VG-Wort Pixel

Mini-Serie "Adult Material" - der harte Alltag zwischen Pornostar und Mutter

Hayley Burrows hat sich Chlamydien im  Auge eingefangen und läuft jetzt im Piraten-Look herum.
Hayley Burrows hat sich Chlamydien im  Auge eingefangen und läuft jetzt im Piraten-Look herum.
© Channel 4 / PR
Die britische Serie "Adult Material" urteilt nicht. Sie zeigt das Leben von Hayley Burrow zwischen Familie und Pornobusiness und hält sich von allen Klischees frei.

Die vierteilige Mini-Serie "Adult Material" – in Deutsch etwa "nur für Erwachsene" – schafft das Kunststück, einen realistischen Blick in die Porno-Industrie von heute zu werfen. Im Dokumentarbereich gelingt das gelegentlich wie etwa in "9to5 – Days in Porn" von Jens Hoffmann, doch alle Serien werden magisch von den Klischees zwischen "herzensguter Hure" bis zu "fiese Mädchenhändler aus Osteuropa" angezogen.

Nicht so "Adult Material". Die erste Folge startet in einer Autowaschstraße. Hayley Burrows, aufgespritzt, hochtoupiert und mit künstlichen Wimpern so dick wie Teppichtroddeln stöhnt zwischen zwei Sandwichbissen einen gefakten Orgasmus in die Kamera. Ein kleiner Morgengruß für ihre Fans, bevor die Schicht beginnt.

Hayley – gespielt von Hayley Squires - verdient ihr Geld als Jolene Dollar. Sie ist der Star ihres Studios, respektiert und erfolgreich. Aber sie ist auch 33. Dank jeder Menge Botox und Silikon sieht man es nicht, wie sie meint, aber damit neigt sich ihre Karriere unweigerlich dem Ende zu. Am Set trifft sie die junge Amy, gespielt von Siena Kelly. Für Kelly war Amy die erste große Rolle. Zur Vorbereitung wurde sie zu einem echten Pornoset geschickt. "Wir gingen weg, bevor der Sex begann", sagte Kelly zum "Telegraph". "Ich dachte nur: 'Wie kann dieses Mädchen hier Sex haben? Es ist verdammt kalt drinnen, und das Essen war wirklich schlimm: Supermarkt-Sandwiches und Kekse.'"

Einstieg in die Porno-Szene

Für ihre Figur Amy war es ein erster Drehtag. Ihre Voraussetzungen für den Job: Amys Freund ist ein Riesenfan von Jolene Dollar, das bricht das Eis zwischen den Frauen. Amys weitere Qualifikation, abgesehen von einer gescheiterten Karriere als Tänzerin, sie liebt einfach Sex. "Das ist schon einmal eine gute Voraussetzung" kommentiert Jolene trocken. Zu Hause nach dem Arbeitstag warten drei anstrengende Kinder auf Mutter Hayley und ihr Mann, der inkognito die deftigen Chats mit ihren Fans bestreitet und zwischen Abendessen und Einschlafen schnell noch einen privaten Clip mit seiner Frau für einen Fußfetischisten dreht.

"Adult Material" ist eine klassische britische Serie zwischen Familien und Arbeitsplatz – aber eben im Porno-Milieu. Die wachsende Bedeutung von Portalen mit direkt zahlenden Fans für die Stars der Branche, das daraus folgende Nebeneinander von Familienleben und Fetisch-Dreh zeigen die neueste Wandlung einer Branche, die mit dem Verkauf von Videos immer weniger Geld machen kann. Auf heiße Porno-Ästhetik wartet man zum Glück vergebens. "Adult Materials" ist definitiv unerotisch. Das Studio wirkt so abgewrackt, dass man bezweifeln möchte, dass hier wirklich ein Porno-Dreh stattfinden könnte.

Frei von Klischees

Die Serie wurde von Lucy Kirkwood geschrieben. Von ihr stammen unter anderem die Episoden der Teenie-Serie "Skins", die vor zehn Jahren den weltweiten "Freddie and Effy"-Kult hervorriefen. Kirkwood macht sich frei von allen Klischees. Alles in der Pornowelt erscheint erschreckend normal. Man sieht die Banalität eines Arbeitstages, den belanglosen Small Talk zwischen den Drehs, das genervte Augenrollen, wenn die Zigarettenpause gestört wird.

Es gibt keine reinen Opfer und keine strahlenden Heldinnen. Alle versuchen sich mit Kompromissen in ihrem Leben durch zu hangeln. Hayley will die junge Amy davor bewahren, am ersten Drehtag bei einer harten Analszene einzuspringen, weil die vorgesehene Darstellerin erkrankt ist. Aber dann lässt sie ihre mütterlichen Instinkte doch sausen und geht lieber shoppen, als Amy beizustehen. Und die willigt, als das Geld am Ende stimmt, dann doch ein. Es wird ein traumatisches Erlebnis – wie der Titel der Folge "Rosebud" – der Pornocode für Rektumprolaps - dem Zuschauer schon vorher verrät.

Eine Frau wie ein Panzer

Hayley ist eine selbstbewusste Frau, die wie ein Panzer auftreten kann. Den Schuldirektor ihrer Tochter faltet sie zusammen. "Ich arbeite in der einzigen Branche der Welt, in der Frauen mehr Geld verdienen als Männer. Dass eine Frau aus der Arbeiterklasse das Dreifache ihres Lohns erhält, können sie nicht akzeptieren." Haley hat ihre Grenzen, aber die sind wandelbar. Angeekelt ist sie etwa vom US-Star Tom Pain, in dem man unschwer ein Abbild des echten Pornostars James Deen erkennen kann. Der macht sich am liebsten über Erstlings-Mädchen her, weil die noch nicht "Nein" sagen können. Aber dann erscheint sie doch auf seiner Party. Tom Pain ist magisch von der jungen Amy angezogen. Im Chaos einer Post-Party-Küche bedrängt er das psychisch unstabile Mädchen und das hat blutige Folgen.

"Adult Material" läuft im Streaming auf Channel 4, ein deutscher Sendeplatz steht noch nicht fest.

Lesen Sie auch:

Mum makes porn – warum diese Muttis Pornos für ihre Kinder drehen wollen

Amateur-Pornos - der Mädchentraum vom Erotikstar

Vom Porno-Star zur Predigerin: Der Kreuzzug von Crissy Outlaw

"Secret Diary of a Call Girl" - Charmante Escort-Nacht


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker