auf dem Schulhof mit der Therapeutenkeule "Hast du 'ne Frage oder ein Thema?" empfangen. Man hätte es dem Schüler nicht übel genommen, wenn er gleich wieder kehrt gemacht hätte. Doch Justin hatte eine wichtige Durchsage zu machen: "Ich bin schwul." Und: "Mir ist es egal, dass das im Fernsehen ausgestrahlt wird, irgendwann kommt es eh raus." Was für ein toller, befreiender Schritt.

Später in der Klasse wiederholte Justin sein Outing und fügte den kämpferischen und irgendwie rührenden Satz hinzu: "Es ist mir egal, ob ihr mich jetzt hasst." Applaus brandete auf, von allen Seiten gab es Glückwünsche. Das war auch schon wieder komisch, denn eigentlich sollte das ja mittlerweile völlig normal sein: sein eigenes Geschlecht lieben. Justin ist einer von 1,2 Millionen homosexuellen Jugendlichen in Deutschland. In 30 Jahren ist Outing hoffentlich längst schon Geschichte. 

Das ZDF zeigt weitere Folgen von "Make Love" am Mittwoch, 13. Juli (23.15 Uhr), Dienstag, 19. Juli (22.45 Uhr) und Mittwoch, 20. Juli (23.15 Uhr).

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