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ESC-Kandidatencheck "Unser Song für Österreich": Wer soll in Wien für Deutschland singen?

Zottelbart, Mittelalterdruiden oder doch David-Guetta-Pop? Die Bandbreite beim ESC-Vorentscheid ist riesig. Die Kandidaten im stern-Check. Für wen Sie anrufen müssen - und für wen nicht.

Von Jens Maier

Moderiert den deutschen Vorentscheid: Barbara Schöneberger

Moderiert den deutschen Vorentscheid: Barbara Schöneberger

Andreas wer? Andreas Kümmert! Der "The Voice"-Sieger von 2013 ist der prominenteste Teilnehmer des diesjährigen deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest. Nachdem im vergangenen Jahr die Plattenmillionäre Der Graf von Unheilig und die Shanti-Sänger von Santiano überraschend gegen die No-Names von Elaiza gescheitert waren, muss "Unser Song für Österreich" ohne prominente Künstler auskommen. Fans hatten zwar immer wieder den Namen Helene Fischer ins Spiel gebracht, doch die Angst, als etablierter Künstler rauszufliegen, scheint zu groß.

Deshalb werden in der Tui-Arena von Hannover am Donnerstagbend größtenteils Bands und Sänger auf der Bühne stehen, von denen die meisten Zuschauer noch nie etwas gehört haben. Der musikalischen Qualität muss das keinen Abbruch tun - im Gegenteil. Ohne Fan-Bonus birgt das die Chance, unvoreingenommen den besten Song und den besten Sänger zu küren. Insgesamt acht Teilnehmer schickt die ARD ins Rennen um das Ticket fürs Finale in Wien. Offenbar wollte man sich beim Sender auf keine Musikrichtung festlegen, denn die Bandbreite ist geradezu aberwitzig groß: Eine Mittelalterband mit Harfe und Dudelsack ist ebenso dabei wie ein Weltverbesserer mit Herzschmerz-Ballade, ein Folk-Country-Duett oder David-Guetta-Disco-Pop. Damit die Auswahl leichter wird, kommen hier alle Teilnehmer im stern-Check:

1. Ann Sophie mit "Jump The Gun" und "Black Smoke"
Elaiza schafften im vergangenen Jahr das Unmögliche: Den drei Mädels gelang der Durchmarsch vom Clubkonzert bis nach Kopenhagen. Diese ESC-Geschichte könnte sich 2015 durchaus wiederholen. "Ich bin eine Rampensau", sagt Ann Sophie über sich selbst und stellte das beim Clubkonzert sogleich unter Beweis. Neun Konkurrenten warf die 24-Jährige aus dem Rennen um die Wildcard für Hannover. Zu verdanken hat sie das nicht nur ihrer soliden Stimme, ihrem roten Hosenanzug und ihrer souligen Mitklatsch-Nummer "Jump The Gun", sondern vor allem ihrer Bühnenpräsenz. Als Schauspielschülerin und Musikerin steht sie nicht zum ersten Mal im Rampenlicht - und das ist ihr deutlich anzumerken. Wie ein Profi flirtet sie mit der Kamera, geradezu lenaesk. Als zweiten Song hat sie "Black Smoke" im Gepäck, der ein bisschen an Amy Winehouse erinnert. Dass es vielleicht doch nicht für Wien reicht, könnte am Ende daran liegen, dass der Status als Underdog in 2015 nicht zieht. Schließlich stehen da in Hannover fast ausschließlich Newcomer auf der Bühne.

Geeignet für:

Besucher von rauchigen Bars, Elaiza-Fans und Chris de Burgh-Liebhaber ("Lady in red")

Chancen in Wien:

Kanonenfutter

stern-Wertung:

Nicht originell genug, um hervorzustechen. Anruf besser sparen.

2. Fahrenhaidt mit "Frozen Silence" und "Mother Earth"
Der Song scheint wie gemacht für den ESC: Eine Dänin, deren Stimme an die von Björk erinnert, singt in einer Herzschmerz-Ballade über die Widrigkeiten des Winters und wärmt damit die Herzen. "Frozen Silence" wirkt wie die Musik zu einem Film von Hollywood-Regisser Baz Luhrmann: bombastisch, melancholisch, schön.

Ausgedacht haben sich das die Berliner Musiker Erik Macholl und Andreas John, die sich zusammen mit Sängerin Amanda Pedersen Fahrenhaidt nennen. Im ESC-Zirkus sind die Produzenten keine Unbekannten. 2008 komponierten sie für die No Angels "Disappear" und gingen damit in Belgrad unter (Platz 23). Das gleiche Schicksal dürfte ihnen mit "Frozen Silence" oder ihrem zweiten Song "Mother Earth" in Wien nicht widerfahren. Mit aufgedrehter Windmaschine und der richtigen Bühneninszenierung könnten die beiden Lieder ihre volle Wirkung entfalten. An Pedersens Qualitäten als Live-Sängerin wird Fahrenhaidt jedenfalls nicht scheitern.

