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Sexuelle Belästigung: Der WDR kommt nicht zur Ruhe: Vorwürfe gegen einen weiteren Mitarbeiter

Vorwürfe gegen einen weiteren hochrangigen Mitarbeiter im WDR-Kosmos: Frauen schildern Fälle sexueller Diskriminierung. Die Beschwerden liegen schriftlich vor. Der Mann amtiert immer noch.

Von Wigbert Löer und Marta Orosz

Der WDR kommt nicht zur Ruhe: Vorwürfe gegen weiteren Mitarbeiter

WDR-Chefs Tom Buhrow und Jörg Schönenborn

Diese Geschichte stammt aus stern Nr. 17 vom 19.4. - in der aktuellen Woche gibt es bereits eine neue Recherche: Interne Mails zeigen, dass Intendant Tom Buhrow unter Druck gerät.

Weitere Opfer melden sich mit Vorwürfen und bitteren Erfahrungen. Die Senderspitze musste sich zweieinhalb Stunden lang den bohrenden Fragen der Belegschaft stellen. Es geht drunter und drüber im WDR, seit der stern und das Recherchezentrum Correctiv zwei Fälle von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung enthüllt haben. Eine Geste allerdings halten Intendant Tom Buhrow und Programmdirektor Jörg Schönenborn offenbar für unnötig: eine öffentliche Entschuldigung bei jenen Frauen, die über Jahre unter prominenten Journalisten des Senders litten.

Stattdessen behauptete Jörg Schönenborn mit Blick auf einen der beiden Belästigungsfälle, es habe damals ein "dringendes Interesse aufzuklären" bestanden.

"Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre"

Größere Konsequenzen hatte der angebliche Drang zur Wahrheit offenbar eher selten. Das zeigen auch neue Recherchen von stern und Correctiv. In einem dritten, bisher unbekannten und recht aktuellen Fall geht es um Machtmissbrauch und sexuelle Diskriminierung.

Der Mann, gegen den sich die Vorwürfe richten, amtiert im WDR-Kosmos weiterhin an hoher Stelle. Er soll für diesen Text Tilo Matzen heißen. stern und Correctiv liegt eine Beschwerde über Matzen vor, die Ende 2016 an drei verschiedenen, jeweils zuständigen Stellen des WDR vorgetragen und auch in Papierform vorgelegt wurde. Das Dokument, über das der WDR seitdem verfügt, fasst die Erfahrungen mehrerer Mitarbeiterinnen mit Tilo Matzen zusammen.

"Sexuelle Diskriminierung" und "Arbeiten in sexuell aufgeladener Atmosphäre" seien an der Tagesordnung gewesen, heißt es in dem Papier. Die Frauen belegen das mit etlichen Zitaten, die sie Tilo Matzen zuschreiben, darunter diese:

● "Frau X. hatte heute wieder ein sexy Strickkleid an. Man konnte alles durchsehen." – "Sie steht auf mich, das weiß ich."

● "Herr Y. fällt für einige Wochen aus. Er hat Rücken. Kein Wunder. Er hat ja jetzt eine neue Freundin. Und endlich wieder Sex."

● "'Na, hattest Du ein schönes Wochenende mit Deinem Freund, oder warum kannst Du Dich nicht mehr bewegen?' (Die Mitarbeiterin hatte einen Hexenschuss.)"

Matzen war dem Beschwerdepapier nach bemüht, es nicht bei Worten zu belassen. Der Versuch, ihm auszuweichen, konnte demnach zu unangenehmen Konsequenzen führen. "Eine Mitarbeiterin hat er auf einer Dienstreise nach der Zimmernummer gefragt. Nachdem sie ihm die falsche Nummer gesagt hatte, hat er später behauptet, sie stände kurz vor dem Burnout und sie sei mit dem Job überfordert."

Hierarchisch geprägter WDR

Eine Frau, die zu einem Abendtermin nach Köln reiste und davon ausging, dass auch Matzen selbst im Hotel absteigen würde, habe sich von Matzen "so stark bedrängt" gefühlt, "dass Kolleginnen ebenfalls in Köln übernachtet haben, damit sie nicht alleine mit ihm an der Bar sitzen musste". Insgesamt waren laut dem Beschwerdepapier "mind. sieben Frauen im direkten und weiteren Arbeitsumfeld von Herrn Matzen bekannt, die er bedrängt hat".

Matzen hatte seinerzeit begonnen, sein Reich neu zu ordnen. Dabei verloren mehrere weibliche Führungskräfte ihren Job. Matzen sagte damals laut Beschwerdepapier: "Ich habe keine Lust mehr auf die Diskussionen mit den Frauen. Nur mit Männern ist es viel einfacher und schöner."

Nach Informationen von stern und Correctiv war der WDR mindestens auf Hauptabteilungsleiterebene mit dem Fall befasst. stern und Correctiv stellten dem Sender Fragen zu dem Fall Matzen. Eine Sprecherin sagte, in der Kürze der Zeit sei eine seriöse Prüfung des Sachverhalts nicht möglich. Tatsache ist, dass der schwer belastete Tilo Matzen weiter seinen Job ausübt. Matzen selbst antworte auf Fragen zu den konkreten Vorwürfen, dass er sich so nicht geäußert beziehungsweise nicht entsprechend gehandelt habe. Die Zitate entsprächen auch nicht seinem Sprachstil.

"Zum Schutz der betroffenen Frauen" sind in dem Beschwerdepapier die einzelnen Kolleginnen nicht namentlich erwähnt. Genau das verdeutlicht das Problem, vor dem der Sender seit vielen Jahren steht, wenn es um Machtmissbrauch, Mobbing und sexuelle Belästigung geht: Es herrscht ein Klima der Angst. Ein Klima, in dem Frauen sich nicht trauen, Fehlverhalten von Vorgesetzten zu melden. Kürzlich schrieb die Vorsitzende des WDR-Personalrats, ihr Gremium habe "immer wieder vergeblich gefordert, im absolut hierarchisch geprägten WDR (...) eine Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten". Eine langjährige WDR-Führungskraft erklärt das Phänomen so: "Es geht immer um Gesichtswahrung. Am besten erweckt man nicht mal den Anschein, etwas könne falsch laufen. Denn darunter könnte ja der Sender leiden."

Externe Ombudsfrauen

Sexuelle Nötigung dulde der WDR nicht, sagte kürzlich Intendant Tom Buhrow. Nach den Enthüllungen präsentiert der WDR nun im Intranet zwei externe Ombudsfrauen, junge Rechtsanwältinnen, die ihre Karriere gerade gestartet haben: An sie sollen WDR-Mitarbeiter sich bei Machtmissbrauch und Übergriffen gefahrlos wenden können.

Auf jene Frauen, die unter Tilo Matzen litten, dürfte dieses Angebot zynisch wirken. Als sie das Unternehmen verließen und über ihre Abfindungen verhandelten, vertrat nämlich genau die Kanzlei der zwei neuen Ombudsfrauen die Gegenseite. Absurd der Gedanke, dass die Frauen ihre Probleme mit dem Chef zuvor gerade der Kanzlei anvertraut hätten, die sie im anschließenden Verfahren gegen sich hatten.

Diese Recherche ist eine Kooperation von stern und Correctiv. Hinweise zum Thema gern an investigativ@stern.de

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