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Sexfalle "Mission Hollywood": Du willst es doch auch!

Für eine Karriere in Hollywood sind einige junge Frauen zu allem bereit. Wenn es für das Weiterkommen förderlich ist, ziehen sie sich auch aus. Oder lassen sich beim Orgasmus filmen. Im Berufsleben nennt man das sexuelle Belästigung. Bei RTL heißt das "Mission Hollywood". Ein Kommentar von Katharina Miklis

Yesim Sery hat einen Traum. Sie möchte Schauspielerin werden. Am liebsten in Hollywood. Dafür ist sie sogar bereit, sich Gumminippel auf die Brüste zu kleben. Und zu strippen. Nur als sie auch noch den BH ausziehen soll, ziert sie sich ein wenig. Yesim ist Kandidatin einer RTL-Castingshow, in der jungen Frauen eine Rolle in Hollywood versprochen wird. Wenn sie sich nicht allzu sehr zieren.

Seit zwei Wochen sucht der Schauspieler Til Schweiger auf dem Privatsender nach einem neuen Hollywood-Star. Eine Nebenrolle im Kinofilm "Twilight" soll die Rechtfertigung dafür sein, dass Til Schweiger Woche für Woche junge Frauen fragwürdige Szenen nachspielen lässt, die mit Schauspielerei nicht viel zu tun haben. Sie müssen sich küssen. Oder sich ausziehen. Wer sich "zu sehr anstellt", so Juror Til Schweiger, scheint nicht wirklich weiterkommen zu wollen.

Unter dem Deckmantel der Nachwuchsförderung findet im Fernsehen etwas statt, was - würde es in einem Büro passieren - rechtswidrig wäre. Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gelten als sexuelle Belästigung unter anderem "unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen gehören". All das bekommt man montagabendlich im Fernsehen zu sehen.

Perversion des Privatfernsehens

Mit "Mission Hollywood" nimmt das Format Castingshow neue Formen an. Nicht dass wir nicht schon einiges gewohnt waren. Annemarie Eilfeld, Kandidatin der Bohlen-Show "Deutschland sucht den Superstar", gab zu, dass sie in den Live-Shows keine langen Kleider tragen durfte und auch von Formaten wie "Germany's next Topmodel" ist man die mediale Fleischbeschau gewohnt. Bei "Mission Hollywood" findet jedoch die Perversion des Privatfernsehens ihren vorläufigen Höhepunkt. Die "Entschuldigung" für das, was RTL mit den jungen Kandidatinnen macht, formuliert eine Sendersprecherin so: "Vielleicht ist die Show für einige etwas zu sehr sexuell angehaucht. Aber 'Nathan der Weise' oder 'Faust' ist nun mal nicht das, was der RTL-Zuschauer sehen will." Außerdem machen die jungen Frauen ja auch freiwillig mit. Niemand wird gezwungen. Nach dem Motto "du willst es doch auch" lässt RTL die Kandidatinnen spärlich bekleidet über ihre Schamklippe springen.

Juliane Kammerl ist auch gesprungen. Sie war Kandidatin bei "Mission Hollywood". Letzte Woche flog sie raus - sie war nicht "Tils Typ". Mittlerweile ist sie froh, dass sie nicht mehr bei dieser Show mitmachen muss, wie sie im Gespräch mit stern.de verriet. Sie hat sich die Castingsendung nämlich ganz anders vorgestellt, "anspruchsvoller und nicht so sexuell. Wir waren alles junge Frauen, die ernst genommen und geachtet werden wollen. Letztlich waren wir nur 'Mädchen' aus denen Emotionen ausgequetscht wurden". Die Kandidatinnen, so sagt sie, seien für die Quote benutzt worden. Außerdem sei es nur um "oberflächliche Schönheiten gegangen und nicht um Schauspielerei". Juliane Kammerl fühlt sich benutzt. Aber sie gibt auch zu: "Ich habe mich belästigen lassen."

"Massiv frauenfeindlich"

Marina Busse, Dekanin und Professorin für praktische Theaterarbeit, Grundstudium und Szenenstudium an der Folkwang Hochschule Essen, spricht bei den Kandidatinnen der Castingshow von "menschlichem Material, das für den Profit eines Senders benutzt wird". Für stern.de hat sie sich das Format genauer angeschaut - und ist entsetzt. "Das Spiel ist das gleiche wie bei 'DSDS': Wie weit entblößen sich Menschen in der Hoffnung, berühmt zu werden. Nur das 'Mission Hollywood' zudem noch massiv frauenfeindlich ist." Mit der Realität des Schauspielberufes habe diese Show absolut nichts zu tun. Dieser Meinung ist auch Kim Moke, künstlerische Leiterin der Hamburger Stage School of Music, Dance and Drama. "Sex für Quote - das ist alles". Til Schweiger als vermeintlicher Schauspiellehrer macht sie fassungslos - seine Karriere-Versprechen, nur ein Vorwand. "Hollywood ist knallhart. Niemand wartet dort auf eine gecastete, zweitklassige deutsche Schauspielerin," so Moke, "das ist es nicht wert, dass sich Frauen derart erniedrigen lassen." Dekanin Busse ist zudem entsetzt von dem Klischee der Besetzungscouch, das Til Schweiger bei "Mission Hollywood" schürt: "Frauen werden dargestellt, als würden sie für die Karriere alles tun. Nur dass sie sich hier nicht hoch schlafen, sondern Männerphantasien befriedigen, indem Sie sich ausziehen oder andere Frauen küssen und einen Orgasmus nachspielen. Das ist eine Schande für unseren Beruf."

Wenn der Höhepunkt zum Tiefpunkt wird

Der Sender zeigt keine Bedenken dieser Art. Die RTL-Sprecherin betont, dass Szenen, wie die Orgasmus-Szene aus "Harry und Sally" oder Kim Basingers Striptease aus "9 ½ Wochen" nun mal berühmte Szenen der Filmgeschichte sind, die einfach jeder Zuschauer kennt. Deswegen habe man sich dafür entschieden. "Eine Meg Ryan hätte es auch nicht so weit gebracht, wenn sie sich bei der Orgasmus-Szene geziert hätte."

So sieht RTL also das Schauspiel-Business. Großen Erfolg hat der Sender mit seiner Philosophie "Zieh dich aus und du kannst es sehr weit bringen" nicht. Die drastisch sinkenden Quoten deuten darauf hin, dass sich nicht allzu viele junge Zuschauerinnen von dem Sender Hollywood und die Welt erklären lassen wollen.