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"Spiegel"-Bericht: Charlotte Roche und weitere Frauen werfen WDR-Mann Belästigung vor

Belästigungsvorwürfe gegen WDR-Fernsehspielchef Henke: Im "Spiegel" melden sich sechs Frauen mit konkreten Vorwürfen zu Wort. Henke streitet alles ab - auch namhafte Schauspielerinnen nehmen ihn in Schutz.

WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke (l.) wird im "Spiegel" von sechs Frauen, darunter der Schauspielerin und Schriftstellerin Charlotte Roche (r.), der sexuellen Belästigung bezichtigt

WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke (l.) wird im "Spiegel" von sechs Frauen, darunter der Schauspielerin und Schriftstellerin Charlotte Roche (r.), der sexuellen Belästigung bezichtigt

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Seit den Recherchen von stern und Correctiv zu sexuellen Belästigungen beim kommt der Sender nicht zur Ruhe. Wie der "Spiegel" in seiner morgigen Ausgabe berichtet, wird dem WDR-Programmbereichsleiter Gebhard Henke von sechs Frauen vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Unter den Frauen ist auch die Bestseller-Autorin und Moderatorin Charlotte Roche ("Feuchtgebiete"), die in dem Nachrichtenmagazin konkrete Vorwürfe erhebt. Henke lässt über seinen Anwalt mitteilen, dass die Vorwürfe "falsch und an den Haaren herbeigezogen" seien.

"Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen" 

Am vergangenen Sonntag hat der Westdeutsche Rundfunk einen weiteren Mitarbeiter nach Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt: Gebhard Henke, 63, Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie beim WDR. Zunächst hatte die "Bild"-Zeitung von einem "hochrangigen" Mitarbeiter berichtet, Henke selbst machte den Fall später über seinen Anwalt öffentlich und stritt die Vorwürfe ab. 

Henkes Anwalt Peter Raue teilte mit, sein Mandant sei am Sonntag freigestellt worden, ohne ihm "einen einzigen konkreten Sachverhalt zu nennen". Der Anwalt hat den WDR nach eigenen Angaben aufgefordert, die Vorwürfe bis zum 10. Mai zu konkretisieren und Henke dazu Stellung nehmen zu lassen - oder die Freistellung aufzuheben. "Er hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, er weiß nicht, wer gegen ihn einen - welchen? - Vorwurf erhebt. Und dies sollte, bevor die Gerüchteküche brodelt, klargestellt werden", betonte Anwalt Raue auf DPA-Anfrage. Sein Mandant habe sich dazu entschieden, seinen Namen zu nennen, um Spekulationen ein Ende zu bereiten (lesen Sie hier mehr zu Hintergründen.)

Charlotte Roche: "Legte mir Hand mitten auf den Po"

Sechs Frauen werfen Henke nun vor, sie belästigt zu haben. Darüber berichten sie in der aktuellen Ausgabe des "Spiegel", wie das Nachrichtenmagazin mitgeteilt hat. Die Vorwürfe sollen von 1990 bis mindestens 2015 reichen, schreibt das Blatt. Die Frauen sollen von Henke "betatscht und begrapscht worden sein", er habe "sie an den Po oder Bauch gefasst", schreibt das Nachrichtenmagazin. Außerdem habe der WDR-Mann den Frauen angedeutet, "sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet". 

Eine der Frauen, die im "Spiegel" Vorwürfe erhebt, ist die Moderatorin und Autorin Charlotte Roche ("Feuchtgebiete"), die 2013 in Köln kennengelernt habe. "Er gab mir die rechte Hand und legte mir die linke gleichzeitig fest mitten auf den Po", wird sie von dem Blatt zitiert. Ihr Versuch, sich wegzubewegen, sei damals gescheitert - Henkes Hand habe sich mitbewegt. "Das war schlimm und dauerte gefühlt ewig." Da sie es bereue, damals nichts über den Vorfall gesagt zu haben, wolle Roche nun sprechen. "Vielleicht hilft das ja, dass andere sich auch trauen, etwas zu sagen", zitiert sie der "Spiegel".

