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Filmstart von "The Great Gatsby" Wie Sex in Zeiten ohne Aids


Im Remake von "The Great Gatsby" wird härter gefeiert als im Berghain, tiefer gefühlt als bei Rosamunde Pilcher und Leonardo DiCaprio hat mehr Bling-Bling als P. Diddy. Gut geht es ihm trotzdem nicht.
Von Sophie Albers, Cannes

Baz Luhrmanns Neuverfilmung von F. Scott Fitzgeralds Kultroman "The Great Gatsby" kann man gleich auf mehrere Arten sehen: als Literaturkenner, der die Vorlage für unverfilmbar und allein den Versuch für Frevel hält. Sie können sich das Geld sparen.
Oder als Purist, der die Hip-Hop-Bässe von Jay-Z, die die Art-Deko-Party zum Schwingen bringen, für unauthentisch hält. Auch Sie können sich einen anderen Film aussuchen.
Oder aber man macht sich frei von dem, was sein "müsste" und überlegt, was F. Scott Fitzgerald wohl gemacht hätte. Und dann kommt man zu dem Schluss, dass Luhrmann gar nicht so falsch liegt mit seiner Achterbahn durch den Themenpark "Roaring Twenties".

Wie schon in "Moulin Rouge" und auch "Australia" ist alles größer, lauter, wilder, wärmer, reicher, tragischer als Auge und Ohren es gewöhnt sind. Dabei gehört die Stilisierung der Geschichte eines Mannes, der sich für seine große Liebe als reicher Mann von Welt geriert, zur Erzählstrategie. Als "amerikanischen Hamlet" hat Luhrmann seinen Helden beschrieben. Der ewig Zweifelnde, Suchende, der zum Scheitern Verurteilte. Anders als die "Gatsby"-Verfilmung mit Robert Redford von 1974 geht es diesmal weniger um die Liebesgeschichte mit Daisy als um Gatsbys Besessenheit, sich zu holen, was ihm seiner Meinung nach zusteht.

Entdeckung Elisabeth Debicki

Leonardo DiCaprio kriegt diesen Wechsel zwischen charismatischer Partylöwe und zerfurchter Träumer wirklich gut hin. Manchmal liegen nur ein paar Sekunden zwischen dem Gesicht eines staunenden Kindes und dem eines verbitterten Greises. Für "Spider-Man" Tobey Maguire ist Erzähler Nick Carraway ein Comeback auf die große Leinwand. Einen wirklich großen Auftritt hat allerdings die gerademal 22-jährige Elisabeth Debicki, die als elegante Golferin Jordan Baker allen die Show stiehlt, so wie einst Cate Blanchett als Katharine Hepburn in "The Aviator". Da kommt noch einiges!

Allerdings ruckelt Luhrmanns "Great Gatsby"-Achterbahn manchmal auch ganz gewaltig. Zum einen reißt einen die Erzählung aus Sicht von Carraway, der in einem Sanatorium seine "selbstmörderische Trunksucht" zu heilen sucht, immer wieder aus dem Strom der Geschichte. Zum anderen wirkt die wilde Party selten so alles mitreißend unmittelbar wie in "Moulin Rouge", wo man wirklich das Gefühl hatte, die Röcke der Can-Can-Tänzerinnen flattern einem um die Ohren. Andererseits ist der distanzierte Blick auf das, was sein soll, ja auch der von Gatsby. Vielleicht steht also der Held selbst der flüssigen Story im Weg.

Selbstquälerisch nostalgisch

Vergessen kann man den unbedingten Willen zur Lust und Dekadenz jedenfalls nicht. Es ist wie Sex in Zeiten vor Aids, wenn einfach alles möglich ist, wenn Geld und Champagner sprudeln, wenn die Welt ein Bonbon ist, der ausgewickelt werden will aus seinem schillernd-glitzernden Papier. Auch da ist der Film genauso selbstquälerisch nostalgisch wie Gatsby selbst.

Und dann ist da dieses Lied, das der Liebesgeschichte wirklich den Garaus macht: "Will you still love me/ when I am no longer young and beautiful", singt es. Und wir wissen alle, dass die Antwort "nein" ist, schließlich ist die große, alles konsumierende Liebe hier genauso unerreichbar wie der Reichtum für alle. Aber bis dahin wird gefeiert, als sei es 1929.


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