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"Wolverine" Die Wut des Hugh Jackman


Wer schon immer wissen wollte, warum Comic-Held Wolverine unkaputtbar ist, dem liefert Hugh Jackman mit "X-Men: Origins" die Antwort. Dafür musste er sich ausziehen und auch noch mit Piraten anlegen.
Von Johannes Gernert

Hugh Jackman schaut fast ein bisschen betroffen. Gar nicht so animalisch-grimmig wie der Action-Held, den er in der Comic-Verfilmung "X-Men Origins: Wolverine" spielt. Wenn Wolverines Wut in Form von spitzen Klauen aus seinen Händen bricht, zerschreddert der haarige Mutant damit gerne auch mal Militärhubschrauber. Doch jetzt ruhen Jackmans Hände auf dem Tisch des Pressepodiums im Berliner Hotel de Rome. Das angespannt-vollbärtige Wolverine-Gesicht prangt hinter ihm auf einem Filmplakat.

Die Augen des australischen Filmstars haben plötzlich diesen ironischen Glanz verloren, der gerade noch blitzte, als der "Sexiest Man Alive" bestritt, sexy zu sein ("Doch nicht vor zwölf Uhr") und sich auch nicht als letzter verbliebener Action Hero dieser Erde sehen wollte. Für die nächste Antwort hätte er allen Grund, die verbalen Klauen auszufahren, aber stattdessen setzt Jackman den besorgten Blick eines Vaters auf, der seinem Sohn noch einmal erklärt, warum das überhaupt nicht in Ordnung war, was er da gerade wieder gemacht hat. Ach, diese Filmpiraterie im Internet!

Mit "Wolverine" ist dasselbe passiert wie vor Jahren mit der Leinwand-Version des Comics "Hulk", auch ein Monster aus dem Hause Marvel. Auf dunklen Wegen ist eine unfertige Kopie des Films ins Online-Universum der Datentauschbörsen geraten, hat sich rasant verbreitet und ist von Bloggern und Kolumnisten schon vier Wochen vor dem Starttermin besprochen worden. Hätten die Produzenten um Jackman einen wie den Mutanten Bradley aus dem Team der X-Men zur Hand gehabt, hätte er die elektronischen Übertragungsströme für sie unterbrechen können. So aber mussten die Hollywood-Fabrikanten ganz auf das FBI vertrauen, das den Schuldigen fassen sollte.

Ohne Drähte und Seile

Ein Journalist möchte von Jackman wissen, ob so eine inoffizielle Vorab-Veröffentlichung nicht vielleicht sogar ihr Gutes habe. Die Fans würden ja in einer Art vorgezogenem Making-Of in den Produktionsprozess mit einbezogen. Bei Tarantino kannten sie das Drehbuch seines neuen Films "Inglourious Basterds", schon bevor er es mit Brad Pitt, Daniel Brühl und Til Schweiger einstudierte. In der "Wolverine"-Kopie konnten sie an manchen Stellen sehen, wo beim Drehen Drähte und Seile hingen. Vielleicht steigere das ja die Spannung, während alle auf den fertigen Film hinfiebern.

Aber nein, sagt Papa Jackman, als Werbung könne er das wirklich nicht betrachten. Er habe gerade mit übernächtigten Special-Effects-Leuten bei der Produktion gesessen, als sie von der illegalen Kopie erfuhren. Es sei ihm schon lieber, wenn die Zuschauer erst das fertige Produkt zu sehen bekämen. Dafür betreibe man schließlich den ganzen Aufwand: für die große Leinwand. Deshalb freue er sich auch über das Urteil gegen die Männer von "Pirate Bay" und darüber, dass einige Länder die Sache mittlerweile sehr ernst nehmen. Sogar im eigenen Hause von Fox gab es Ärger: Als der prominente Kolumnist Roger Friedman, die illegale Vorab-Version des 20th Century-Fox-Films auf der Internetseite des TV-Senders Fox News besprach, wurde er sofort gefeuert. Dabei hatte er sehr geschwärmt: Der Film übertreffe alle Erwartungen.

Der Vorteil der Fortsetzung

Wenn man bedenkt, dass Kritiker schon beim zweiten Teil meckerten, dass ein einziger "X Men"-Film locker gereicht hätte, dann haben Jackman und sein Team es ihnen immerhin gezeigt: Selbst ein vierter Teil muss gar nicht so schlecht sein. Der fängt ganz von vorne an, geht an den Ursprung, an die Urwut des Wolverine, der bürgerlich übrigens Logan heißt. Als Teenager muss er den Mord an seinem vermeintlichen Vater mit ansehen. Da treibt es ihm zum ersten Mal seine übernatürlich spitzen Krallen aus den Knöcheln.

