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"Falsche, bizarre Sphäre" Ehemalige Teenie-Stars erheben Vorwürfe gegen Kinder-Sender Nickelodeon

Szene aus "iCarly", in der die Schauspieler Jeanette McCurdy, Nathan Kress und Miranda Cosgrove nebeneinander stehen
Die Hauptfiguren von "iCarly": Sam Puckett (Jeanette McCurdy), Freddie Benson (Nathan Kress) und Carly Shay (Miranda Cosgrove, von links nach rechts). Die Serie kam 2007 ins Fernsehen, die letzte Folge ist 2012 abgedreht worden.
© Everett Collection / Imago Images
In den Serien von Nickelodeon-Produzent Dan Schneider spielten sie lustige, unbeschwerte Teenager. Jahre später erheben die ehemaligen Kinder-Stars schwere Vorwürfe gegen den 56-Jährigen und den Sender.

"Drake & Josh", "Zoey 101", "iCarly", "Victorious" – die US-amerikanischen Teenie-Serien liefen in den 2000er Jahren bei Nickelodeon, auch in Deutschland, rauf und runter. Die unschuldigen Sitcoms brachten dem Sender hohe Einschaltquoten und erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Grundidee der Serien-Hits ist immer die gleiche: eine bunte, lustigen Parallel-Welt, in der Teenager im Mittelpunkt stehen. Die Handlung dreht sich um den High-School-Alltag, Freundschaften, die erste Liebe und Musik.

Nickelodeon als "falsche, bizarre Sphäre" 

Eine weitere Gemeinsamkeit der Erfolgs-Serien ist ihr Produzent. Erschaffen wurden sie allesamt von Dan Schneider. Über 20 Jahre arbeitete der Drehbuchautor für Nickelodeon und schrieb insgesamt zwölf Serien. Der heute 56-Jährige galt während seiner Zeit beim Kinder-Sender als "Hitmaker". Mittlerweile hat sich sein Image zu einer höchst umstrittenen Persönlichkeit gewandelt. Vor allem aufgrund der Gerüchte sexuellen Fehlverhaltens gegenüber seiner minderjährigen Jungstars, die sich seit Jahren hartnäckig halten. In ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie enthüllt die ehemalige "iCarly"-Schauspielerin Jeanette McCurdy neue fragwürdige Details über den Drehalltag. Und nicht nur sie erhebt Vorwürfe gegen den Kinder-Sender.

Jeanette McCurdy mit Co-Star Jerry Trainor auf dem roten Teppich
Jeanette McCurdy 2010 auf dem roten Teppich mit ihrem damaligen "iCarly"-Co-Star Jerry Trainor
© Mary Evans / Imago Images

Viele Nickelodeon-Zuschauer dürften Jeanette McCurdy als Sam Puckett kennen, eine der Hauptrollen aus "iCarly". Eine Serie, in der drei Freunde eine eigene Webshow ins Leben rufen. Während es in den insgesamt über hundert Folgen spaßig und ausgelassen zugeht, sah es hinter den Kulissen wohl anders aus. Als "giftigen Ort" und "falsche, bizarre Sphäre" beschreibt sie den Kinder-Sender. Die heute 30-Jährige erwähnt in ihrem Buch immer wieder "The Creator", den Schöpfer der Serie, womit Dan Schneider gemeint ist. An einer Stelle erzählt sie, wie die damals Minderjährige auf seinen Wunsch hin Bikinis anprobieren sollte. "Ich habe Angst davor, als sexuelles Wesen angesehen zu werden. Das ist ekelhaft", schreibt sie.

Bei einem Abendessen soll er ihr die Hand auf den Oberschenkel gelegt und sie anschließend massiert haben. Eine Situation, die sie als extrem unangenehm empfunden habe. Im Internet kursieren zahlreiche Bilder, die zeigen, dass Dan Schneider den minderjährigen Stars körperlich sehr nahegekommen ist. Die Szenen reichen von engen Umarmungen mit McCurdys Kollegin Miranda Cosgrove bis hin zu Aufnahmen, auf denen ein unbekanntes Mädchen auf seinem Schoß sitzt und er ihr über den Rücken streichelt.

