VG-Wort Pixel

Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" – Christiane F., das waren auch wir

Sehen Sie im Video: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" – Christiane F. kommt in Amazon-Serie zurück auf die Bildschirme.
Mehr
Amazon zeigt die Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Vor 40 Jahren elektrisierte Christiane F. meinen Vorort. Das Buch war Pflichtlektüre und meine Lehrer waren heilfroh, dass ihre Schüler nicht so waren wie Christiane. Dabei stimmte das gar nicht.

Über 40 Jahre nach dem Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Kai Hermann und Horst Rieck von 1978 hat Amazon erneut aus dem Stoff eine achtteilige Serie gemacht. Sie soll tiefgründiger sein als Ulli Edels Verfilmung aus dem Jahr 1981. Die weithin das optische Bild von Christiane F. geprägt hat und die in Neonlicht getauchte Schattenwelt des "Baby-Strichs" ikonografisch einfing. Mich hatten die "Kinder vom Bahnhof Zoo" noch in der Schule erwischt. Das Buch und nicht der Film. Es schlug ein wie eine Bombe. Seiner Druckwelle konnte man nicht entkommen: Kinderprostitution, Heroin und Christiane F. waren allgegenwärtig. Ihr Schicksal war ergreifend, jeder fühlte sich betroffen, und Berlin mit seinem Bahnhof Zoo erschien wie Sodom und Gomorrha in Beton. 

Natürlich war das Buch auch Thema in der Schule. Pflichtlektüre nannte man das damals. Und das Wort trifft es auch. Pflichtschuldig und mit ernstem Eifer setzten wir uns mit Christianes Leben auseinander. Das fiel leicht: Sie hörte die gleiche Musik wie wir, träumte sich mit David Bowies "Heroes" aus der Langeweile ihrer Vorstadt weg - genau wie wir. Und doch war alles anders: Christianes böse Berliner Welt wollte so gar nicht zu uns und unserer Hamburger Schule passen. Dachten wir zumindest im Unterricht.

Man konnte nicht weiter weg sein vom Bahnhof Zoo, als wir es waren auf unserem gutgeschmierten Gymnasium mit den ordentlichen Grünflächen, seinen blitzblank polierten Fluren und sauberen Toiletten. Und wir Schüler, mit angepunkten Jacken und aufrichtigen Herzen und Gedanken, hatten nichts mit Christiane F. zu tun. Im Nachhinein betrachtet hatte das Bemühen, das Leben von Christiane F. zu verstehen, davor zu warnen und sich zu engagieren, etwas Pharisäerhaftes: Bei allem Verständnis waren alle froh, nicht so zu sein wie sie. Unsere Lehrer und Eltern natürlich am meisten.

Lockruf einer Zwischenwelt

Dabei war das glatt gelogen. Denn die Grundzutaten aus Christianes Leben genossen wir auch, nur nicht in ihrer Dosis: Erster Sex in Kombination mit ersten Drogen in selbstverwalteten Jugendzentren war eher der Standard als die Ausnahme. In meinem muffigen Vorort gab es eine abbruchreife Villa aus der Gründerzeit. Feucht, mit zugeschmierten Wänden und speckigen Matratzen. Aber auch Kerzenlicht und "heißen" Mädchen. Und überall gab es Bier, Schnaps und andere Wundermittel. Kein Erwachsener ging dort rein, um uns – gerade 14 Jahre alt – zu beaufsichtigen.  Ausreißer und Streunerinnen, die irgendwie auftauchten und ein paar Tage blieben, wenn die Eltern gerade nicht da waren, waren nichts Besonderes. Es war eine Welt mit zwei Ebenen. Vormittag gesittet, brav und auf Noten fixiert und dann war aber auch alles dunkel. Und wenn man nur hinsehen wollte, ging es am Schmuddelmagnet Hamburger Hauptbahnhof genauso zu wie am Bahnhof Zoo in Berlin.

Aber wer musste dahin? Einen Dealer gab es schon an der S-Bahnhaltestelle Eidelstedt. Irgendwo habe ich ein Bild von meiner Mitschülerin Claudia - sie liegt in der Drogen-Bude im Bett. 15 Jahre, geschminkt wie eine fleischfressende Orchidee und vollkommen abgeschossen.  Wenn ich an damals denke, fallen mir auch die Heimkinder wieder ein. Rund um eine Einrichtung - Namen möchte ich nicht nennen - war die Lebensrealität nicht anders als in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" - auch was die Geldbeschaffung anging. Die Jungs haben geklaut, die Mädchen das getan, was Christiane auch gemacht hat. Danach wurde Party gemacht und das Geld von den alten Säcken auf den Kopf gehauen. Wenn auch alle eher 16 und nicht zwölf waren.

In den Unterricht drang unsere Parallelwelt nicht ein.

Der muffige Geruch der Revolution

Wie Christiane wurden wir magisch angezogen von Dealern, Trinkern und Verwahrlosten. Von Wohnungen ohne Heizung und Toiletten - vollgestellt mit feuchten Sperrmüllmöbeln. Damals gab es in Hamburg noch echte Löcher, Treppenhäuser voller Muff und Schimmel. Mit immer neuen Gestalten, die in einer Ecke schliefen. Das war "cool" und galt als gesellschaftlicher Gegenentwurf. Obwohl überhaupt keine politische Idee vorhanden war. Wir waren zu jung, um zu bemerken, dass die Älteren, die damals den Ton angaben, nur Dropouts waren. Gestalten, die zu fertig waren, um ernsthaft als kriminell zu gelten. Bei denen es eben gerade noch dazu reichte, mit der richtigen Mischung aus Dope und Dauerlabern eine Schülerin flachzulegen.

Diesen aasigen Geruch der späten Siebziger und frühen Achtziger hatte Edel 1981 für seinen Film noch einfangen können. Er musste die Szene nur bannen, denn sie lebte ja noch. Dagegen sieht Amazons Epos schon sehr nach TV-Serienwelt aus.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Teil der Geschichte einer Generation

Wir Jungs und Mädchen aus der Vorstadt waren damals nur Besucher in diesem Leben. Die meisten wussten, wann es Zeit war, auf die Bremse zu treten. Aber nicht jeder und jede. Ein Freund wurde später Kampfsportler und hatte Mädchen laufen. Eine Mitschülerin aus dem braven Vorort hat sich weit schlimmere Dinge angetan als die, die Christiane F. mit sich anstellte. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist für meine Generation nicht nur ein Buch, sondern ein Teil der eigenen Geschichte.

Eher nebensächlich, dass ich Christiane später begegnet bin. Natürlich war da der berühmte Name. Sie war Punk-Prominenz. Ich habe nie versucht, sie mit dem Mädchen aus dem Buch zusammenzubringen. Die Schule war ein paar Jahre vorbei, das war in dem Alter unendlich weit weg. Mein Eindruck wohl aus einer ihrer besseren Phasen: Christiane konnte ziemlich lustig sein.

Trotz alledem.

Lesen Sie auch:

Sie wurde Prostituierte, weil sie genug von miesen Tinder-Typen hatte

"Adult Material" - der harte Alltag zwischen Pornostar und Mutter

Porno-Superstar Bree Olson - Mein schreckliches Leben nach dem Porno


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker