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Romanverfilmung "Die Wanderhure" Emanzipation á la Mittelalter


Gleichberechtigung war ein Fremdwort im Mittelalter. Mitbestimmen konnten Frauen nur, wenn sie ihre weiblichen Reizen bewusst einzusetzen wussten - so wie die "Wanderhure" Marie. Die Romanfigur aus der Feder des Autorenduos Ingrid Klocke und Elmar Wohlrath hat nur ein Ziel vor Augen: Den heimtückischen Ex-Verlobten auf den Scheiterhaufen zu bringen. In der Sat. 1-Verfilmung ist das nicht anders.

Die Huren von Konstanz probten den Aufstand. Mit wild fuchtelnden Fäusten schritten sie auf den grimmig dreinblickenden König Sigismund zu. Von der Stadtmauer spähten Ingrid Klocke und Elmar Wohlrath, bekannt unter dem Schriftsteller-Pseudonym Iny Lorentz, auf das inszenierte Spektakel herab und freute sich am bunten Schauspiel. Unten aber, zwischen allen Huren, stand Alexandra Neldel als "Wanderhure" Marie und hatte doppelten Bammel: "Zum einen musste ich vor den mächtigen König treten, und zum anderen beobachteten mich die Autoren."

Ihre Ängste waren unberechtigt. Das ehelich verbundene Schriftsteller-Duo (sie schreibt, er recherchiert) war nicht nur mit der Neldel ("Eine Idealbesetzung"), sondern auch mit der gesamten Sat.1-Verfilmung seines Buches sehr zufrieden: "Wir haben uns ganz bewusst in nichts eingemischt. Buch ist Buch, und Film ist Film. Aber es ist absolut unsere Geschichte." Und so können sich denn an diesem Dienstag (20.15 Uhr) nicht nur sie und einige hunderttausend Leser ihres Romans, sondern gleich auch noch einige Millionen TV-Zuschauer am Treiben der "Wanderhure" ergötzen, mit viel Blut und Farbe, schönen Landschaften, schönen Kostümen - und einer sehr scheußlichen und realistisch ausgespielten Vergewaltigungsszene.

Das war für die Hauptdarstellerin der schwerste Augenblick beim 40-Tage-Dreh in Budapest. Ihr blieb ein Trost: "Bei den männlichen Kollegen in den Rollen der Vergewaltiger hatte ich den Eindruck, dass ihnen solche Szenen offenbar noch schwerer als uns Frauen fallen, die sich immerhin des Mitleids ihrer Zuschauer sicher sein können." Runde fünf Millionen Euro ließ sich der Sender den aufwendigen Zwei- Stunden-Film kosten, und nur zuweilen dachte Regisseur Hansjörg Thurn mit kleiner Wehmut an die 250 Millionen, die gerade Hollywoods jüngste "Robin Hood"-Verfilmung verschlungen hat.

Immerhin stachelte das den Ehrgeiz an: "Wir mussten eben einen Film drehen, der so aussah, als hätte er 250 Millionen gekostet." Er wie Alexandra Neldel gestehen freimütig, das Iny-Lorentz-Werk vor dem Verfilmungsplan noch nicht gelesen zu haben. Elena Uhlig, als listige Gräfin schauspielerisches Glanzlicht auf der üppigen Besetzungsliste, zu der Thure Riefenstein, Götz Otto und, schön schurkisch, Michael Brandner gehören, hatte hingegen das Buch gleich nach seinem Erscheinen vor sechs Jahren schier verschlungen: "Ein richtig prima Schmöker."

Ihr schaudert allerdings vor der Rolle der Frau im Mittelalter: "Die war ja wirklich ohne jede Rechte, wenn sie sich sie nicht mit Sex und Intrigen erkämpfte." Dazu hatte Wanderhure Marie fünf dicke Bücher lang Gelegenheit, ein sechstes, mit ihrem Tod als endgültigem Abschluss, ist in Vorbereitung. Eine weitere Verfilmung ist auch schon geplant, das Drehbuch liegt bereits vor. Hauptdarstellerin und Regisseur halten sich bereit. Alexandra Neldel: "Wir stehen sozusagen in den Startlöchern." Doch erstmal verfilmt Thurn das Leben einer anderen mutigen Frau, das der Sex-Unternehmerin Beate Uhse.

DPA DPA

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