Geeignet für:

Skandinavier, Björk-Fans und Liebhaber von dramatischen Musical-Balladen

Chancen in Wien:

Besser als die No Angels, die Top Ten wäre drin

stern-Wertung:

Vorhersehbar, aber gut. Mit Gänsehaut zum Hörer greifen!

3. Faun mit "Hörst du die Trommeln" und "Abschied"
Hilfe, die fahrenden Musikanten kommen und bringen Dudelsack, Sackpfeife und Schalmei mit: Faun erinnern an Mittelalterrockbands wie Cultus Ferox oder Schandmaul und machen genau das, was sie mit "Hörst du die Trommeln" versprechen: auf die Pauke hauen. Leider klingt das nicht so eingängig wie bei Tony Marshall ("Heute hau'n wir auf die Pauke"). Stattdessen wähnt sich der Zuhörer beim Mittelalternachwuchsfestival, wo vermutlich statt mit Messer und Gabel mit den Händen gegessen werden muss und lustige Ritter in einer selbstgebastelten Rüstung umherlaufen. Skurril und irgendwie ziemlich teutonisch, aber alles in allem doch zu brav. Der zweite Song "Abschied" trieft nur so vor Klischee. Dann doch lieber Finnen mit Masken, die "Hard Rock Halleluja" singen.

Geeignet für:

Mittelalterfans und Jungs, die früher mit "Master Of The Universe" gespielt haben

Chancen in Wien:

Wien hat zwar eine Burg, aber das Mittelalter ist vorbei.

stern-Wertung:

Ritter mit Telefon? Geht gar nicht. Also nicht anrufen.

4. Alexa Feser mit "Glück" und "Das Gold von morgen"
Es bräuchte schon das von Katja Ebstein einst besungene Wunder, damit es Alexa Feser nach Wien schafft. Das liegt nicht so sehr an ihren gesanglichen Qualitäten, sondern vor allem an ihrer Ballade "Das Gold von morgen". Denn die lässt sich mit einem Wort treffend beschreiben: boring! Nur mit einem großen Schluck aus der Coffeinpulle ist sie überhaupt durchzustehen. Kostprobe gefällig? "Wenn dich das Leben wieder niederstreckt, und du liegst mit dem Gesicht im Dreck, fang an zu graben ... genau da findest du das Gold von morgen." Ein Fall für Wien? Für die Couch von Sigmund Freud vielleicht, aber nicht für die ESC-Bühne. Aber es gibt ja noch "Glück". Ihr zweiter Song wirkt fast wie eine Uptempo-Nummer. Mit eingängigem Refrain und gefälliger Melodie kommt sogar so etwas wie Spaß beim Zuhören auf. Ein Ohrwurm mit Glücksmoment.

Geeignet für:

Pseudointellektuelle, Pessimisten und alle, denen Grönemeyer schon immer zu rockig war

Chancen in Wien:

Nur für deutsche Ohren

stern-Wertung:

"Glück" hat einen Anruf verdient

5. Mrs. Greenbird mit "Shine, Shine, Shine" und "Take My Hand"
Mit ihrer Countrypop-Nummer "Calm After The Storm" erreichten die Common Linnets beim ESC 2014 den verdienten zweiten Platz und wurden in Deutschland zum Radio-Hit. Das deutsche Duo Mrs. Greenbird möchte ebenfalls mit Country ganz nach oben und haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Das verliebte Paar auf der Bühnen brauchen Sarah Nücken und Steffen Brückner nicht zu mimen, denn sie sind eins. Ihre beiden Songs "Shine, Shine, Shine" und "Take My Hand" bezeichnen die beiden selbst als "Singersongwritercountryfolkpop". Macht gute Laune und tut nicht weh, rauscht aber ansonsten vorbei wie ein Güterzug nach Nashville. Da hatte Deutschland mit "No No Never" 2006 den besseren Countrysong am Start - und wurde damit nur 15.

Geeignet für:

Trucker mit Fernweh und alle, die früher Shakin' Stevens gehört haben

Chancen in Wien:

Gerät leider schnell in Vergessenheit

stern-Wertung:

Eignet sich wunderbar zum nebenbei anhören, der Aha-Effekt fehlt allerdings.

