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Netflix-Serienkritik "Love": Ein Strauß Neurosen

Eisregen am Sonntag? Dann nehmen Sie sich ein paar Stunden Zeit für die Netflix-Serie "Love". Die zwar das Genre Romantic Comedy nicht neu erfindet. Aber mit feiner Ironie und überzeugenden Schauspieler unterhält.

Enervierend und liebenswert: Gus (Paul Rust) und Micky (Gillian Jacobs), die Adiletten zu rosa Strümpfen kombiniert (nicht im Bild).

Enervierend und liebenswert: Gus (Paul Rust) und Micky (Gillian Jacobs), die Adiletten zu rosa Strümpfen kombiniert (nicht im Bild).

Da sitzen sie in einer alten Mercedes-Limousine, ein Morgen in L.A.: Der Mann mit Karohemd, Motto-T-Shirt und Hornbrille, die Frau mit Badeanzug und Jeans, Adiletten und rosa Söckchen. Sie rauchen zusammen Weed, zumindest versuchen sie es. Er kommt mit der Graspfeife nicht so recht klar, zündet, hustet schrecklich. Zündet wieder, hustet noch schrecklicher. Als sie inhaliert, sagt er: "Oh, du kannst das ja richtig gut. Es ist wie meinem Vater beim Reifenwechsel zuzusehen."

Es ist ein eigentümlicher, ein ambivalenter Charme, der von dieser Szene ausgeht – und ziemlich gut beschreibt, warum man mit der Netflix-Serie "Love" einen grauverwaschenen Sonntag verbringen möchte. Dabei sitzen da zwei Menschen, die wenig Liebenswertes an sich haben und beinahe beschämende Dialoge von sich geben.

Mickey (Gillian Jacobs), die Badeanzugfrau, ist Produzentin bei einem Talkradio – und  hinreißend selbstzerstörerisch. Gus (Paul Rust), viel zu nett und altjahrzehntbesserwisserisch, arbeitet als Set-Tutor einer aufmüpfigen Teenie-Schauspielerin.

Die Pilotfolge, die viel zu ausführlich von der Ausgangssituation der beiden Protagonisten erzählt, muss man irgendwie aussitzen. Regisseur Judd Apatow ("Girls"; "40, männlich, sucht...") tut sich bekanntermaßen schwer mit dem schnellen Erzählen. Doch nach knapp 40 Minuten treffen Mickey und Gus zum ersten Mal aufeinander – an einer Tankstelle, diesem magischen Ort kulinarischer guilty pleasures. Er, gebückt und herzgebrochen, zahlt ihr Kaffee und Kippen, weil sie verkatert ohne Geld von Zuhause losgeschlufft ist.

Neurotiker für Netflix

Und so sehr man in diesem Moment rufen möchte: "Tut es nicht – bitte keine Romanze zweier nicht-kompatibler Neurotiker" – es dauert nur einen Spaziergang, und es sprießen Gefühle für die beiden Protagonisten, wenn auch unterschiedlichster Art. Mal ist man geniert, mal entzückt. Von den überspitzten Dialogen, der offensichtlichen Fragilität der Protagonisten. Und der schwelenden Ironie. So wirft Gus in der zweiten Folge während der Fahrt seine Rom-Com-Blue Rays auf die Straßen Los Angeles', die er kurz zuvor bei seiner Ex-Freundin abgeholt hat.

"Love" entwickelt sich zu einer gemächlich erzählten Charakterstudie mit überzeugenden Schauspielern, die ein bisschen ist wie der Anfang einer Beziehung: hinreißend und aufregend, aber manchmal auch unangenehm und ungelenk. Hauptsache, nicht zu romantisch.

"Love" ist seit dem 19. Februar bei Netflix zu sehen.

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