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"Social Distance" Zu viel Zeit zum Fühlen, zu viel Zeit zum Denken: Netflix-Serie zeigt die Gesichter des Lockdowns

Sehen Sie im Video: Der Trailer zur Netflix-Serie "Social Distance".



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Der Corona-Lockdown wirkt, als wäre er schon Jahre her – und könnte doch wieder bevorstehen. Die Netflix-Serie "Social Distance" arbeitet diese besondere Zeit auf. Jeder dürfte sich wohl darin wiederfinden.

"Es sollte zwei Wochen dauern. Wisst ihr noch?" Jetzt sitzt Ike, ein schwarzer, bulliger Friseur aus den USA, schon viel länger zu Hause und weiß nichts mit sich anzufangen, außer ab und zu Freunde anzurufen. Dummerweise nicht nur Freunde, sondern auch mal seine Ex-Freundin, die sich kurz vor dem Lockdown von ihm getrennt hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Ike trockener Alkoholiker ist. Sein Friseursalon ist – da nicht systemrelevant – geschlossen. Nichtstun und Einsamkeit – eine ganz schlechte Mischung für einen Alkoholiker auf Entzug.

Ike ist nicht der Einzige, der in der Serie "Social Distance" mit dem Corona-Lockdown zu kämpfen hat. Netflix hat innerhalb weniger Monate acht Folgen produziert, die die wohl außergewöhnlichste Zeit, die viele von uns in unserem Leben mitgemacht haben, aufarbeiten. Eine Zeit des Stillstands, die gleichzeitig unglaublich intensiv war. In "Social Distance" findet sich wohl jeder an irgendeinem Punkt wieder, denn die Miniserie zeigt die verschiedenen Seiten des Lockdowns.

Netflix-Serie "Social Distance": Jeder hat den Lockdown anders erlebt

Da sind die Menschen, die zu viel Zeit zum Fühlen und Denken haben – wie Ike, der am Ende doch wieder zur Flasche greift. Die Paare, die in der Quarantäne eher zu viel Nähe als zu wenig aushalten müssen, und sich furchtbar auf die Nerven gehen. Das überforderte, verzweifelte Personal in den Krankenhäusern. Familien, die Beerdigungszeremonien über Zoom abhalten müssen. Alleinerziehende Mütter, für die die Kinderbetreuung zum Balanceakt wird und ihre Kinder, die die Langeweile kaum noch ertragen. Und natürlich jene, die gegen das Virus und um ihr Leben kämpfen.

Das war – neben vielen anderen Dingen – das Seltsame an dieser Zeit im Frühjahr 2020: Es gab diese Pandemie und ihre Auswirkungen, die nahezu jeden auf der ganzen Welt betroffen haben. Die Umstände des Lockdowns waren aber sehr individuell. Die Folgen von "Social Distance" sind so gesehen kleine soziologische Fallstudien, manchmal unterhaltend, manchmal berührend.

Ein Stück Vergangenheit – und vielleicht auch nahe Zukunft

Die Netflix-Serie ist eines der sehr seltenen Formate, in denen die Protagonisten kaum direkt miteinander interagieren. Selbst wenn sie verheiratet sind oder in einem Haushalt wohnen, kommunizieren sie meist über Facetime, Slack, Zoom oder Skype. In einigen Jahren – "nach Corona", wie man ja immer sagt – werden wir uns das womöglich mit einem "Ach, damals ..."-Gefühl ansehen. Und uns fragen, ob das alles wirklich so passiert ist.

Schon jetzt wirkt der Lockdown Ewigkeiten her in einem Jahr, in dem sich die Ereignisse zu überstürzen scheinen und die Zeit gleichzeitig so quälend langsam vergeht. Hier liegt allerdings ein weiteres Paradox, das "Social Distance" aufzeigt: Die Serie kommt genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Infektionszahlen die Dimensionen vom Frühjahr sogar übersteigen und Politiker ganz offen von einem "zweiten Lockdown" sprechen. In einigen Ländern ist das schon Realität. Und so ist die Netflix-Miniserie nicht nur ein zeitgeschichtlicher Stoff – sie könnte auch eine Vorschau sein auf das, was uns womöglich bald wieder erwartet.


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