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Christiane F.: Spurensuche am Kottbusser Tor

30 Jahre ist es her, dass Christiane F. im stern-Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Drogenelend und Kinderprostitution erzählte. Heute ist sie 46 Jahre alt und hängt angeblich wieder an der Nadel. stern.de-Reporterin Anne Meyer hat sich auf Spurensuche am Kottbuser Tor begeben.

"Christiane is heute nich hier", sagt Ben K., der eigentlich nicht so heißt, aber gerne so genannt werden möchte. Wer sich auf Spurensuche nach Christiane macht, wird auf viele abgekürzte Nachnamen stoßen. Zuerst ist da ihr eigener. Christiane F., das berühmte Kind vom Bahnhof Zoo, macht wieder Schlagzeilen. Die heute 46-Jährige soll wieder so tief in die Drogenszene abgetaucht sein, dass das Jugendamt ihr den Sohn wegnahm. An den Bahnhof Zoo hat sie diesmal aber nicht verschlagen. Die altehrwürdige Station am Ku'damm ist seit zwei Jahren vom Fernverkehr abgekoppelt und in der Bedeutungslosigkeit versunken. Drogenumschlagplatz Nummer eins ist der U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg geworden.

Ben K. kauert im Zwischengeschoss vom Kottbusser Tor und kramt in seiner Plastiktüte. Seine Oberlippe ist verkrustet, das Gesicht blutleer. Vorgestern will er Christiane F. mit ihrem Hund gesehen haben, "die Kleene", wie er sie nennt, die sich "für wat Besseres" halte. Nebenan wird ein Drogengeschäft abgewickelt, ganz selbstverständlich, vor aller Augen. Die Fahrgäste, die an den rosa Kacheln der Haltestelle vorbei zu ihrem Zug eilen, haben sich schon lange an den Anblick von Dealern gewöhnt. Mit Drogen gehandelt wird überall, in den Bahnhöfen, in der U-Bahn, vor allem in der Linie U8, die Neukölln mit dem Wedding verbindet, Problembezirk mit Problembezirk. Heroin, Ecstasy, Crack - nichts ist leichter, als an Drogen zu gelangen. Sie sind billig geworden, der Schuss Heroin ist schon für zehn Euro zu haben. Vor dreißig Jahren war der Stoff teurer.

Das Buch verspricht ein Happy End

Heroin war so teuer, dass Christiane F. ihren Körper verkaufen musste. Ihre Geschichte schrieben vor dreißig Jahren die beiden Stern-Autoren Horst Rieck und Kai Hermann auf. Seit den achtziger Jahren gehört ihr Schicksal zum Unterrichtsstoff: Christiane F., das Kind vom Bahnhof Zoo, das mit 13 heroinsüchtig wurde und auf den Babystrich ging. Ihre Geschichte verstörte und faszinierte das Publikum zugleich, das Buch verkaufte sich bis heute zwei Millionen Mal und wurde, ebenfalls sehr erfolgreich, verfilmt. Gegen die schaurigen Szenen vom kalten Entzug zuhause, die als angebliche pädagogische Maßnahme im Unterricht gezeigt wurden, verblasst so mancher Horrorfilm. Allerdings - das Buch verspricht ein Happy End.

Im Buch gibt es einen Ausweg aus Drogenmisere und Kinderprostitution. Christiane F. wird clean, geht wieder zur Schule, hat wieder eine Familie. Die Gesellschaft atmet auf: Das Mädchen wurde aus der Hölle befreit. In Wahrheit hat sie den Absprung nie geschafft; immer wieder wurde sie rückfällig, während das Buch mit dem glücklichen Ende in immer neuen Auflagen erschien. Nun ist zu der Geschichte ein weiteres, böses Kapitel hinzugekommen. Das Jugendamt hat Christiane F. ihren zwölfjährigen Sohn weggenommen. "Sie kann der Erziehung und der Aufsichtspflicht nicht mehr nachkommen", erklärte das Jugendamt Potsdam-Mittelmark. Christiane F. ist wieder ganz unten gelandet, eine Reporterin der Berliner Boulevardzeitung B.Z. sichtete sie mit ihrem Hund, einem Chow-Chow, am Kottbusser Tor.

