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Deutschland-Konzert 1976 in Berlin Das erste Mal Heroin: David-Bowie-Konzert wird zur Schicksalsnacht für Christiane F.

Eine Frau mit rotbraunenlangen Haaren stützt ihren Kopf auf ihre linke Hand. Hinter ihr hängt ein groSchwarz-weiß-Portät von ihr
Sehen Sie im Video: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" – Was wurde aus Christiane F.?






1981 verkörperte Natja Brunckhorst in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Christiane F. 
Aber was wurde aus der echten Christiane?
Heute ist Christiane Felscherinow 58 Jahre alt und blickt zurück auf ein Leben voller Höhen und Tiefen. 
1978 erschien ihr Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Das Buch stand 95 Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.  Und Christiane Felscherinow wurde zum Symbol der Drogenkultur.  Den Kinofilm sahen 1981 rund fünf Millionen Deutsche. 
Christiane F. stammt aus Hamburg. Konnte sich später von den Drogen lösen. 
Später wurde die Autorin rückfällig, verlor 2008 das Sorgerecht für ihren 1996 geborenen Sohn. 
2013 erschien ihre Autobiographie „Christiane F. – Mein zweites Leben“. 
2014 zog sich Christiane Felscherinow aus gesundheitlichen Gründen aus der Öffentlichkeit zurück.
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1976 gab David Bowie ein Konzert in der Berliner Deutschlandhalle. Unter den Zuschauern war auch die damals 13-jährige Christiane F. - deren Leben an diesem Abend eine unheilvolle Wendung nahm.

Alles begann mit einem Schock: Das Publikum in der Deutschlandhalle in Berlin musste an jenem Abend mit ansehen, wie das Auge einer Frau mit einem Rasiermesser aufgeschnitten wurde. Die Szene stammt aus dem berühmten surrealistischen Film "Ein andalusischer Hund" von Luis Buñuel und Salvador Dalí. Die 15 Mark Eintritt hatten die Zuschauer jedoch für eine andere Attraktion gezahlt: den Sänger David Bowie, der im Rahmen seiner "Isolar"-Welttournee am 10. April 1976 in der Mauerstadt vorbeischaute. 

Bowie war gekommen, um sein aktuelles Album "Station to Station" vorzustellen, der gleichnamige Song eröffnete auch den Abend. Nicht nur der Sound dieser Platte war neu, der ganze Style war es. Der Paradiesvogel Ziggy Stardust hatte abgedankt, der Brite erschien in strengem Outfit: mit blonden, nach hinten gegelten Haaren, schwarzer Hose, weißem Hemd und einer Weste. Er war jetzt der "Thin White Duke", und der Name war in mehrerlei Hinsicht Programm: Bowie konsumierte in dieser Zeit Unmengen an Kokain.

Christiane F. und David Bowie
Christiane F. (Foto aus dem Jahr 1985) war am 10. April 1976 auf dem Berlin-Konzert von David Bowie. Im Anschluss daran nahm sie das erste Mal Heroin.
© laus Meyer-Andersen / Picture-Alliance / Photoshot

Unter den Zuschauern in der Deutschlandhalle befand sich ein 13-jähriges Mädchen, das an jenem Abend mit einem noch gefährlicheren weißen Pulver erstmals in Berührung treten sollte. Das Mädchen wurde kurz darauf berühmt als Christiane F. - und das Pulver war Heroin. 

Christiane F. dachte, sie hätte es unter Kontrolle

Christiane besuchte das Konzert mit ihrem Freund "Hühnchen". Der konnte sich jedoch kaum auf die Musik konzentrieren. Er war auf Turkey und brauchte dringend einen Schuss. Im Anschluss an die Veranstaltung schlauchten sich beide das nötige Geld für frisches Heroin zusammen - und Christiane, die diese Droge bislang immer abgelehnt hat, wollte sie nun auch probieren. Sie dachte, sie hätte alles unter Kontrolle, könnte jederzeit wieder aufhören. In einem dunklen Hausflur kommt es zu ihrer ersten Heroin-Erfahrung. Sie schnupft das Pulver. "Ich hab mich so toll gefühlt wie noch nie", wird sie später den beiden stern-Reportern Kai Hermann und Horst Rieck erzählen.

So wird das Bowie-Konzert für die junge Schülerin zum Wendepunkt in ihrem Leben. Denn natürlich hat sie gar nichts unter Kontrolle, ist schon bald ebenso abhängig von dem weißen Pulver wie ihre Freunde. Es folgen jahrelange Sucht, Therapien und Rückfälle. Zur Finanzierung geht sie auf dem Kinderstrich am Bahnhof Zoo anschaffen. 

Auch für David Bowie blieb der Abend nicht ohne Folgen. Im gleichen Jahr siedelte er in die geteilte Stadt und bewohnte von 1976 bis 1978 eine geräumige Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 im Stadtteil Schöneberg. Sein Nachbar ist Iggy Pop, und beide erkunden gemeinsam die Kulturszene und das Nachtleben.

Exklusive Hörprobe: Christiane F. besucht 1976 das David-Bowie-Konzert

Rückblickend erinnert er sich an West-Berlin als die damalige "Welthauptstadt des Heroins". Ausgerechnet hier wollte sich Bowie auskurieren - der zwischenzeitlich auf weniger als 50 Kilo abgemagert war und sich fast ausschließlich von Milch, Marlboros und Kokain ernährte. "Was immer sich David Bowie auf seinen Fluchten noch an Rollen und Kunstfiguren ausgedacht haben mag, Mitte der siebziger Jahre war nur noch eine erkennbar: die des Junkies", schrieb der "Spiegel" über den Künstler in jener Zeit.

David Bowie produziert die Berlin-Trilogie

Doch musikalisch bekommt ihm die neue Umgebung gut, in der es schwer fällt, "zwischen den Geistern und den Lebenden zu unterscheiden", wie es der Künstler später formulierte. Er findet den Weg aus der künstlerischen Sackgasse, in die er sich mit seinen multiplen Identitäten hineinmanövriert hatte. Er findet zu einer neuen Ernsthaftigkeit - und in den Hansa-Studios in Kreuzberg entsteht seine berühmte Berlin-Trilogie, mit der Bowie einen stark vom deutschen Krautrock beeinflussten Sound kreiert. Hier stellt er zunächst das Album "Low" fertig, produziert 1977 "Heroes" und beginnt mit den Arbeiten zu den Nachfolger "Lodger". 

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Christiane F. Schicksals kommt zurück auf die Bildschirme

Insbesondere den Song "Heroes" verbindet man heute mit Bowies Zeit in Berlin - woran Christiane F. nicht ganz unbeteiligt ist. Die war 1978 durch eine zwölfteilige Serie im stern und dann das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" berühmt geworden. Als das Buch 1981 verfilmt wurde, bestückten die Produzenten den Soundtrack mit Songs von David Bowie, "Heroes" wird der wichtigste. Und so wird aus dem Lied über eine Liebe zweier Menschen im Schatten der Mauer im Bewusstsein vieler Zuschauer eine Drogenhymne.

Der Sänger selbst trat in dem Film auf und drehte Szenen des 1976er Konzerts nach. Christiane steht hier in der ersten Reihe und schmachtet den Sänger an. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Doch sie war da. Und so ist die Deutschlandhalle der Ort, an dem sich die Wege von David Bowie und Christiane F. unheilvoll kreuzten.

Lesen Sie hier eine Kritik der Audio-Dokumentation "Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo"


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