Gebhard Henke wehrt sich auch gegen den Bericht des "Spiegel". Sein Anwalt teilte auf stern-Anfrage mit, der WDR-Mitarbeiter habe Charlotte Roche nur einmal in seinem Leben getroffen. "Er kann ausschließen, ihr bei dieser Gelegenheit eine Hand auf den Po gelegt zu haben." Es könne auch nicht sein, dass Roche gegenüber Henke oder dem Sender wegen der Verfilmung ihres Buches unter Druck gestanden habe, wie Roche es im "Spiegel" beschreibe. Bei dem angeführten Treffen habe die Verfilmung längst festgestanden und der WDR sei auch nicht Auftraggeber, sondern lediglich Koproduzent des Films "Schoßgebete" gewesen. "Der Vorwurf von Frau Roche ist deshalb - wie alle anderen Vorwürfe auch - falsch und an den Haaren herbeigezogen."

Offener Brief nimmt WDR-Mann in Schutz

Zuvor hatten sich 16 Frauen, darunter namhafte Schauspielerinnen wie Iris Berben und Barbara Auer, in einem offenen Brief für den beschuldigten WDR-Mitarbeiter eingesetzt. "Wir haben in der Vergangenheit persönlich mit Gebhard Henke zusammengearbeitet", heißt es in dem Schreiben. "Durchaus nicht ohne Konflikte und Machtkämpfe. Auch nicht frei von unterschiedlichen Auffassungen über Männer- und Frauenbilder. Immer jedoch frei von Übergriffen jedweder Art und Schwere." Den Unterzeichnerinnen sei allerdings bewusst, dass dies keine anderen Erfahrungen von Kolleginnen ausschließe. "Wir können und wollen daher nur für uns und über unsere Erfahrungen sprechen. Das aber möchten wir hiermit tun und ausdrücklich sagen: Gebhard Henke ist uns und unserer Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten stets respektvoll begegnet." Man schätze "ihn, seine Arbeit und seine Integrität."

WDR kommt nicht zur Ruhe

Henke agiert für den Sender seit Jahren an führender Position bei deutschen Film- und Fernsehproduktionen. Er war von Senderseite verantwortlich für große Kinoprojekte wie "Lola rennt", "Das Leben ist eine Baustelle" und "Der Totmacher". Auch Serien wie "Die Kanzlei" und "Mord mit Aussicht" liefen über seinen Schreibtisch. Seit 1984 ist er beim WDR tätig und auch als ARD-"Tatort"-Koordinator bekannt. Pikantes Detail: Henke sollte beim WDR den von der "Zeit" enthüllten Skandal um den Regisseur Dieter Wedel aufarbeiten. Nach stern-Informationen (der stern berichtete) soll Henke damals dagegen argumentiert - und eine Prüfung von außen vorgeschlagen haben.

Der Fernsehdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, erklärte laut "Spiegel", er arbeite seit Jahren "sehr eng und vertrauensvoll" mit Gebhard Henke zusammen. Weiter heißt es, dass er eine Entlastung von den Vorwürfen nicht ausschließe, die Schilderungen der Frauen allerdings für "gravierend und glaubwürdig" halte.

Erst vor wenigen Wochen war ein ehemaliger ARD-Auslandskorrespondent wegen des Vorwurfs sexueller vom WDR freigestellt worden. Die WDR-Geschäftsleitung hatte Mitte April ein Maßnahmenpaket für eine bessere Vorbeugung beschlossen und eine dauerhafte externe Ombudsstelle angekündigt, an die sich Betroffene wenden können. Zudem soll die frühere Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies in "völliger Unabhängigkeit" prüfen, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen sei.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels war von einer Freistellung des Mitarbeiters am vergangenen Montag die Rede, korrekt ist jedoch der vergangene Sonntag. Zudem wurde eine Reaktion des WDR-Fernsehdirketors falsch dargestellt und aus dem Text entfernt. Wir bitten um Entschuldigung.

fs/mad/wl/mit Material der DPA und AFP