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RTL-Show "Let's Dance": Wolke schwebt weit oben

RTL bat zum Tanz und 7,12 Millionen folgten. Die Show "Let's Dance", in der Profi-Tänzer prominente Tanz-Neulinge aufs Parkett bitten, besticht durch Sinnlichkeit und befriedigt den Voyeurismus der Zuschauer.

Von Kathrin Buchner

Klassischer Fall: Montagabend trainiert man seine kleinen grauen Zellen ein wenig bei Günther Jauch und bleibt dann tatsächlich hängen bei der Nachfolgesendung, die man sich eigentlich nie anschauen wollte. Seit Wochen bewirbt RTL die neue Show "Let's Dance" exzessiv mit Vorankündigungen. Als ach so aufgeklärter kritischer Fernsehzuschauer schwor man sich, diesem Hype bestimmt nicht zu erliegen. Vergeblich. Tanzen ist eben mitreißend, prickelnd, flott und erotisch, was die Sendung durchaus transportiert. Das liegt nicht zuletzt an der knackigen Präsentation von Conférencier Hape Kerkeling, der mit schlagfertigen Kommentaren die Energie aus den Tanzeinlagen auch in die Moderation überträgt. Und spätestens bei dem himmelblauem Traum von einem Kleid, das sehr wenig von Schauspielerin Wolke Hegenbarths Haut verdeckt, kann man schwer die Augen abwenden.

Tanzbär Jürgen Hingsen mit Freddy-Mercury-Gestik

Die Mischung aus Künstlichkeit und Anmut, dem festgetackerten Lächeln und der Prise Sinnlichkeit eines eingespielten Paares, den linkischen Bewegungen der Neulinge und dem glamourösen Auftreten der Profis hat durchaus Unterhaltungswert. So legen Wolke Hegenbarth mit Tanzpartner Oliver Seefeld einen schwungvollen Cha-Cha-Cha hin, der im weiteren Lauf der Sendung lediglich von Hochspringerin Heike Henkel mit ihrem ebenso hoch aufgeschossenen Partner Dirk Bastert getoppt werden kann. Ex-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen amüsiert als dynamischer Tanzbär mit bewegter Freddy-Mercury-Mimik und ambitionierten Disco-Dance-Einlagen. Den arg unbeholfen wirkenden Moderator Axel Bulthaupt dagegen kann auch das aserbaidschanische Feuer seiner Tanzpartnerin Anna Karina Mosmann nicht entflammen.

Erotisches Knistern könnte bestehende Beziehungen sprengen

Das voyeuristische Interesse des Zuschauers wird besonders durch die sehr gelehrigen Schüler Wolke Hegenbarth, Ex-No-Angels-Sängerin Sandy Mölling sowie Schauspieler Wayne Carpendale erfüllt. Schließlich kann es bei dem intensiven Training im Vorfeld durchaus zu knisternden Momenten kommen. Wayne Carpendale lässt sich von seiner blonden Dompteuse Isabel Edvardsson besonders knechten, was der persönlichen Beziehung der beiden durchaus keinen Abbruch tat. Innig streichelt Isabel die Hand von Wayne, argwöhnisch beobachtet von Carpendales derzeitiger Freundin, der Schauspielerin Yvonne Catterfeld, die wachsam in der ersten Reihe im Studio sitzt. Auch zwischen Sandy Mölling und ihrem Partner Roberto Albanese, Typ Latin Lover, stimmt offensichtlich die Chemie, obwohl beide ihr rein professionelles Verhältnis betonen.

Mischung aus "Deutschland sucht den Superstar" und Heidi Klums Modelsuche

Das Prinzip der Sendung ist durchaus bekannt, nämlich eine Mischung aus "Deutschland sucht den Superstar" und Heidi Klums Modelsuche: Professionelle Tänzer trainieren prominente Amateure in 45-stündiger Knochenarbeit bis die Schritte einigermaßen sitzen. Dann müssen die mehr oder weniger harmonierenden Paare einer vierköpfigen Jury vortanzen, die aus Ex-Eiskunstläuferin Kati Witt, dem Tanzweltmeister Michael Hull, Tanz-Trendscout Markus Schöffl und dem Wertungsrichter Joachim Llambi besteht. Letzterer gibt mit seinen besonders markigen Sprüchen à la "Bewegungen wie eine Klosterschülerin" den Dieter Bohlen der Tanz-Jury und fällt knallharte Profi-Urteile.

Während die Vierte im Bunde, Kati Witt - übrigens mit äußerst unvorteilhafter künstlich nach hinten gesprühter Fönfrisur - dem Zuschauer aus der Seele spricht und emotional und mit Herz urteilt. Und um nicht nur den Unterhaltungsmehrwert sondern auch den wirtschaftlichen Ertrag der Sendung zu steigern, wird auch den Zuschauern ein Mitspracherecht per Telefon eingeräumt, was immerhin 51 Prozent ausmacht, sodass die Jury überstimmt werden könnte.

Erotik, Voyeurismus und Nächstenliebe

Diese Regelung kommt möglicherweise Heide Simonis zugute. Die ehemalige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, die kürzlich so bitter auf dem gefährlichen Politik-Parkett strauchelte, machte auf dem Tanzboden keine so gute Figur. Führung abzugeben fällt ihr offensichtlich schwer. Deswegen dauerte es etliche Takte, bis sie sich beim langsamen Walzer in die Arme von Tanzpartner Hendrik Höfken schmiegte. Obwohl sie mit 15 Punkten von der Jury an die letzte Stelle verbannt wurde - die Sympathien der Studiogäste und möglicherweise auch der Fernsehzuschauer sind auf ihrer Seite. Schließlich ist sie in ihrer neuen Funktion als ehrenamtliche Unicef-Präsidentin unter der Bedingung angetreten, dass RTL eine Spende an das Kinderhilfswerk überweist. Zu Erotik und der Befriedigung von voyeuristischen Trieben gesellt sich also auch noch eine dritte Komponente: Nächstenliebe. Tanzen macht eben glücklich. Mal sehen, ob der Schwebezustand RTL auch für die nächsten acht Folgen gleich bleibend hohe Einschaltquoten beschert.