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Serie "Parade's End" auf Arte "Downton Abbey" für Anspruchsvolle

Die freigeistige Verlockung sitzt auf dem Kutschbock: Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) begleitet die junge Valentine Wannop (Adelaide Clemens) mit der Kutsche nach Hause - wegen des dichten Nebels ein Höllenritt.
Die freigeistige Verlockung sitzt auf dem Kutschbock: Christopher Tietjens (Benedict Cumberbatch) begleitet die junge Valentine Wannop (Adelaide Clemens) mit der Kutsche nach Hause - wegen des dichten Nebels ein Höllenritt.
Kostüme ja, Kitsch nein: Benedict Cumberbatch brilliert in der BBC-Serie über den Untergang des Adels und das Ende der Konventionen. Alles andere als leichte Kost, doch die Mühe lohnt sich.
Von Gernot Kramper

Männer in Tweet, gebunden an reiche, kapriziöse Ladys und dazu freigeistige Mädchen, ohne Gatten und Erbschaft. Der BBC-Mehrteiler "Parade's End" mit sechs Episoden vereint alle Zutaten einer typisch britischen Kostümserie. Nichts liebt das Publikum auf der Insel mehr als das Beschwören der guten alten Zeit - die spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende geht.

Auf den ersten Blick reiht sich auch "Parade's End" in diese Folge von Historienserien ein. Die Hauptperson Christopher Tietjens, ein Gentleman und Abkömmling einer uralten Landbesitzer-Familie, steht zwischen zwei Frauen. Seiner kapriziösen, aber verdorbenen Gattin Sylvia und der frischen und freisinnigen Miss Valentine Wannop. Vor dem Ersten Weltkrieg kämpft die junge Suffragette Wannop für das Frauenwahlrecht und ist zudem durch die Not ihrer Familie gezwungen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ein vorbildliches Mädchen also, aber natürlich tut sich Tietjens - wie alle Männer in Herzensdingen etwas behäbig - schwer mit einer Entscheidung.

Verfilmung mit hohem Anspruch

Und doch ist alles anders als bei einem Gefühlsgeplänkel nach Art von "Downton Abbey", der umjubelten britischen Erfolgsserie, die zur selben Zeit spielt. Benedict Cumberbatch, der den Tietjens gibt, hat die Konkurrenz-Serie dann auch als "sentimental, voller Klischees und grauenhaft" abgekanzelt. Zu Recht. Mit "Parade's End" wird kein Gefühlsroman verfilmt, sondern Weltliteratur. Zwischen 1924 und 1928 veröffentlichte Ford Madox Ford vier Romane über seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg.

Die hohe Klasse macht es dem Zuschauer nicht leicht. Die gesellschaftlichen Details des heute vergessenen Jahrhundertromans versteht nur, wer solide Kenntnisse Englands mitbringt. Wer die nicht besitzt, wird über manche Absonderlichkeiten nur staunen können. Regisseurin Susanna White wünscht nicht, dass es sich ihre Zuschauer mit einem Glas Wein auf dem Sofa gemütlich machen. "Parade's End", doziert sie, verlange den Zuschauern absolute Konzentration ab, sonst ströme die verästelte Handlung an ihnen vorbei. Wer sich über seichte ARD-Degeto-Verfilmungen aufregt, kann an der BBC-Serie erproben, ob er Qualitätsfernsehen diesen Kalibers gewachsen ist.

"Parade's End" bietet kein wohliges Identifikations-Erlebnis. Handlungen und Beweggründe der Hauptperson Tietjens sind alles andere als verständlich. Er, der "letzte Tori" ist geistig in den Zeiten vor der französischen Revolution stehengeblieben. Stoisch und die Welt verachtend folgt Tietjens stets nur einem: dem Gebot der Ehre. Dabei tut er immer das einzig Richtige und richtet dabei den größtmöglichen Schaden an. Auch die zentrale Liebesgeschichte lädt nicht zum Mitschmachten ein. Tietjens verzeiht seiner Gattin Sylvia Untreue und Bloßstellung, weil ein Gentleman eine Frau niemals mit einer Scheidung entehren darf. Dafür straft er sie mit Missachtung. Und Sylvia - von der es heißt, es habe Generationen bedurft, um ein so verführerisches und manipulatives Wesen hervorzubringen - kasteit sich ihrer Verfehlungen wegen selbst. Sie entsagt den Männern und verbringt keusch die besten Jahre ihres Lebens damit, die Liebe ihres Mannes zu erzwingen, und als das misslingt, mit Gewalt irgendeine Reaktion in ihm hervorzubringen. Das sind quälende Szenen einer Ehe im gehobenen Landhausstil.

Spannende Charaktere exzellent besetzt

Die Serie wäre in Großbritannien nicht so gut bei Zuschauern und Kritikern angekommen, wenn sie nur Zumutungen böte. Den sperrigen Roman trimmt die Verfilmung in Richtung der Liebesverwirrungen und obendrein würzt die Regisseurin die Mini-Serie mit einem unterdrückten Sex-Appeal, der gut in die Epoche passt. Im Buch wird Tietjens noch als grober Koloss beschrieben - als ein rosa Schwein im Tweetanzug. Daher auch der holländische Bezug im Namen. Doch die BBC lässt ihn very british von Benedict Cumberbatch spielen, der TV-Wunderwaffe der vergangenen Jahre, mittlerweile auch in Hollywood begehrt. Nach der furiosen Darstellung des Sherlock in der gleichnamigen Serie nimmt man Cumberbatch das Statistik-Genie in der Gestalt des kauzigen Landadeligen sofort ab.

Auch wenn es keine echten Sexszenen gibt, heizt seine überspannte Gattin Sylvia dem spröden Tietjens mächtig ein. Rebecca Hall spielte die jugendlich bezaubernde Vicky in "Vicky Cristina Barcelona", nun wird sie zur Heimsuchung des männlichen Geschlechts und lässt auf Tietjens Landsitz die Tapeten knistern, auch wenn sich bei ihrem Gatten nichts regt. Die größte schauspielerische Überraschung kommt von Adelaide Clemens. Sie ist dem jüngeren Publikum bekannt aus Blockbustern wie "X-Men Origins: Wolverine" oder "Silent Hill: Revelation" und Kennern aus Horrorfilmen wie "No One Lives". Hier sie spielt die junge Suffragette Valentine Wannop mit herziger, pausbäckiger Frische. Eine Performance, die ihr zur Rolle der Catherine im "Großen Gatsby" verhalf.

Die Lösung der verfahrenen Herzensangelegenheiten bringt der Erste Weltkrieg. In ihm geht die Welt zugrunde, in der Tietjens gefangen war und in der er doch nie heimisch wurde. Und erst Elend, Selbstmorde, Kopfverletzungen und Entehrungen bringen ihn in die neue Zeit - das Ende aller Paraden, der militärischen auf dem Exerzierplatz und der gesellschaftlichen in den Salons und Clubs. Ein Happy End, dachte Ford Madox Ford. Er konnte nicht wissen, dass auf den Ersten Weltkrieg alsbald der Zweite folgen würde.

"Parade's End":

Folgen 1 bis 3 am 7. Juni ab 20.15 Uhr auf Arte, Folgen 4 bis 6 am 14. Juni ab 20.15 Uhr auf Arte.
Außerdem gibt es die Serie bereits in deutscher Fassung auf DVD.


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