Wie er sein Leben lang dieses innere Wüten zu kontrollieren versucht, davon handeln alle "X-Men"-Filme, die allesamt Kassenschlager waren. Der hier zeigt nun auch noch, wie Logan im Plexiglastank eines Militär-Mutanten-Labors zum unsterblichen Wolverine gemacht wird: indem Roboterarme außerirdisch-ultrahartes Adamantium in seinen Körper spritzen. Fortan glänzen seine Klauen mattsilbern.

"X-Men"-Regisseure waren noch nie Freunde simpler Bang-Boom-Kawumm-Spektakel. Sie versuchten jedes Mal eine Gratwanderung: Es sollte ordentlich krachen, aber die Figuren, die aufeinander zuschossen, mussten bitteschön mehr sein als nur dumpfe Action-Klötze. Der erste "X-Men"-Regisseur, Bryan Singer, der zuletzt "Walkürie" mit Tom Cruise gedreht hat, hatte seinen Schauspielern sogar verboten, die Comic-Originale zu lesen. Sie sollten sich das Ganze als Film vorstellen, nicht als VERfilmung. Ein Produzent, erzählt Jackman, habe ihm damals trotzdem einige "X-Men"-Ausgaben heimlich unter der Hoteltür durchgeschoben. "Ich habe die dann in einer Schublade versteckt und immer wieder reingeschaut." Der aktuelle Regisseur, Gavin Hood, gewann vor drei Jahren mit dem Afrika-Drama "Tsotsi" den Auslands-Oscar. Er schien Jackman, der den Film auch mit produziert hat, als der Richtige, um den zentralen Brüderkonflikt von "Wolverine" als Real-Comic zu inszenieren.

Schreibers bezaubernder Bösewicht

Logan und sein Bruder Victor, beide mit Kugelsalven kaum nachhaltig zu verletzen, gehören zu einem X-Team von kämpferisch Hochbegabten, die für die US-Army mit Schwertern Maschinengewehrkugeln aus dem Weg dreschen, sich selbst durch die Gegend beamen oder jedwede Elektronik per Geistesblitz steuern. Bis Logan keine Lust mehr hat und die Brüder zu Todfeinden werden - ganz plötzlich. Da holpert der Plot ein wenig.

Liev Schreiber, der am Theater Shakespeare-Stücke spielt und gerade neben Daniel Craig in "Defiance" zu sehen ist, macht Victor zu einem bezaubernden Bösewicht, wenn er langsam die Lippen lupft und seine Wolfszahnstummel zeigt. Neben Wolverine bleibt er die einzige Figur, die wirklich an Tiefe gewinnt, weil er ein Schurke ist, den sein Sarkasmus trotzdem sympathisch macht: "Wenn dich hier jemand umbringt, dann ich!"

Jackman und Schreiber halten diesen Film zusammen, der mit seinem riesigen X-Men-Ensemble, den Schlenkern und Nebenplots doch etwas überfrachtet ist und zuweilen fast auseinanderzufliegen droht.

Comic-Karikaturen

Aber "Wolverine" ist nicht nur die Bruderfehde zweier wutschnaubender Wolfsmenschen, sondern auch eine Liebesgeschichte. Logans Liebesgeschichte mit einer ebenfalls Übersinnlichen. Nebenbei werden auch noch Witze über Patriotismus gerissen, kurz die Kriege des vergangenen Jahrtausends gestreift, inklusive Vietnam, außerdem tauchen zwei, drei, vier, fünf andere Helden mit Superspezialfähigkeiten auf, die manchmal aus völlig anderen Comics stammen und deswegen auch etwas hineingequetscht wirken. Obwohl einer von ihnen sehr angenehm vom Black-Eyed-Peas-Sänger will.i.am gespielt wird und ein anderer eine wunderbare Comic-Karikatur abgibt, wenn er wie eine aufgeblähte russische Matroschka-Puppe seine Gegner im Box-Ring von seinem Kugelbauch abprallen lässt.

Je weiter der Zuschauer gemeinsam mit Wolverine auf der Suche nach dem Anfang voran kommt, desto comichafter wird die gesamte Optik des Films. Der finale Kampf in einer düsteren Endzeitlandschaft erinnert zuweilen fast an ein Playstation-Spiel. Dank Jackman und Schreiber wirken die Charaktere trotzdem erstaunlich echt. Vor allem ihretwegen lohnt es sich, auch den vierten "X-Men"-Ableger zu sehen. Wenn man ihn noch nicht kennt.

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