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Maria Furtwängler: Erste schwangere "Tatort"-Kommissarin

Der "Tatort" hat ein neues Kapitel deutscher TV-Geschichte aufgeschlagen: Kommissarin Lindholm ist Single - und schwanger. Schauspielerin Maria Furtwängler leistet damit ihren persönlichen Beitrag zur Kinderdebatte.

Von Kathrin Buchner

Gleich vorweg: Wer die "Tatort"-Folge "Das namenlose Mädchen" nicht gesehen hat, hat nicht nur einen sehr guten Krimi verpasst, sondern auch ein Stück bundesdeutscher Fernsehgeschichte. Denn das gab es noch nie: eine "Tatort"-Kommissarin, der wir beim Kinderkriegen quasi zusehen können, die keinen Mann hat, aber doch das Wagnis eingeht, alleinerziehende Mutter zu sein - trotz hoher beruflicher Belastung.

Die Idee kam von der Darstellerin selbst: Maria Furtwängler, die seit 2001 für den NDR die Kommissarin Charlotte Lindholm verkörpert, hatte die Idee auf der Rückreise von den Dreharbeiten zu "Die Flucht". Wo soll es hingehen mit ihrer Charlotte, einer Figur, die ihr sehr am Herzen liegt? Schwanger soll sie werden, ohne Mann, mit Job. Eine erfolgreiche Frau, die sich entschließt, das Kinderkriegen gegen mögliche Widerstände durchzuziehen. Durchaus habe sie eine gesellschaftliche Verantwortung gespürt, sagt Furtwängler, selbst Mutter von zwei Töchtern. "Ich habe das Gefühl, dass an dem Hauptthema vorbei diskutiert wird: nämlich das unendliche Glück, das Kinder bedeuten. Man redet immer nur über den Stress. Das stimmt auch. Sie bedeuten eine riesige Einschränkung und die größte Bereicherung."

"Tatort" als Plattform gesellschaftlicher Entwicklungen

Mütter werden derzeit gerne als Gebärmaschine diffamiert und erfolgreiche Frauen gelten immer noch als Rabenmütter, wenn sie möglichst bald nach der Geburt wieder in den Job zurückkehren. Da kann es sicherlich nicht schaden, dass ein quotenstarkes Fernsehformat, das schon immer für Diskussionen über den Tag hinaus gesorgt hat, auch in der Kind-Karriere-Debatte Perspektiven aufzeigt. Eine allein erziehende Kommissar gibt es zwar schon - in Bremen funkt die pubertierende Tochter von "Tatort"-Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) immer gerne mal in die Ermittlungen -, aber die Baby-Phase wurde noch nie gezeigt.

Doris J. Heinze, NDR-Redakteurin des "Tatort", hat die Idee gerne aufgegriffen: "Wir haben das Leben von Charlotte von Anfang an begleitet, nicht nur ihre Fälle, auch die Freundin, die Mutter, den Mitbewohner Martin, die tragisch geendete Liebe zu Tobias". Wie Lindholm es tatsächlich schaffen wird, Kind und Job zu bewältigen, darüber habe man sich noch keine Gedanken gemacht. Eins sei sicher: Es handle sich immer noch um einen Krimi, nicht um ein Müttergenesungsstück, der Kriminalfall werde nicht zu kurz kommen, die Episoden würden nicht mit Privatleben überfrachtet. "Das wird nicht Halligalli, aber langfristig würden wir es gerne als Lebenszugewinn erzählen", sagt Lindholm.

Kind wird zum kleinen Monster

In "Das namenlose Mädchen" durfte Charlotte Lindholm schon mal üben: Bei den Ermittlungen zum Mord einer irischen Studentin drückte ihr die Mitbewohnerin der Ermordeten mal eben das Baby in den Arm. Von einer Verherrlichung des Mutterglücks war die Folge allerdings weit entfernt. Regisseur Michael Gutmann inszenierte einen spannenden, schön vertrackten Fall mit falschen Fährten über ein hyperaktives Kind, das ein kleines Monster ist und über einen Familienvater, der vor lauter Überforderung seinen Sohn und sein Kindermädchen umbringt.

Kleine Leute, die am Limit kämpfen, ohne die üblichen Versatzstücke wie Alkoholismus oder häusliche Gewalt wollte Gutmann zeigen. Das ist ihm eindrucksvoll gelungen, dank eines herausragenden Ensembles: Martin Brambach spielt mit Sinn für die feinen Nuancen den Vater, der sich für seine Familie in Tages- und Nachtschichten krumm legt, nachdem er seinen Job verloren hat und sich nur nach einem sehnt: Ruhe. Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Mutter drückt mit jedem Gesichtsmuskel die stille Verzweiflung aus, die der Verlust eines Kindes bedeutet. Dazwischen ist eine sichtlich bedrückte Kommissarin, die sonst so souverän ermittelt und diesmal hilflos, ja beinahe unsicher durch den Fall stolpert, der sie und auch den Zuschauer emotional an Grenzen führt. Der Untergang des Mittelstands und der Zwiespalt des Mutterseins - ganz nah an der bundesdeutschen Realität ist der "Tatort" immer in Bestform.