Die Gemeinde Dornbach, alleiniger Schauplatz des nun wiederholten ARD-Dramas "Wer ohne Schuld" (2024), gibt es in Deutschland nicht. Nur ein paar Ortsteile anderer Kommunen und Schauplätze in Österreich sind so benannt. Das ist wichtig zu erwähnen, denn der "FilmMittwoch im Ersten" macht in all seiner brillant fotografierten und gespielten Tristesse nicht wirklich Werbung für jenes Dornbach.
Erzählt wird von einer Gruppe junger Leute, Anfang bis Mitte 20, die sich in dem württembergischen Dorf regelmäßig mit Alkohol die Lichter ausschießen. Nach dem jährlichen Dorffest, wo in Sachen Exzess noch mal etwas draufgepackt wird, liegt plötzlich ein Toter auf dem Boden. Niemand hat etwas gesehen oder kann sich erinnern, was passiert ist. Doch ein schrecklicher Verdacht keimt in Paul (Aaron Hilmer): Hat der 24-jährige Erzieher den Ex seiner Freundin Isabella (Antonia Moretti) getötet?
Um den Fall zu untersuchen, kommt Anita Wild (Lou Strenger) mit ihrem Kollegen Mike Schuster (Sohel Altan Gol) nach Dornbach. Anita stammt selbst von hier und wird von Menschen, die sich noch an ihr Vorleben im Dorf erinnern, süffisant belächelt. Offenbar kämpft die Kommissarin fast ebenso schwer mit ihrer Dorf-Vergangenheit wie Paul und seine Freunde mit ihrem Alkoholproblem.
Doch was heißt hier Problem? Wer sich im Dauerrausch durch den Tag trinkt, was vom Umfeld verharmlost wird, hat doch eigentlich gar kein Problem, oder? "Der Paul trinkt ja nicht mehr so viel", betet seine Mutter (Christina Geisse) eine alternative Realität herbei. Dem jungen Drehbuch-Paar Lilly Bogenberger und David Weichelt (preisgekrönt für "So laut du kannst") ist mit "Wer ohne Schuld ist" ein ungemein wuchtiges und authentisches Drama im Krimigewand gelungen, dem man sich kaum entziehen kann.
Einer der besonderen Fernsehfilme des Jahres 2024
Wenn es einen Preis für den realistischsten Look eines Fernsehfilms gäbe, "Wer ohne Schuld ist" hätte ihn 2024 gewinnen müssen. Nominiert war er immerhin unter anderem für den Deutschen Fernsehpreis. Regisseurin Sabrina Sarabi, die es mit "Niemand ist bei den Kälbern" sogar bis in die Vorauswahl der deutschen Oscar-Bewerbung schaffte, kennt sich mit ländlicher Tristesse aus. Schon ihr Drama von 2021 spielte mit dieser Kulisse und den – für manche – zugehörigen Gefühlen: Enge, Zukunftslosigkeit, festgelegte Rollenbilder, Alkohol und Drogen.
Neben Paul, der von "Im Westen nichts Neues"- und "Luden"-Star Aaron Hilmer fantastisch gespielt wird, gibt es noch den besten Freund "Heiliger" (Max Wolter) sowie dessen kleine Schwester Pia (Johanna Götting). Ein Trio, das mit glasigen Augen durch den Film läuft und seinen Dauerpegel mit großem Realismus verkörpert. Dass auch die Kommissarin, gewohnt stark gespielt von der neuen Staatsanwältin im Münster-"Tatort" Lou Strenger ("Höllgrund"), mit ihrer lokalen Vergangenheit zu kämpfen hat, ist erzählerisch fast schon ein bisschen dick aufgetragen. Das bärenstarke Ensemble, die Radikalität seiner Szenen, die den Zuschauer geradezu einsaugende Handkamera (Michal Grabowski) sowie das tolle Szenenbild (Tanja Arlt) sorgen aber dafür, dass man den Figuren diesen ganzen verfluchten Trip abnimmt.
Wie man sich denken kann, ist "Wer ohne Schuld ist" alles andere als ein Wohlfühlfilm. Auch die Zuschauer müssen all die Exzesse und Schmerzen erst mal aushalten. Besonders stark sind jene Szenen, in denen sich die Protagonisten so nahe kommen, dass unerwartete Gefühle aus dem Nebelgrund des Rausches aufsteigen. Diese Momente sind manchmal so echt, wie Fiktion nur sein kann. Hört sich komisch an – denn normalerweise wird Rausch im Film gern als etwas verkauft, das Charaktere von ihrer Verantwortlichkeit freispricht. Hier ist der Alkohol, für den der Film trotzdem alles andere Werbung macht, mitunter die Tür zu Geständnissen und Gefühlen, die im nüchternen Zustand nicht möglich wären – und die sehr anrührend sind.
Wer ohne Schuld ist – Mi. 13.05. – ARD: 20.15 Uhr