Eine folgenschwere Bekanntschaft

Es ist kein Zufall, dass der erneute Absturz von Christiane F. ans Licht gekommen ist. "Da steckt ein Verbrecher dahinter", so Kai Hermann, einer der Buchautoren, zu stern.de. Hermann spricht von Hans Joachim S., einem per Haftbefehl gesuchten Betrüger, der sich in der B.Z. zu Wort gemeldet hat. Er habe Christiane F. im Frühjahr dieses Jahres kennen gelernt, verkündet er darin; und dass sie sich "schnell und heftig" ineinander verliebt hätten. Zusammen mit ihrem Sohn wollten sie in die Niederlande auswandern. Als Christiane F. ihr Kind von einem Tag auf den anderen aus der Schule nehmen wollte, holte ihn das Jugendamt mit Polizeigewalt aus der Wohnung im brandenburgischen Teltow. Kurz darauf entführte ihn Christiane F. aus dem Amt und floh mit ihm und ihrem neuen Freund nach Amsterdam. Dort "entglitt Christiane", so Hans Joachim S., "sie lag nur noch im Bett, wusch sich wochenlang nicht mehr, trank den ganzen Tag und kiffte." In der Folge schildert Hans Joachim S. in aller Ausführlichkeit den Verfolgungswahn seiner Ex-Freundin, die aus Angst vor Spionen angeblich nur noch über Briefe kommunizierte.

Finanziell hat sich seine Liaison mit Christiane F. offenbar gelohnt. Hans Joachim S. habe unter Vortäuschung falscher Tatsachen Geld von Bekannten seiner Ex-Freundin erpresst, so Kai Hermann. Ob Christiane F. tatsächlich wieder an der Nadel hängt, weiß Hermann nicht. "Aber sie ist in schlechte Gesellschaft geraten, da ist ein Rückfall natürlich möglich." Direkten Kontakt zu Christiane F. hat er seit einem Jahr nicht mehr - das liege aber nicht an ihm, betont er.

"Ich bin so süchtig, ich find's so wunderbar"

Das Jugendheim brachte den Sohn von Christiane F. in einem Wohnheim im Kreis Potsdam-Mittelmark unter, eventuell kann er bald zu seiner Großmutter ziehen. Der Vater des Jungen ist ebenfalls ein Junkie, den Christiane F. einst bei der Methadon-Ausgabe kennen gelernt hatte. Bevor sie schwanger wurde, lebte sie in Hamburg mit dem Gitarristen der "Einstürzenden Neubauten" zusammen, nahm Lieder auf und sang: "Ich bin so süchtig, ich find's so wunderbar." Später versuchte sie eine Karriere als Schauspielerin und wohnte zeitweilig bei einer Zürcher Verlegerfamilie. Doch weder die Musikszene noch die Bekanntschaft mit Friedrich Dürrenmatt oder dem Regisseur Federico Fellini, die sie in Zürich machte, vermochten ihr Halt zu geben. All die Chancen, die sich ihr boten - Christiane F. ergriff sie nicht. Stattdessen ging sie für sechs Jahre nach Griechenland. Als sie nach Berlin zurückkehrte, wurde sie schwanger und zog schließlich in die brandenburgische Provinz. Endlich eine ordentliche Existenz, so hieß es in den Medien. "Warum konnte sie ihr Glück nicht festhalten?", titelte die nun die B.Z. Ein geordnetes bürgerliches Leben hat es dabei nie gegeben. Anfang März ließ sie verlauten, dass sie Teltow bald verlassen werde. Und gleichfalls im März vertraute sie einem Journalisten an, dass sie regelmäßig zum Kottbusser Tor fahre, um alte Bekannte zu treffen. Kai Hermann äußerte seine Sorge um den Sohn und wunderte sich, warum das Jugendamt nichts unternahm. Nun ist der Junge im Heim, Christiane F. ist tief gefallen - aber von keiner hohen Stufe. Im rosa gekachelten Labyrinth des Kottbusser Tors hat sich der bleiche Ben K. inzwischen getrollt. Eine Etage darunter fährt die U8 ein. Eine magere Frau steigt zu und krakeelt in ihr Handy. Ihr Hund stimmt in das aufgeregte Gejammer ein und kläfft in hoher Tonlage. Es ist ein Chow-Chow. Bald darauf steigt die Frau wieder aus und wirft einen kurzen Blick über die Schulter. Es ist nicht Christiane F.