Fans der Teenie-Serien beschweren sich immer wieder über die vielen sexualisierten Szenen in den Sitcoms. Vor wenigen Wochen machte ein Video-Montage von Ariana Grande die Runde. Die Sängerin ist der bekannteste Star aus der Nickelodeon-Sphäre und startete ihre Karriere als Cat in der Serie "Victorious". Die Bilder, die in den sozialen Netzwerken viral gingen, zeigen mehrere Szenen, in denen die damals 16-Jährige doppeldeutige Aussagen macht oder sich in laszive Posen wirft. Anhänger der berühmten Sängerin kommentierten die Bilder als "schrecklich" und "verstörend".

Alkohol für Minderjährige?

Jeanette McCurdy erzählt in ihren Memoiren, dass sie öfter das Gefühl verspürt habe, der "Creator" wollte die Stars gegeneinander ausspielen, indem er sie miteinander verglich. Damit soll er die damals 18-Jährige zum Alkohol trinken überredet haben. Zur Erinnerung: In den USA ist Alkohol ab 21 erlaubt. "Die 'Victorious'-Kinder betrinken sich die ganze Zeit zusammen. Die 'iCarly'-Kinder sind so lieb. Wir müssen euch einen kleinen Vorteil verschaffen." Mit diesen Worten soll der Produzent sie angestachelt haben. Dass Alkohol am Set von "Victorious" offenbar eine nicht geringe Rolle gespielt hat, verriet der Schauspieler Avan Jogia 2020 auf TikTok. In der Serie spielt er eine der Hauptrollen. Während der Dreharbeiten war er 18 bis 21 Jahre alt. Er sei jeden Tag verkatert am Set gewesen, gesteht er in einem Video. Er könne sich nicht an die Handlung einer einzigen Episode erinnern, aber daran, jeden Abend feiern gegangen zu sein.

2018 beendete Nickelodeon die Zusammenarbeit mit Dan Schneider. Offiziell hieß es, der Produzent wolle sich anderen Projekten widmen. Drei Jahre später stellte sich heraus, dass Viacom CBS, die Muttergesellschaft des Senders, eine interne Untersuchung gegen den 56-Jährigen eingeleitet hatte. Grund sei laut Angaben der "New York Times" sein unangemessenes Verhalten gegenüber Kollegen gewesen. Ehemalige Mitarbeiter beschrieben ihn als kontrollsüchtig und schwierig. Er habe Mitarbeiter um Schultermassagen gebeten, zu Wutausbrüchen geneigt und lange Drehtage von den Jungstars gefordert.

Die zwei Gesichter des Dan Schneider

Andere wiederum fanden lobende Worte für ihn. Schwärmten von seinem Talent, seiner Leidenschaft und seiner Liebe zum Detail. Ein Widerspruch, der Jeanette McCurdy ebenfalls auffiel. Der "Creator" habe zwei Seiten an sich: "Er ist großzügig und übertrieben höflich. Die andere Seite ist gemein, kontrollsüchtig und furchteinflößend", schreibt sie. "Ich habe gesehen, wie er erwachsene Männer und Frauen mit seinen Beleidigungen und Erniedrigungen zum Weinen brachte." Das ging so weit, dass der Sender ihn vom Set suspendiert habe. Während der Dreharbeiten habe er sich nicht mehr in der Nähe der Schauspieler aufhalten dürfen.