6. Andreas Kümmert mit "Home Is In My Hands" und "Heart Of Stone"
"Darf dieser Mann für Deutschland singen?", titelte die "Bild"-Zeitung 1998, als ein Mann namens Guildo Horn sich anschickte, die Nation beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Die gleiche Frage könnte sich beim Anblick von Andreas Kümmert 2015 erneut stellen. Als "Zausel" bezeichnete der Kölner "Express" den Sänger mit Halbglatze und ungepflegtem Zottelbart. Und ja, wäre der ESC ein Model-Contest, würde Kümmert sicherlich den letzten Platz belegen. Aber es soll ja um den Song und die Stimme gehen - und da kann der 27-Jährige aus Gemünden am Main punkten. Mit seinem souligen Timbre konnte er bereits die "The Voice"-Jury überzeugen, gewann die Casting-Show 2013. Sein Song "Heart Of Stone" ist rockiger als die Kuschelnummer "Home Is In My Hands" und hat durchaus Instant Appeal. Ein typischer Radiosong, der in Wien vor allem deshalb untergehen könnte, wiel Kümmert absolut kein Showman ist. Das unterscheidet ihn von seinem "Zottel"-Vorgänger Guildo Horn, der für Deutschland den siebten Platz eroberte.

Geeignet für:

"Kuschelrock"-Plattenkäufer, Joe-Cocker-Fans und Friseurmeister mit Humor

Chancen in Wien:

Augen zu und durch. Ein Showman ist Kümmert nicht, aber seine Stimme könnte die Jurys überzeugen

stern-Wertung:

Wer ein Herz für Zottel hat, darf gerne anrufen.

7. Laing mit "Zeig Deine Muskeln" und "Wechselt die Beleuchtung"
Mit "Morgens immer müde" belegten sie 2012 bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest den zweiten Platz. Die vier Damen von Laing machen Spaß. Ihre Songs haben ein neues Genre erschaffen: Den auf deutsch gesungenen Electropop, den man sonst vielleicht noch von Alexander Marcus kennt. Überraschend, cool, anders - so lässt sich die Musik der Berliner Girl-Band zusammenfassen. Mit "Zeig Deine Muskeln" liefern sie eine Verballhornung auf den Fitness- und Schönheitswahn bei Männern. Mit schnellen Bässen und choralem Gesang geht er sofort ins Ohr. Der zweite Song "Wechselt die Beleuchtung" ist hingegen weniger temporeich und passt damit nicht ganz so gut zu den vier quirligen Mädels. Am Ende bleibt die Frage, ob das internationale ESC-Publikum diesen deutschen Humor verstehen würde. Eine gute Show könnten sie dank ihrer Fitnesseinlagen auf jeden Fall abliefern.

Geeignet für:

Laserkraft-3D-Fans, Frauenversteher, Partykanonen und muskelgestählte Partygänger

Chancen in Wien:

Wer versteht deutschen Spaß?

stern-Wertung:

Mindestens einmal anrufen. Laing ist die coolste Girlband, die Deutschland derzeit zu bieten hat.

8. Noize Generation mit "Song For You" und "Crazy Now"
Für Musik-Ästheten ist es der Totalausfall. Für Liebhaber von gut gemachter Discomukke ein Volltreffer: Noize Generation heißt mit bürgerlichem Namen Jewgeni Grischbowski und ist ein deutsch-russischer Musikproduzent, der in München lebt. "Song For You" und "Crazy Now" erinnern an angesagten Dance-Sound von David Guetta oder Avicii. Ein Genre, das in den vergangenen Jahren beim Eurovision Song Contest nicht unbedingt mit Punkten überschüttet wurde (siehe Cascada 2013). Doch anders als viele andere Lieder im deutschen Vorentscheid bleibt vor allem "Song For You" sofort im Ohr und kann wunderbar mitgegrölt werden. Auch auf Wienerisch.

Geeignet für:

alle, die die volle Dröhnung wollen und einen Refrain zum Mitsingen. Uhuhuhuh!

Chancen in Wien:

Dancenummern können bei den Jurys nicht punkten, es kommt also auf die Zuschauer an

stern-Wertung:

Hat es zumindest in die zweite Runde verdient. Anrufen!

Fazit: Aus stern-Sicht haben es Laing, Noize Generation und Andreas Kümmert in die Endrunde von Hannover verdient. Unser Tipp und unsere Empfehlung für Wien sind aber ganz klar Fahrenhaidt mit "Frozen Silence": moderne Ballade, starke Sängerin, tolle Bühnenpräsenz. Damit es am Ende mehr als einmal heißt: Germany twelve points.

"Unser Song für Österreich" läuft Donnerstagabend live um 20.15 Uhr im Ersten