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"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" Retro-Serie oder zeitgemäßes Update? So wird der Achtteiler zu Christiane F.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"
Szene aus der Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Christiane (Jana McKinnon) mit ihren Freundinnen Babsi (Lea Drinda) und Stella (Lena Urzendowsky).
© 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images
Millionen Jugendliche sind mit der Geschichte von Christiane F. groß geworden, die mit 13 in die Drogensucht abgerutscht ist. Der Streamingdienst Amazon Prime hat den Stoff nun als Serie umgesetzt. Ist die Neuverfilmung gelungen?

Generationen von Jugendlichen haben ihre Geschichte über das Buch oder den Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" immer wieder neu entdeckt: Christiane F., die als Schülerin heroinabhängig wurde und auf den Kinderstrich ging, ist so zu einer ikonischen Figur in der deutschen Nachkriegsgeschichte geworden.

Nun hat das Streamingportal Amazon Prime Video das Schicksal von Christiane und ihrer Clique neu umgesetzt und den Stoff zu einer achtteiligen Serie verarbeitet. Die Idee dazu stammt von der Autorin Annette Hess, die bereits die überaus erfolgreiche Serie "Weissensee" und die "Ku'damm"-Reihe erfand. Regie führt Philipp Kadelbach ("Unsere Mütter, unsere Väter", "Parfum").

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, eine solche Geschichte umzusetzen: Entweder entscheidet man sich für die originale Epoche - in diesem Fall die späten 1970er Jahre. Oder man aktualisiert den Stoff und transportiert ihn in die Gegenwart. Hess und Kadelbach haben sich für eine dritte Variante entschieden: Sie kombinieren einige Elemente der 70er, Mode, Autos und David-Bowie-Songs mit aktuellen - und kreieren damit etwas Neues. Die Geschichte verliert auf diese Weise jegliche historische Verortung und bekommt etwas merkwürdig Zeitloses, ja geradezu Märchenhaftes.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist zeitlos

Für diese Entscheidung gibt es Gründe: Man wolle damit erreichen, dass Kinder und Jugendliche die Produktion als ihre eigene Serie wahrnehmen, nicht als eine Serie von Erwachsenen, wie sie Kinder sehen, wie Produzent Oliver Berben sagt. Gleichzeitig hätte es zu stark in die Handlung eingegriffen, wenn die West-Berliner Jugendlichen Handys gehabt hätten - das wäre dann eine ganz andere Geschichte geworden, wie Autorin Annette Hess betont.

Gravierender als diese stilistische Neuerfindung von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" sind die inhaltlichen Abweichungen von der Original-Vorlage. Das betrifft insbesondere die Zeichnung einiger Charaktere: Christianes Vater Robert, gespielt von dem ungewöhnlich jung aussehenden Sebastian Urzendowsky, ist hier nicht der brutale Schläger, vor dem die gesamte Familie Angst hat, sondern ein schwacher, harmoniesüchtiger Mann. Mutter Karin (Angelina Häntsch) betrügt ihren Gatten dagegen noch während des gemeinsamen Zusammenlebens mit ihrem Chef. 

Auch viele weitere Figuren sind anders angelegt. So wohnt Christianes Freundin Babsi (Lea Drinda) nicht wie in echt in der Hochhaussiedlung Gropiusbau am Rand der Mauer, sondern in einer mondänen Villa in einem wohlhabenden Stadtteil. Damit will die Neuverfilmung darauf aufmerksam machen, dass es eben nicht nur Kinder aus sozialen Brennpunktvierteln sind, die in die Drogensucht abrutschen - es kann jeden treffen. Bei Babsi ist es eine Form von Wohlstandsverwahrlosung, welche sie in zum Heroin treibt: die Langeweile ihres Lebens im goldenen Käfig - und die Lieblosigkeit ihrer Angehörigen, die glauben, Reichtum könne die fehlende Wärme ersetzen.

Überhaupt ist hier der Fokus nicht ausschließlich auf Christiane F. gelegt, wie im Buch und in Uli Edels Film von 1981. Sie ist nur eine von vielen Jugendlichen, die alle ein ähnliches Schicksal erleiden. Dadurch kann die Serie aus verschiedene Familien erzählen, unterschiedliche Arten anzeigen, auf die Kinder von ihren Eltern enttäuscht oder vernachlässigt werden.

Als Christiane F. das erste Mal Heroin nimmt, ist sie 13

Bei all den Abweichungen bleibt der Kern der Erzählung unangetastet: Es ist die traurige Geschichte einer Clique von jungen Menschen, um die sich niemand so recht kümmert - und die deshalb viel zu früh mit Drogen und Alkohol in Kontakt kommen. Es fängt ganz harmlos an: Erst sind es nur Zigaretten und Alkohol. Dann Tabletten und LSD-Trips. Doch auch das reicht irgendwann nicht mehr, die Lust auf immer neue Grenzerfahrungen erfordert immer härtere Substanzen. Als Christiane schließlich das erste Mal Heroin nimmt, ist sie noch keine 14.

Dass diese Geschichte auch anno 2021 ihre Wirkung entfaltet, ist zum großen Teil der 21-jährigen österreichisch-australische Schauspielerin Jana McKinnon zu verdanken, die die Lebenslust, die Hoffnungen und Enttäuschungen der Christiane F. glaubwürdig verkörpert. Wie überhaupt das gesamte Schauspielensemble, darunter Lena Urzendowsky, Lea Drinda und Michelangelo Fortuzzi, überragende Darbietungen abliefert. Hier zahlt sich aus, dass die Macher auf neue, unverbrauchte Gesichter gesetzt haben.

Der Achtteiler zeigt alle Seiten der Sucht: die Hochstimmung, in die sie den User versetzt - aber auch all seine grausamen Folgen: schmerzhafte Entzugserscheinungen, Prostitution auf dem Kinderstrich, das emotionale Abstumpfen und die ersten Toten im Freundeskreis. Auf Entzugsversuche folgen immer wieder Rückfälle. Die Jugendlichen erleben seltene, aber intensive Höhepunkte. Gleichzeitig lässt die Serie keinen Zweifel daran, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann. 

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Christiane F. Schicksals kommt zurück auf die Bildschirme

Wirklich gelungen ist die visuelle Umsetzung. Die Kamera (Jakub Bejnarowicz) liefert Bilder von berückender Schönheit, in denen der innere Zustand der Jugendlichen zum Ausdruck kommt - zeigt aber auch die wachsende Verdunklung der Lebensperspektiven mit der zunehmenden Dauer. Hierin liegt der eigentliche Wert dieser Verfilmung, die mehr eine Neuschöpfung als ein Remake ist.

Die achtteilige Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist ab dem 19. Februar auf Amazon Prime abrufbar.


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