Nickelodeon Dan Schneider
Produzent Dan Schneider in der Mitte zahlreicher Stars seiner Serien. 2014 hat er bei den Kid's Choice Awards von Nickelodeon einen Award für sein Lebenswerk erhalten.
© Matt Sayles / Picture Alliance

"Der 'Creator' ist wegen Vorwürfen seines emotionalen Missbrauchs in Schwierigkeiten geraten. Ich habe das Gefühl, es hat lange gedauert und hätte viel früher passieren sollen", beschreibt der ehemalige "iCarly"-Star. Die interne Untersuchung von 2021 kam zu dem Schluss, Dan Schneider sei "verbally abusive", man habe aber keine Beweise sexuellen Fehlverhaltens gefunden. Der Produzent selbst wehrte sich in einem Interview mit der "New York Times" gegen die Vorwürfe: Seine Serien seien "völlig unschuldig" gewesen und dass er die Darsteller sexualisiert hätte, nannte er eine "lächerliche Lüge". Weiter betonte er: "Ich hätte nicht die langjährigen Freundschaften und die anhaltende Loyalität von so vielen angesehenen Leuten, wenn ich meine Schauspieler, insbesondere Minderjährige, misshandelt hätte."

300.000 Dollar, damit Jeanette McCurdy schweigt

Auch auf die konkreten Anschuldigungen von Jeanette McCurdy gibt es bereits eine Reaktion aus dem Team um Dan Schneider. Russell Hicks, ehemaliger Präsident für Inhalte und Produktion bei Nickelodeon, teilte dem Online-Portal "E News" mit, dass der 56-Jährige "sich um die Kinder in seinen Shows kümmerte. Er war derjenige, bei dem sie sich ausheulten. Er verstand, was sie durchmachten. Dan war wie der Vertrauenslehrer, an den man sich immer wenden konnte."

Jeanette McCurdy verließ den Sender im Alter von 22 Jahren. Im Buch berichtet sie, dass Nickelodeon ihr "Schweigegeld" angeboten habe: 300.000 Dollar. "Das Einzige, was sie wollen, ist, dass du niemals öffentlich über deine Erfahrungen bei Nickelodeon sprichst", hätten ihre Manager ihr damals mitgeteilt. Die Schauspielerin lehnte ab. "Es ist ein Sender für Kinder. Sollten sie nicht eine Art moralischen Kompass haben?", fragt sie sich.

Offensichtlich zählen für den Sender schlicht die eigenen Standards. Russel Hicks aus Schneiders Team erklärte in seinem Statement: "Nickelodeons Ruf als bester Kinderfernsehsender erforderte, dass nichts ohne das Wissen des Unternehmens ablief. Es gibt eine Gruppe für Standards und Praktiken, die jedes Drehbuch liest, und Programmverantwortliche, die sich jede Folge ansehen." Man hätte eine Milliarden-Dollar-Marke zu schützen gehabt. "Alles, was Dan jemals in einer seiner Shows getan hat, wurde von den Führungskräften sorgfältig geprüft und genehmigt."

Protest vor den Nickelodeon-Studios

Seit dem Erscheinen McCurdys Biografie haben sich weitere ehemalige Nickelodeon-Darsteller zu Wort gemeldet. Darunter Daniella Monet, ein weiterer "Victorious"-Star. Dem "Business Insider" erzählte sie, dass sie einige Outfits in den Shows als nicht altersgerecht empfand. "Manches davon würde ich nicht einmal heute anziehen." Außerdem sprach sie die sexualisierten Inhalte der Serie an. Bei einer Szene habe sie im Nachhinein Bedenken geäußert, dass die Bilder zu sexuell seien. Nickelodeon sei nicht darauf eingegangen und habe das Material trotzdem ausgestrahlt. 

Ende August gab es einen Protest vor den Nickelodeon-Animationsstudios in Burbank, Los Angeles, organisiert von der ehemaligen "Zoey 101"-Darstellerin Alexa Nikolas. "Ich habe mich als Kind persönlich bei Nickelodeon nicht geschützt gefühlt", zitiert die "Los Angeles Times" die 30-Jährige. Während des Protests nannte sie Schneider "den Schöpfer des Kindheitstraumas". In seiner Nähe habe sie sich nie sicher gefühlt, fügte sie hinzu. Sie, und viele andere Schauspieler offensichtlich auch nicht. Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, wann sich der nächste Kinder-Star zu Wort meldet.

Quellen:Avan Jogia auf TikTok, "Business Insider", "Daily Mail", "E Online", "I am glad my Mom died" von Jeanette McCurdy, "Los Angeles Times", "New York Times"

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